UMSTÄNDE

Tagsüber offen,

Bleibt in der Nacht geschlossen, 

Die Wasserblume.

Was wäre die weiße Lilie ohne dem Wasser? Ohne den Schlamm, ohne das Sonnenlicht, ohne den Sommer, in dem sie wächst? Was wäre der Winter ohne den kalten Wind? Ohne die Berge, ohne die Wolken, ohne den Regen und ohne den weißen Mond, der die Nacht so oft begleitet? Wir, die den Zen-Buddhismus praktizieren, werden von Zeit zu Zeit gefragt – vielleicht, weil die Menschen Entsagung als Verlust interpretieren –, warum wir auf so viele Dinge verzichten. Und die Wahrheit ist, dass das was wir für gewöhnlich als Entsagung bezeichnen seinen Beigeschmack von Verlust verliert sobald wir erkennen wie komplex und vielschichtig die Einfachheit sein kann. Wenn wir beginnen zu verstehen, dass – da alles ständig mit allem anderen verbunden ist – jeglicher Widersprüch immer nur eine Frage der Perspektive ist. Nein, es ist weder notwendig noch möglich, in die Vergangenheit zurückkehren zu wollen, aber was wir tun können, ist zu erkennen, dass das Akzeptieren der Mehrdeutigkeit unserer Identität nicht die Krankheit ist, sondern Teil der Heilung.

Ich bin mir unsicher, also frage ich die Künstliche Intelligenz (KI): „Was ist Mehrdeutigkeit?“, und sie/er/es antwortet, dass es sich um ein verwirrendes Wort, Ausdruck oder Verhalten handelt, bei dem es an Klarheit mangelt. Das ist falsch. Und mir wird klar, dass es falsch ist, weil es davon ausgeht, dass Klarheit keine unterschiedlichen Interpretationen zulässt. Ich frage mich, ob wir hier nicht bereits das Dilemma erkennen können, vor dem wir als Zivilisation stehen? Der Verlust der Vielfalt einerseits und das Streben nach Eindeutigkeit andererseits, dass sich im Ausschluss des Anderartigen, die Etwertung des Anderen und dessen Herabsetzung. Aus dieser Perspektive wird deutlich, warum wir von einem wahren „Verlust“ sprechen, wenn wir den Verlust der Vielfalt meinen. Wir berauben uns selbst des Zugangs zur Freude an einem Leben, das in vollen Zügen gelebt wird – und nicht nur das: Indem wir uns weigern die Mehrdeutigkeit der Wirklichkeit zu akzeptieren, konzentrieren wir uns automatisch auf eine nie endende Illusion und sind bereit in dessen Namen uns gegenseitig zu bekämpfen um eine Herrschaft zu erlangen, die niemals erreicht werden kann, gerade weil sie illusorisch ist.

Ja, der Verlust einer mehrdeutigen Interpretation ist immer ein Verlust. Genauso wie es ein Verlust ist, nicht zu akzeptieren, dass die Frage „Was ist Wahrheit?“ immer mehrere Antworten hat. Genauso wie es ein Verlust ist, nicht zu akzeptieren, dass die Frage „Inwieweit sollten wir Wahrheiten in die Praxis umsetzen?“ immer präsent sein muss, wenn die Absicht wahrhaftig ist, die Wahrheit auf aufrichtige und engagierte Art und Weise zu erforschen. Mit anderen Worten: Natürlich ist die Aufgabe anspruchsvoll – ja –, doch nicht gänzlich unmöglich, denn ebenso wie die Stille wissen auch Kunst und die Poesie bereits, wie man sie zum Ausdruck bringt. Es ist der Moment, in dem die Poesie aufhört, eine bloße Ansammlung schöner Worte zu sein, und die Stille unmissverständlich widerspiegelt, dass dieser Augenblick ein unwiederholbarer, einzigartiger und wahrhaft unaussprechlicher Moment ist – einer, der gelebt werden muss.

Diejenigen die Zen-Buddhismus praktizieren, werden manchmal gefragt, warum wir der Form so viel Bedeutung beimessen. Warum ist es so wichtig, sich darum zu bemühen, an einem ruhigen Ort zu praktizieren, an den weder Regen noch Wind eindringen können? Warum muss der Praxisraum sauber sein, weder zu hell noch zu dunkel? Ganz einfach, weil die Umstände nicht nur die Art und Weise beeinflussen, wie wir die Realität interpretieren, sondern sie auch prägen und formen. Anders ausgedrückt: Mit all unseren Facetten sind wir selbst die Umstände, die wir schaffen. Wie eine einsame Blume, die niemals wirklich allein ist, denn tagsüber wird sie vom Sonnenlicht begleitet und nachts von den Strahlen des Mondes. Wie der kalte Winterwind, der stets von den Wolken begleitet wird, vom Regen, der Landschaft des Tales und das der Bergen. 

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KONTRASTE

Licht und Dunkelheit,

Ein Schritt nach dem anderen,

Der höchste Gipfel.

