
Es ist unmöglich,
Zu säubern was schon rein ist.
Heilige Riten.
Wo die Lüge ist, da ist auch die Wahrheit. Immer. Und doch scheint die Wahrheit heute zu einer zerbrechlichen Hülle geworden zu sein, deren Zerstörung in der Reichweite eines jeden liegt. Es geschieht vor unseren Augen. Die Vernunft wird durch Emotionen ersetzt, und durch die neuen Technologien werden Emotionen so lange hochgespielt, bis sie zu Daten werden, von dort zu Fakten und schließlich zu Tatsachen. Ja, wir leben in Zeiten, in denen versucht wird, jene elementaren Rechte rückgängig zu machen, die wir als Menschheit gemeinsam als universell erklärt hatten. Gleichheit, Freiheit, Gerechtigkeit, das Recht in Frieden zu leben. Sollen wir uns nun damit abfinden, sollen wir also die neue Dystopie willkommen heißen, weil bereits alles entschieden ist? Sicherlich nicht. Auch wenn man uns vorwirft, Liberale, Marxisten, Anarchisten oder Neoliberale zu sein, müssen wir weiter nachdenken und unsere Ideen fortführen, denn im Prozess der Realitätsgestaltung ist niemals etwas endgültig entschieden. Wir müssen weiterhin die Utopien hinterfragen und weiterentwickeln, die bewusst oder unbewusst die Psyche des Menschen gestalten.
Selbst im Zen sind Übersetzungen von zweifelhafter Qualität aufgetaucht, die behaupten, unsere Praxis sei eine Lüge. Was in Zeiten, in denen im Namen des Verkaufs alles erlaubt ist, vielleicht niemanden überrascht, so verbirgt sich in dieser Behauptung dennoch eine verborgene Wahrheit, die viel über die Werte aussagt, die bewusst oder unbewusst unser Handeln leiten, sowie über den Prozess der Realitätskonstruktion – oder mit anderen Worten: darüber, wie wir die Realität wahrnehmen und auf dieser Grundlage interpretieren. Worauf das Wort „Lüge“ im Zusammenhang mit der Zen Praxis anspielt, ist, dass aus einer bestimmten Perspektive jede Wahrnehmung, jedes Konzept und somit jedes Wort nur eine Interpretation ist und daher nicht die Realität selbst. Andererseits verbirgt das Wort „Lüge“ in diesem Zusammenhang aber auch die Tatsache, dass jede Wahrnehmung, wie jedes Konzept und somit jedes Wort, ihren eigenen Platz im Dharma haben. Anders ausgedrückt: Das Wort „Lüge“ zur Charakterisierung der Zen-Praxis entspricht eher einer Sichtweise der Realität, die diese nur aus einer einzigen Perspektive betrachtet und den Schwerpunkt ausschließlich auf die Lüge legt und leitet somit einem irreführenden und reduktionistischen Diskurs über. Anders gesagt: natürlich haben die Werte auch im Dharma eine große Bedeutung. Wer an dieser Stelle noch daran zweifelt – sind nicht die buddhistische Ethik, die Sutras und die Gebote ein Beweis dafür?
Die Wahrheit ist die Wahrheit und die Lüge ist die Lüge. Das ist eine unumstößliche Tatsache, die jedoch gleichzeitig verschleiert, dass dort, wo die Wahrheit existiert, auch die Lüge präsent ist, und dort, wo die Lüge existiert, auch die Wahrheit nicht Weit ist. Warum muss dann die Vernunft durch das Aufkommen der künstlichen Intelligenz, der Post-Wahrheit und des Populismus also in Gefahr sein? Hier stoßen wir auf eine der Säulen der Zen-Lehre: die Vergänglichkeit. Dass alles vergänglich ist, dass alles ständig einem kontinuierlichen Wandel unterliegt, gilt sowohl für die Vernunft als auch für die künstliche Intelligenz, die Post-Wahrheit und den Populismus. Oder mit anderen Worten: Die Vernunft, verstanden als ein Prozess ständiger Selbstreflexion, kann kein festes Konzept sein, denn sonst wäre sie keine Vernunft mehr, sondern eine Instrumentalisierung der Vernunft – oder wieder anders ausgedrückt, eine Lüge. Zu diesem Schluss kamen die Väter des kritischen Denkens, nachdem sie am eigenen Leib erfahren hatten, wohin die Manipulation der Vernunft letztendlich führt, wenn man ihr nicht aktiv Einhalt gebietet.
Wo die Lüge ist, da ist auch die Wahrheit. Immer. Was ist dann der geeignetste Weg, um die Manipulation der Vernunft einzudämmen? Aus der Perspektive des Zen, aus der Praxis des Fallenlassens von Körper und Geist könnten wir sagen: indem wir die Vernunft als einen Prozess pflegen der sich ständig weiterentwickelt, als einen Prozess der sich ständig weiterzuentwickeln hat.. Wenn wir die Vernunft als einen Prozess akzeptieren und sie als eine Wahrheit behandeln, die stets auf die Probe gestellt werden muss, wird die Vernunft immer authentisch und wahrhaftig sein, da sie dann auf natürlicher Weise im Einklang mit den Umständen und dem Gleichgewicht steht. Mehr noch: Vielleicht kommen wir auf diese Weise sogar zu dem Schluss, dass es Sinn macht unsere Werte immer wieder auf die Probe zu stellen – bis zu dem Punkt, an dem wir sie sogar verlieren –, denn dann werden womöglich am eigenen Leib erfahren können, dass diese Werte an die wir glauben, wenn sie authentisch sind, uns nirgendwo anders hinführen können als dahin uns wieder mit ihnen zu vereinen. Anders ausgedrückt: Der wirksamste Weg, die Vernunft zu pflegen, besteht darin, sie in die Praxis umzusetzen, damit sie neu entsteht, damit sie wahrhaftig zum Leben erwacht – diesmal fester, höher, runder und ja warum eigentlich nicht? vielleicht auch reiner.
