
Über der Brücke,
Züge kommen und gehen,
In den Morgengrauen.
In den Wolken, in der Farbe des Himmels, in den Gebäuden, den Brücken, in unserer Lebensweise. Im Wasser und seinem Spiegelbild, in der Art, wie wir uns kleiden, ebenso wie in der Art, wie wir uns von einem Ort zum anderen bewegen. In dem, was wir essen, ebenso wie in dem, was wir sagen oder verschweigen. In unseren Freuden und in unseren Sorgen. In absolut allem spiegeln sich die Werte wider, die das Denken antreiben. Werte sind wie die stille Sprache der Bäume, die untereinander kommunizieren. Sie sind wie das Wasser des Meeres, das alle Sinne durchdringt, wenn wir darin eintauchen. Die Werte sind überall zu finden, sie beobachten uns, sie leiten uns, sie treiben uns vor sich her.
Weil das Denken nicht nur unsere Art bestimmt, das Hier und Jetzt zu erleben, sondern auch das Fundament bildet, auf dem die Zukunft aufbaut, halte ich es für notwendig, an dieser Stelle innezuhalten. Noch einen Moment länger will ich über den offensichtlichen und unbestreitbaren Zusammenhang zwischen Gefühl und Vernunft nachdenken. Andernfalls, wenn wir uns über diesen stillen Zusammenhang nicht im Klaren sind, wäre das Risiko groß, immer wieder dasselbe Verhaltensmuster zu wiederholen. Ich beziehe mich auf nichts Geringeres als das Verhalten des Kolonialismus, von dem wir alle dachten, wir hätten ihn schon vor langer Zeit hinter uns gelassen, und dessen Einfluss auf unsere Art und Weise zu leben uns oft gar nicht bewusst ist. Genauer gesagt meine ich jene Denkweise, die uns ständig suggeriert, es sei legitim, der Wirklichkeit unsere eigene Denkweise aufzuzwingen. Genau an dieser Stelle schlage ich nun vor, dass wir, bevor wir anfangen, Feinde oder Schuldige im Außen zu suchen, unsere Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt richten, damit wir weiter gemeinsam untersuchen können, wie, wann und warum diese Aggression tatsächlich stattfindet, die – wie könnte es anders sein? – jenes unbewusste Leiden offenbart, das sich in unserem eigenen Inneren befindet.
Also speisen wir, bewusst oder unbewusst, unsere Weltanschauung und unsere Werte in die künstliche Intelligenz ein, und auf der Grundlage dieser Daten bildet diese wiederum ihre eigenen Informationen und Argumente. Die Frage, die sich dabei erneut stellt, lautet: Inwieweit sind die Informationen, die wir dann erhalten, lediglich eine Bestätigung der Werte, die wir zuvor in das System eingegeben haben? Oder genauer gesagt: Inwieweit stellen diese vermeintlich neuen Daten ein neues Wissen, oder gar eine neue Erfahrung dar? Diese Frage führt mich zur nächsten Überlegung, denn unweigerlich stellt sich hier die Frage: Wann, warum und wie wird die Rationalität zu einem Kontrollsystem? In der Vergangenheit gab es bereits Antworten auf diese Frage. Die Väter des kritischen Denkens, bestürzt über die Gräueltaten des Krieges, sagten nach dem Zweiten Weltkrieg: „Die Vernunft hört in den Moment auf Vernunft zu sein, in dem aus den Augen verloren wird, dass die Vernunft immer nur als ein Prozess ständiger Selbstreflexion existiert.“ Ein Gedanke, dem wir aus der Praxis des Zen hinzufügen können: Die Vernunft steht in direkter Verbindung mit den Sinnen, die wiederum stets mit allen Phänomenen interagieren, die das Hier und Jetzt ausmachen.
Der letzte Satz des Herz-Sutras „Gate gate paragate parasamgate bodi svaha“ lässt sich auf verschiedene Weise übersetzen und interpretieren. Eine Möglichkeit, ihn zu verstehen, besteht darin, ihn als Aufruf zu sehen, niemals innezuhalten und uns weiterhin auf das Erwachen zuzubewegen – als Ermutigung, aufrichtig und hingebungsvoll weiter zu praktizieren, bis wir die Buddhaschaft erlangen. Eine andere Möglichkeit, diese Worte zu verstehen, besteht darin, sie als den direkten Ausdruck der Wirklichkeit zu betrachten. Da die Wirklichkeit der ständige Wandel selbst ist, bedeutet dies, dass das Verharren in jeglicher geistigen Formation an sich bereits eine Verzerrung des Hier und Jetzt, der Wirklichkeit, darstellt. Werte sind überall und prägen das Sein. Sie sind im Licht der Morgendämmerung der Stadt ebenso zu finden wie in jedem Gefühl, in jeder Umarmung, in jedem Wort, in jedem Ziel, in jeder Entscheidung. Sie sind in unserem Schatten ebenso zu finden wie im Licht. Weil dies so ist – und um es anders auszudrücken – frage ich daher: was bedeutet es aufrichtig zu sein, aufrichtig zu leben?