So wie bei den Tönen, Farben und Formen ermöglicht auch in unseren Gedanken und Erfahrungen der Kontrast, Unterschiede zu erkennen. Denn die Sterne sind nicht zu sehen, wenn die Sonne sie beleuchtet, ebenso wenig wie der Meeresgrund nicht zu erkennen ist, wenn wir ihn in einer dunklen Nacht betrachten. Ja also, die Unterschiede existieren und sind real, und Einheit bedeutet nicht unbedingt, dass alles einheitlich sein muss, denn dass Unterschiede existieren, muss nicht bedeuten, dass sie sich untereinander widersprechen. Vielmehr bedingen sie sich gegenseitig. So wie das Statische durch die Bewegung wahrgenommen wird, das Ferne durch die Nähe, das Helle durch das Dunkle und das Reine im Unreinen. Dennoch empfinden und betrachten wir die Unterschiede als Gegensätze und bezeichnen sie als gegensätzlich. Wen überrascht es da noch, dass wir etwas, das keinerlei Komplikationen aufweist, als komplex bezeichnen, dass wir etwas, das zutiefst mit allem verbunden ist, als isoliert betrachten und dass wir das, was in Wirklichkeit unbestreitbar Teil von uns ist, schließlich verabscheuen?

Wir tragen einen Widerspruch in uns, den wir nicht sehen, der sich jedoch in den Kontrasten deutlich offenbart. Ein Widerspruch, der in den Unterschieden klar macht, dass es nicht so ist, als hätten uns die früheren Generationen mit ihrem Individualismus ein schlechtes Erbe hinterlassen, dass nicht der Individualismus für die geringe Solidarität verantwortlich ist, die heute unsere Gesellschaft kennzeichnet, sondern dass es unsere Verwirrung hinsichtlich der Unterschiede ist. Eine Verwirrung, die uns daran hindert, auf gesunde Art und Weise miteinander umzugehen, die Unvorhersehbarkeit und Unsicherheit suggeriert und damit Angst vor der Zukunft propagiert. 

Hier befinden wir uns heute. In einer seltsamen Beziehung zur Vergangenheit, verwirrt in Bezug auf die Gegenwart und unsicher, was die Zukunft angeht. Wir geben den vergangenen Generationen die Schuld, suchen Rettung in autoritären Konzepten und fürchten uns vor der Zukunft. Wir könnten zu dem Schluss kommen, dass uns die Unwissenheit verzehrt. Dass uns die kollektive Amnesie überwältigt. Wäre da nicht die Klarheit, die immer direkt vor unseren Augen liegt. Von dort aus: welchen Sinn hätte es, uns unwissend, unhöflich und ängstlich haben zu wollen? Ich glaube nicht, dass es das ist, denn es wäre nicht nur ein Verbrechen, es wäre sinnlos. In der Klarheit ist das deutlich zu erkennen. Die Klarheit, die uns ein einziger Moment absoluter Stille schenken kann. Diese Stille, die uns spüren, sehen, schmecken erleben und somit tief verstehen lässt, dass es in den Unterschieden keine Gegensätze gibt, und die auf diese Weise alles Unklare auflöst: Es gibt keinen Grund jemanden gefangen halten zu wollen, keinen Grund Gehorsam erzwingen zu wollen, keinen Grund jemanden in Unwissenheit halten zu wollen, keinen Grund Herrschaft über andere ausüben zu wollen – ebenso wenig wie es einen Grund gibt, Angst vor der Zukunft und den neuen Technologien zu haben. Sich nur bewusst sein, dass die Objektivität und die Subjektivität sich nicht widersprechen, sondern sich ständig gegenseitig bedingen. Vielleicht ist dies also der nächste Schritt, den die Wissenschaft wirklich gehen muss: die Subjektivität in der Objektivität anzuerkennen und zu berücksichtigen, dass das Objektive immer nur relativ und bedingt sein kann.  

In den Kontrasten lassen sich die Unterschiede deutlich erkennen. Es kann erfahren, gesehen,  gespürt und verstanden werden, dass sich die Unterschiede nicht widersprechen, sondern ergänzen. So lässt sich auch in den Unterschieden erkennen, dass selbst die Komplexität weder einfach noch schwierig, weder komplex noch simpel, weder groß noch klein, weder oberflächlich noch tiefgründig ist, sondern immer ein Ausdruck der Verbindung ist, die ständig zwischen allem besteht. Dies ist auch der Grund, warum die Erinnerung gerade in Momenten tiefster Verwirrung wieder erscheint: die Illusion und die Realität stehen ebenfalls im Kontrast zueinander. Ebenso verliert hier auch die Geschichte jene einseitige Bedeutung von Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft, die wir ihr stets zuschreiben und macht deutlich, dass ebenso wie die Realität die Erinnerung bedingt, auch die Erinnerung die Realität, in der wir leben prägt. Nein, es ist nicht ratsam, die Zeit aus Angst vor dem, was kommt, umkehren zu wollen. Mehr noch, es ist weder notwendig noch möglich. Wir müssen uns nur bewusst machen: In Wirklichkeit gibt es keinen Widerspruch zwischen den Unterschieden.

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OBJEKTIVITÄT

Unter dem Himmel,

Ursache und Wirkung nur,

Über der Erde.

Wenn es in der Stille keinen Lärm gäbe, wäre es nicht die ewige Stille. Wenn es im Licht keine Dunkelheit gäbe, würden wir weder das Licht noch die Dunkelheit sehen. Wenn in der Einsamkeit nur die Abwesenheit Platz hätte, könnte uns die Einsamkeit nicht all jene Wahrheiten offenbaren, die die Normalität so unvollkommen verbirgt. Wie die Wahrheit, dass die Normalität in Wirklichkeit ein Raum-Zeit-Kontinuum ist, in dem sich alles ständig verändert und wandelt. Wie die Wahrheit, dass das Licht und die Dunkelheit untrennbar voneinander abhängen, oder auch wie die Wahrheit, dass in der wahren Einsamkeit das Einzige, was wirklich fehlt, das Gewohnte ist, das Normale im Sinne des Regulierenden und Normativen. 

Die Verwechslung zwischen Normalität, Objektivität und dem Normativen ist so offensichtlich, so klar, sie hat ein solches Ausmaß und ist so inhaltsreich, dass ich der Meinung bin, wir sollten ihr noch einige Worte widmen. Denn in der Geschichte der Menschheit hat sich schon immer gezeigt: Während die Normalität für die einen stets Wohlstand und Vorteil bedeutete, war sie für andere gleichbedeutend mit Ausgrenzung und Ablehnung. Darüber hinaus lässt sich vor allem in der Geschichte der Moderne beobachten, dass die Normalität stets eine Botschaft der Ohnmacht vermittelt hat. Dies wird durch die Attribute und Konzepte von Erfolg, Prestige und sozialer Relevanz deutlich, die für die einen Normalität darstellen, für viele andere jedoch einen unerreichbaren Traum. Dies macht deutlich, dass die Normalität nicht nur eine Illusion ist, sondern durchaus auch ein Instrument. Seit Jahrhunderten ist sie das Instrument derer, die versuchen aus der Normalität das Synonym für den der herrschenden Ordnung untergeordneten Bürger zu machen, sei diese Ordnung weltlich oder kirchlich. Und andererseits ist sie das Instrument derer, die versuchen, das Normale zu jenem individualistischen und unabhängigen Individuum zu machen, das die Aufklärung durch die Vernunft und ihren Slogan „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ stets gefordert hat. Ebenso stelle ich fest, dass auch die Werbung, der wir täglich ausgesetzt sind, eher an die Emotionen als an die Vernunft appelliert und sich auf diese Weise für eine bestimmte Vorstellung von Normalität einsetzt, wodurch sie den klaren Blick in gewisser Weise versperrt: Einerseits befriedigt sie unsere Sinne, andererseits vermittelt sie uns aber auch ein Gefühl der Unterlegenheit und Ohnmacht, wenn wir den Erwartungen der sogenannten „Normalität“ nicht entsprechen. An dieser Stelle wird deutlich: Wenn es etwas gibt, das in der Normalität nicht existiert, dann ist es die Unvoreingenommenheit; und nicht nur, dass die Neutralität und die Ausgeglichenheit darin fehlen, sondern dient sie ebenfalls als Instrument. Ein Instrument, das in Krisenzeiten die Verwirrung noch weiter verschärft, da es von uns letztendlich verlangen kann, für eine Normalität zu kämpfen oder gar das Leben zu geben, die, wie wir gesehen haben, nie frei von Interessen war und stets den klaren Blick versperrt hat. 

Manchmal werden wir Zen-Praktizierenden gefragt, worin der Wert der Entsagung liege. Eine Frage, die natürlich nicht nur eine bestimmte Sichtweise dessen offenbart, was als Normalität gilt, sondern darüber hinaus auch die Tatsache deutlich macht, dass selbst die Objektivität ihre eigene Unvoreingenommenheit nur selten hinterfragt. Auf diese Weise führt uns eben diese Frage zu einer anderen Antwort darauf, was Entsagung in der Praxis des Zen-Buddhismus bedeutet. Nämlich zu der Erkenntnis, dass es bei der Entsagung nicht um eine Ablehnung des Alltags geht, sondern vielmehr um eine wertvolle Gelegenheit, das Notwendige zu tun, um die Verwirrung zu beenden. Um zur Klarheit von Körper und Geist in Einheit zu gelangen. Jener Klarheit, die es uns ermöglicht, uns der Verhaltensmuster bewusst zu werden, die unsere Fähigkeit beeinflussen, die Dinge so zu sehen, wie sie sind, und uns von dort aus uns zu einer gesünderen Haltung dem Leben gegenüber einzulassen.

Wenn es in der Stille keinen Lärm gäbe, gäbe es in der Stille auch keine Erinnerung. Wir wären nicht in der Lage, aus unseren Fehlern zu lernen, wir könnten keinen Zufluchtsort finden, denn wir würden weiterhin das Gute und das Böse, wie den Lärm und die Stille nur als Gegensätze betrachten. Wenn wir die Dunkelheit im Licht nicht sähen, würden uns die Sterne weiterhin täuschen, denn wir würden weiterhin glauben, dass sie nur dort oben sind, in den unerreichbaren Himmeln. Wir würden nicht sehen, wie sie sich am Grund des Flusses spiegeln. Im Fluss der Erinnerung. Am Grund eines fließenden Gewässers, das als solches immer fließt und stets seine Form verändert.

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NORMALITÄT

Jedes Jahr wieder, 

Die Blüten, die sich öffnen, 

Wenn der Frühling kommt.

Einsamkeit. Licht. Stille. So interpretieren wir oft die Beständigkeit, die das Gleichgewicht schenkt. Wie lebendige, pulsierende Ruhe, wie eine heitere, erstarrte Unruhe. Wie Mond und Sonne in einem einzigen Gestirn. Dennoch sind die Dinge aus dieser Perspektive niemals nur schwarz oder weiß. Vielmehr wird der ewige, unveränderliche Fluss aller Dinge deutlich sichtbar, und man versteht, warum der Herbst in sich sowohl den Sommer, den Winter als auch den Frühling birgt. Wie ein Fluss, der stets fließt und seine Form verändert.

Es ist daher unvermeidlich, ja sogar unausweichlich, dass wir aus einer Position der Stabilität heraus unser Verständnis der Realität hinterfragen und uns fragen, was das Gleichgewicht eigentlich ist, was die Gesundheit ist, was normal und was richtig ist. „Nichts, was als selbstverständlich angesehen werden kann“, lautet oft unsere erste Antwort. Nichts, was mit der uns so vertrauten üblichen Logik zu tun hat, der Logik des Guten, des Größten, des Erfolgs, des Mächtigen, die zugleich auch die Logik des Bösen, des Kleinen, des Scheiterns, des Unterdrückten ist. Denn aus der Perspektive des Gleichgewichts erhält die Normalität eine neue Bedeutung, da das, was normal ist, auch anders wahrgenommen werden kann. Als etwas, das sich ständig verändert, das sich kontinuierlich wandelt. Als etwas, in dem das, was wir gewöhnlich als „normal“ bezeichnen, schlichtweg nicht existiert. Einfach weil sich nichts wiederholt und das Gewöhnliche gänzlich fehlt. Auf diese Weise gibt es ebenso wenig Normalität wie Anomalie oder Ausnahmezustand. Mit anderen Worten: Die Ausnahme wird als Normalität gesehen und der Ausnahmezustand als das Gewöhnliche und Beständige.

So ist es deutlich zu erkennen, dass wir für gewöhnlich etwas als „normal“ bezeichnen, das niemals von Dauer, unveränderlich oder stabil ist. Dies lässt sich sowohl im gegenwärtigen Augenblick als auch im Laufe der gesamten Geschichte der Menschheit feststellen. Mehr noch: Wir können beobachten, dass das, was wir als „diesen Augenblick“ bezeichnen, schon immer eine unzählige Vielzahl von Zuständen war, ist, und sein wird, die sich in diesem spezifischen Moment ereignen und die ihrerseits unendlich viele Elemente und Umstände in sich vereinen. Wer mit dieser Sichtweise der Realität nicht so vertraut ist, kann dies überprüfen, indem er ein Kind fragt; denn wenn ein Kinder gefragt wird was die Realität ist, wird es höchstwahrscheinlich antworten, dass die Realität ein ständiges Staunen ist. Dies zeigt deutlich, dass es nichts außergewöhnliches ist, über die Realität zu staunen, sondern dass wir es sind, die irgendwann im Laufe unserer Entwicklung damit begonnen haben, die Normalität als etwas Feststehendes zu begreifen. Das bedeutet, dass die Normalität in Wirklichkeit keine festgefügte Art ist, das Geschehen zu betrachten, und dass sie viel in sich verbirgt, als die fragmentierte Sicht der Realität, die das Subjekt ständig vom Objekt trennt.

Weil sich alles ständig verändert, wenn die Normalität aus der Stabilität des Gleichgewichts betrachtet wird, kann auch beobachtet werden, dass auch wenn die Normalität keine feste Identität hat, es dennoch Kontinuität im ständigen Fluss der Ding gibt. Davon abgeleitet kann somit auch erkannt werden, dass auch wenn die Identität keine eigene Essenz hat, sie dennoch sehr wichtig ist und weil sie wichtig ist, kann die Normalität, die als etwas stets Neues betrachtet, auch keine Verantwortungslosigkeit zulassen. Ein Ort, ein Platz, von dem aus wir uns fragen können: Was tun, um verantwortungsbewusst, ausgeglichen und im Einklang mit allen Dingen zu handeln? Oder vielleicht sogar: Ist die Befreiung vom Leiden das Ergebnis von etwas, oder geschieht die Befreiung einfach, wenn wir die Geschichte unterbrechen? Einsamkeit. Licht. Stille. Gäbe es in der Stille keinen Lärm, wäre die Stille nicht die ewige Stille. Gäbe es im Licht keine Dunkelheit, könnten wir das Licht nicht wahrnehmen. Ebenso könnte uns die Einsamkeit die Wahrheit, die die Normalität gewöhnlich so unvollkommen verbirgt, nicht offenbaren, gäbe es in der Einsamkeit keine Gesellschaft. 

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STABILITÄT

So wie im Frühling, 

Stein, Holz, der weite Himmel. 

Wenn es der Herbst ist.

Ohne jegliche Veränderung, der ewige Fluss der Dinge ist immer präsent. Es ist der Sommer, der Herbst, der Winter, der Frühling. Es ist sowohl die neuen Blühen der alten Blumen als auch das Fallen der Blätter, das den kalten Herbstwind begleitet. Es ist ein Regentropfen, der am Fenster herunterläuft. Es ist sowohl das Gedächtnis als auch die schönen Erinnerungen der Kindheit . Es ist die Ungewissheit darüber, was die Zukunft bringen wird, sowie auch die Hoffnung auf ein friedliches Leben für uns und unsere Kinder. Es ist die Angst vor der Gewalt der Kriege. Es ist der Morgenmond, aber auch die neue, einfache Sonne der Morgendämmerung. Der ewige Fluss der Dinge ist immer unverändert präsent, aber dennoch verlieren wir ihn so leicht aus den Augen. Ich frage mich, warum das so ist, warum wir das Offensichtliche so leicht aus den Augen verlieren, warum wir immer bereit sind, die Dinge nur schwarz-weiß zu sehen.

Es gibt Leute, die sagen, dass das Tempo der technologischen Entwicklung einfach unsere Fähigkeiten übersteigt, ich bezweifle aber, dass wir die Antwort darauf, warum wir dazu neigen, unser Leben auf nur einige Aspekte zu reduzieren, in den äußeren Umständen finden. Vielmehr glaube ich sogar, dass es gar nicht nötig ist komplexe Erklärungen zu suchen, denn es ist der Versuch selbst die Realität zu verstehen, der uns verunsichert. Wir nehmen wahr, was vor unseren Augen geschieht und in unserem Versuch, dass was sich gerade ereignet zu verstehen, fügen wir es in die Welt der Worte und Konzepte ein, die wir in uns tragen. So entsteht die Kluft zwischen der Realität und dem, was wir für die Realität halten. Die Trennung, die Dualität, die bedingte Wahrnehmung dessen, was geschieht. Nun haben wir alle in der Schule Mathematikunterricht gehabt und wissen, dass, wenn eine einfache Berechnung am Anfang falsch ist, auch das Endergebnis der Gleichung nicht richtig sein kann, und genau das ist was uns in der Folge destabilisiert. Damit stellt sich die Frage: Wo, in was und wie finden wir Stabilität, wenn die Moral versagt, wenn wir erkennen, dass es in Wirklichkeit die Konzeptualisierung der Realität ist, die uns daran hindert, den innewohnenden Frieden zu sehen, der dem ständigen Kommen und Gehen aller Dinge zugrunde liegt?

Ja, es scheint widersprüchlich von Stabilität in einem Kontext zu sprechen, in dem sich alles ständig bewegt, in dem sich alles ständig verändert und es daher nichts gibt, woran man sich festhalten könnte, kein Konzept auf das man sich stützen kann. Genauso wie es fast illusorisch klingt von Ordnung zu sprechen in einer Wirklichkeit in der alles mit allem verbunden ist, ohne dass es eine Spur von unabhängiger Essenz gäbe. Dennoch sind sowohl die Stabilität als auch die Ordnung sehr wichtige Elemente in unserer Praxis, weshalb ich nun offenlege, dass wenn wir im Zen von Stabilität sprechen, eigentlich das Gleichgewicht meinen. Das Gleichgewicht, das über jedes Konzept hinausgeht und sich nicht von den Versprechungen des Komforts einschränken lässt, die die Ideologie verspricht. Das Gleichgewicht, das unterschiedslos in allem liegt, was geschieht, und daher dem reinen Gefühl selbst, dem wohlwollenden Gedanken, dem gerechten Wort entspricht.

Der ewige Fluss der Dinge ist immer präsent, ohne sich zu verändern. Es ist das Kommen und Gehen des Sommers, des Herbstes, des Winters, des Frühlings. Es ist so offensichtlich, dass es fast keiner Erklärung bedarf, da es in allen Dingen verwurzelt ist. Es ist das Portal, dass immer offen steht, ohne Schlüssel und selbst ohne Tür. Es ist die blühende Wüste ebenso wie ein alter Friedhof. Es ist der ferne Klang einer Glocke ebenso wie die Straßen einer immer geschäftigen Stadt. Der äußere Fluss der Dinge ist immer ohne Veränderung präsent, daher ist er sowohl Gegenwart als auch Erinnerung und Hoffnung. Er ist dieser Moment, er ist das Hier und Jetzt.

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BEWEGUNG

Ein Schirm in der Hand,

Ein Schritt nach dem anderen.

Aufstieg des Berges.

Vielleicht fällt es uns schwer, unsere Schatten zu akzeptieren, weil wir uns die Leere im Grunde genommen als einen dunklen Abgrund vorstellen. Einen ewigen Abgrund ohne Namen, ewig und endlos, in dem alles versinkt. Als ob die Nacht immer in Trauer wäre. Ohne Süße, ohne Dämmerung. Als ob alles farblos wäre, als ob alles nur schwarz und weiß wäre. Die kalte Nacht ohne Sterne. Die Farben, als wären sie nicht nur versteckt und als gäbe es in dieser Dunkelheit keine Bewegung. Ja, es ist schwierig, wenn wir gezwungen sind, Grenzen zu ziehen, um uns selbst zu schützen, weil wir das Gefühl haben, dass in der Dunkelheit Schatten lauern. Es ist schwierig, wenn die Ungerechtigkeit so offensichtlich ist und wir helfen wollen, es aber nicht können, weil wir das Gefühl haben, dass die Norm es uns nicht erlauben würde. All dies ist vollkommen verständlich, dennoch müssen wir angesichts einer Situation, die sich auf lange Sicht als explosiv erweist, so schnell wie möglich einen heilenden Ausweg finden. Und übrigens kann die Alternative nicht darin bestehen, unsere Freiheit und unsere Visionen, die gleichzeitig die Rechte und Visionen aller sind, aufzugeben, um dafür akzeptiert und anerkannt zu werden

Wenn man die Welt als unbeweglich und fragmentiert betrachtet, besteht der wahre Schatten darin, in einer Situation zu verharren, in der man als Beobachter seine Aufmerksamkeit immer nach außen richtet. Die Aufmerksamkeit ist immer auf der Suche nach Anerkennung und Bestätigung, und wenn man sich in einer Situation engagiert, die dies erfordert, tut man es nicht wirklich, denn wenn man seine Aufmerksamkeit immer auf die Außenwelt richtet, bleibt man auch in endlosen Kreisläufen von Worten und Konzepten gefangen. Mit anderen Worten: Wahre Liebe bedeutet auch an erster Stelle sich selbst zu lieben, zu respektieren und für sich selbst zu sorgen, denn dies ist es, was dazu führt, dass man sowohl die Höhen als auch die Tiefen, die Klarheit wie auch die Schatten, die anderen wie auch sich selbst akzeptiert, um zu einem umfassenderen Verständnis zu gelangen. Zum Verständnis, dass die ursprüngliche Bewegung vor der Bewegung des Geistes stattfindet, was wiederum die Türen öffnet, um zu verstehen, dass das grundlegende Problem, das wir in Wirklichkeit haben, in unserer Entfernung von unserer eigenen wahren Natur besteht. Etwas, das nur dann klar zu sehen ist, wenn die Illusionen aufhören, die durch die Bewegung des Bewusstseins geschaffen werden, das ständig vergleicht, richtet und damit diskriminiert. 

In der Gegenwart jenseits des unterscheidenden Verstandes befindet sich die ursprüngliche Bewegung. Die Bewegung, aus der alles hervorgeht, jene Bewegung ohne jede Unterbrechung, die alles miteinander verbindet. Die Bewegung ohne Anfang und ohne Ende, die Bewegung, in der die Unterscheidung zwischen dem Ich und den anderen nicht existiert. Von hier aus ist klar zu erkennen, wie sich die Entfernung von der wahren Natur manifestiert. Wenn beispielsweise angenommen wird, dass der Zweck die Mittel heiligt. Um es klarer auszudrücken: Die Annahme, dass der Zweck die Methoden heiligt, bedeutet nicht nur die Einführung moralischer und damit dualistischer Konzepte, sondern auch die Förderung der Illusion der Zeit, die zwischen einem Vorher, Jetzt und einem möglichen Nachher trennt. Nun ist klar, dass es nicht immer möglich sein wird, vollständig im Gleichgewicht zu leben, aber dennoch, und das ist wichtig, ist die ursprüngliche Bewegung immer da, was bedeutet, dass wir unsere Erinnerung immer wieder auffrischen und immer wieder nach Hause zurückkehren können. 

Buddha Shakyamuni, dessen Todestag im Februar angedacht wird, sagt im Paranirvana Sutra: „Alle Wesen besitzen vollständig und ganz die Buddha Natur. Der Tathagata ist immer gegenwärtig, ohne jede Veränderung.“ Auf den ersten Blick scheint es einen Widerspruch zwischen diesen letzten Worten Buddhas und seiner Lehre über die Vergänglichkeit zu geben, die besagt, dass sich alles ständig verändert.  Ein Widerspruch, der sich auflöst, wenn wir das Hier und Jetzt auf eine andere Weise verstehen. Als einen Raum der Begegnung. Einen Zeit-Raum, der mehr als nur physisch, eine Eigenschaft der Akzeptanz und der Verbindung zwischen allen Phänomenen ist. Ein Verständnis, das andererseits auch die Möglichkeit bietet, sich eine gesündere und damit heilende Situation vorzustellen als die, die die Welt derzeit erlebt. Die Leere ist ein dunkler Abgrund, in dem sich die Farben nur verstecken. In dem die Zeit versinkt, nicht weil die Leere sie verschlingt, sondern nur weil es sie nicht gibt. Aus diesem Grund kleidet sich auch die Nacht nur in Schwarz, um Ruhe zu spenden und weil sie die andere Seite des Tages ist. Es ist auch nicht wahr, dass in ihr, der Nacht, die Süße und die Dämmerung fehlen würden, denn die Farben sind nicht versteckt, sondern ständig in Bewegung.

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SCHATTEN

Sonnenuntergang,

Der Baum spendet den Schatten,

Der Berg, regungslos.

Liebe Leserinnen und Leser, ich muss zugeben, dass zu Beginn dieses neuen Jahres es mir schwerfällt eine Botschaft der Hoffnung zu vermitteln und das Beste für das neue Jahr zu wünschen, ohne gleichzeitig meine Besorgnis über den Kurs auszudrücken, den wir als menschliche Zivilisation einschlagen. Mehr noch, ich denke sogar, dass es unangebracht und sogar respektlos gegenüber meinen Leserinnen und Lesern wäre, diese Sorgen zu verschweigen, als ob uns allen nicht bewusst wäre, dass der innere und der äußere Frieden nicht nur ein und derselbe Prozess sind, sondern auch fragil und unserer ständigen Hingabe und all unserer Anstrengungen bedürfen. Was ich zu sagen versuche ist, dass es ist endlich an der Zeit ist einen wahren Schritt nach vorne zu machen. Mit Freude und Optimismus in die Zukunft zu blicken, ja, aber auch davon ausgehend, dass es zur Förderung des Friedens es nicht ausreicht angesichts eines makabren Spiels eine gute Miene machen, sondern dass wir aufhören müssen, so zu tun, als ob die Wahrheit und der Frieden nicht eng miteinander verbunden wären, und dass wir uns daher zu engagieren haben.  

Wir leben in Zeiten, in denen die Wahrheit in Frage gestellt wird, und dafür gibt es mehrere Gründe. Es gibt Menschen, die behaupten, dass es die Wahrheit an sich nicht gibt und dass die Realität nur in Abhängigkeit von der Perspektive existiert, aus der wir das Geschehen betrachten. Ich werde mich nicht auf Spekulationen über ihre Gründe einlassen, aber ich muss dennoch ermahnen, dass, wenn die Wahrheit auf Perspektiven reduziert wird, damit einhergeht, dass versucht wird die Wahrheit zu einem manipulierbaren Gut zu machen. Die buddhistischen Lehren sprechen an dieser Stelle klar von Dukkha – dem Leiden, das nicht nur denjenigen betrifft der manipuliert und getäuscht wird, sondern natürlich auch denjenigen, der in der Illusion verharrt zu glauben, dass die manipulierbare Wahrheit einerseits die Wahrheit und andererseits ein stabiles Gut wäre, das dauerhaftes Wohlergehen garantieren könnte.

Liebe Leserinnen und Leser, ich gehe davon aus, dass sich meine Botschaft an verantwortungsbewusste Menschen richtet, die sich für das Erwachen des Bewusstseins engagieren und wie ich angesichts der jüngsten gesellschaftlichen Ereignisse glauben, dass der beste Weg, dieses neue Jahr zu beginnen, darin besteht, sich erneut daran zu erinnern, was Dukkha bedeutet. Sich daran zu erinnern, dass ein Leben aus Dukkha, aus dem Leiden heraus, so ist, als würde man versuchen, äußerlich etwas zu heilen, was in Wirklichkeit innerlich verletzt ist. Es bedeutet, Strategien zu entwickeln, um einen äußeren Feind zu besiegen, indem man ihn bloßstellt, lächerlich macht, herabwürdigt und bestraft, ohne zu merken, dass wir mit jedem Vergleich den wir anstellen, wir jenes Leiden in uns fördern, welches mit der Schaffung der Illusion von Unterlegenheit und Überlegenheit einhergeht, was wiederum dazu führt, dass wir uns als voneinander getrennt und unabhängig wahrnehmen.

Erinnern wir uns also daran, dass wir alle, Freunde wie Feinde, einen Schatten in uns tragen, den wir im Buddhismus als Leiden bezeichnen. Der Schatten, mit einer Wunde zu leben, die niemals heilt und die verschiedene Namen hat. Manchmal wird sie Wut genannt, manchmal Gier, manchmal Unwissenheit und oft einfach Angst. Ja, die Angst, indem sie einem sofort in einen Alarmzustand versetzt, ist auch eine unverzichtbare Voraussetzung für das Überleben eines jeden fühlenden Wesens, was bereits darauf hinweist, dass sogar hinter der Angst eine tiefgreifende Wahrheit steckt. Also meine ich nicht nur die Angst vor einem möglichen Verlust, sondern auch die mögliche Erkenntnis, dass jede akzeptierte Wunde zu einer Medizin werden kann. Möge es so sein, dass wir die Kraft bewahren die Wahrheit zu sagen, wenn es nötig ist, dass wir nicht vergessen, dass die Wahrheit nicht lange verborgen bleiben kann, dass wir nicht die Tatsache ignorieren, dass, wenn es wirklich einen Feind gibt, wir ihn in uns selbst tragen, und dass wir niemals vergessen, dass es dort, wo es Hindernisse gibt, auch Möglichkeiten gibt. Genauso wie, dass es dort wo es Schatten gibt es immer auch Licht gibt. Das sind meine aufrichtigsten Neujahrswünsche, zum Wohle aller Wesen, dass das Jahr 2026 uns allen die Möglichkeit gibt, ein ausgeglicheneres, gesünderes Leben zu führen, sowohl körperlich als auch geistig.

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HINDERNISSE

Die Figur aus Stein,

Unter dem großen Kiefer,

Bewahrt die Ruhe.

Keine Sorge. Keine Sorge, denn selbst im ewigen Meer, selbst in der tiefsten Stille wird es immer das Schlagen eines Herzens geben, das so leise und fern es auch klingen mag, uns daran erinnern wird, dass genau hier, wo wir jetzt gerade sind, nichts verloren ist. Ein Herzschlag, der das verborgenste aller Geheimnisse in sich birgt, das höchste, das heiligste, das zugleich auch das offensichtlichste von allen ist. Das Geheimnis, genau in diesem Moment hier am Leben zu sein. Wir sagen, dass die Unermesslichkeit der Stille gemessen werden kann, wenn ein Vogel ein kurzes Lied singt, und dass genau daran die Botschaft der Unendlichkeit wahrgenommen werden kann, jedoch erkennen wir nicht, dass schon bevor der Gesang zu hören ist, um das Leben anzukündigen, das Schlagen unseres Herzens bereits anwesend war.

Wohin gehen wir, in welche Richtung bewegen wir uns? Ganz gleich, wie groß das Hindernis auch sein mag und wie verloren ich mich zwischen Meer und Himmel fühle, ganz gleich wie entblößt ich mich durch den Herbstwind fühle, das ist nicht mehr eine Frage, die mich sonderlich beschäftigt. Sie ist nicht mehr der Kompass, der meinen Weg bestimmt noch bevor ich begonnen habe Schritte nach vorne zu machen, denn die Frage ist selbst zu einem Wegweiser auf dem Weg geworden. Ich frage mich jetzt, ob dies der Grund ist, warum selbst der Autoritarismus sein Gesicht als großes mit den Füßen stampfenden Monster verloren hat, denn wenn wir wirklich hinschauen überzeugt er längst niemanden mehr. Weder mich, noch sich selbst, schlicht niemanden mehr. Mag sein, dass es daran liegt, dass sein Widerspruch so offensichtlich ist. So evident wie die Antwort auf die Frage, warum man angesichts von Intoleranz nicht tolerant sein kann, ja, nicht sein darf. Und die Antwort auf die Frage, warum es falsch ist, die Intoleranz zu tolerieren ist so offensichtlich, dass ihre unbestreitbare Einfachheit bereits mehrere wertvolle Erkenntnisse offenbart. Beispielsweise wird die Intoleranz bereits dort erkannt, wenn der rationale Dialog verweigert wird. Es muss ja nicht mal wertschätzend sein, doch wenn der rationale Dialog ablehnt wird, versucht man in Wirklichkeit Macht und Willkür durchzusetzen, was der Toleranz zuwiderläuft. Wenn diese Situation als selbstverständlich akzeptiert wird, ist das auch der Moment, in dem Toleranz die Toleranz beseitigt. In dem der Widerspruch den Widerspruch offenbart.  Und weil es an dieser Stelle, wenn von Toleranz die Sprache ist, es immer jemanden gibt, der den Dualismus betont, den der Begriff der Toleranz mit sich bringt, denn damit es die Toleranz gibt, es auch jemanden geben muss, der Toleranz gegenüber jemanden der toleriert wird entgegenbringt, entgegne ich, dass die Basis für jegliches Zusammenleben die bedingungslose Akzeptanz ist, dass es unterschiedliche Perspektiven auf das Leben gibt. Warum wiederhole ich mich, warum betone ich diesen Aspekt? Weil wie es mir scheint, dass dies ein Hindernis ist, über den wir immer wieder stolpern. Wir scheinen immer wieder zu vergessen, dass die Freiheit in der Gesellschaft in dem Moment verloren geht, in dem wir beschließen, unsere subjektive Wahrheit über das Zusammenleben zu stellen.

An dieser Stelle angelangt möchte ich noch mal ausführen, wie es sein kann, dass eine offene Frage zu einem Wegweiser werden kann. Die Antwort liegt in der Tatsache begründet, dass das Vergessen, welches in erster Linie sich als Hindernis präsentiert, letztendlich das Gedächtnis aktiviert. Das ist eine Lektion, die einem die aktive Praxis des sich selbst Vergessens gründlich erteilt und die einmal mehr zeigt, dass es dort, wo es Schwierigkeiten gibt, es immer auch wertvolle Lektionen und Chancen und Möglichkeiten gibt. Immer. Warum sage ich das so kategorisch, so absolut? Weil genau das ist was uns die Realität letztendlich zeigt, wenn wir alles bedingungslos akzeptieren was mit ihr aufkommt, ohne uns an unseren Vorstellungen von der Wirklichkeit zu klammern. In Koan 22 aus dem ersten Band von Meister Dogens Sammlung von 300 Koans pflegte Meister Fuke eine Glocke zu läuten und zu sagen:

– Wenn der klare Geist erscheint, lasse ich ihn klar sein.

Wenn der getrübte Geist kommt, lasse ich ihn getrübt sein.

Wenn der Wind aus allen Richtungen kommt, aus vier oder acht Richtungen, lasse ich ihn einen Wirbelwind sein. 

Und wenn der Raum erscheint,

werde ich ihn immer wieder schlagen.

Mit diesen Versen drückt Meister Fuke die buddhistische Haltung gegenüber Phänomenen aus. Wir klammern uns an nichts, nicht einmal an unser Verständnis oder unsere Klarheit, und auf diese Weise können wir auf natürliche Weise frei sein. Wenn wir verwirrt sind, wenn wir Fehler machen, gehen wir mit der Überzeugung voran, dass selbst der verwirrte Geist niemals von seiner ursprünglichen Natur, der Natur Buddhas, getrennt ist.

Jedes Jahr am achten Tag des zwölften Monats gedenken wir im Zen-Buddhismus der Erleuchtung von Shakyamuni Buddha. Der Überlieferung zufolge erlangte Shakyamuni nach zahlreichen Schwierigkeiten, als er den Morgenstern betrachtete, die Erleuchtung und sagte in diesem Moment: „Alle Wesen, die große Erde und ich haben gleichzeitig den Weg erlangt.“ Im Denkoroku stellt Meister Keizan klar, dass das „Ich“, auf das sich Buddha in diesem Ausdruck bezieht, nicht irgendein „Ich“ ist, denn sowohl die Erde als auch alle Wesen stammen aus diesem „Ich“. Mit anderen Worten: Als Buddha die Erleuchtung erlangte, erlangten alle Wesen zusammen mit der großen Erde gemeinsam mit ihm die Erleuchtung. Möge die Bedeutung dieser Worte und das unermessliche Mitgefühl dieser ersten Lehre weiterhin von Generation zu Generation weitergegeben werden.  

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GEWIßHEIT

Der Himmel ist blau,

Die Wellen schlagen im Meer,

Kommen und gehen. 

So wie der Fluss, zeigen alle Phänomene ständig, dass es unzählige innere Kräfte gibt, die in der Stille fließen und die vom Verstand nicht zu zähmen sind. So perfekt unser Plan auch sein mag und so sehr wir auch glauben mögen, dass der Mensch im Grunde böse und egoistisch sei, die Intelligenz, die sich selbst Ziele setzt, wird immer ihre Grenzen haben. Das ist immer schon so gewesen und das wird immer so sein. Das zeigen uns ständig die Berge, der Himmel, das Feuer, das Meer und seine Wellen, und es spiegelt sich in der Art und Weise wider, wie wir die Welt mit unseren eigenen Augen betrachten. Ist es schlecht oder gut, ist es Schwäche oder Stärke, ist es für mich von Vorteil oder nicht? Absolut alles offenbart in allen Richtungen in jedem Augenblick, ob wir uns in die richtige Richtung bewegen oder nicht. Ob wir in der Lage sind, das Leben spontan und liebevoll zu leben, oder ob wir im Gegenteil, das Leben leben ohne uns der Tatsache bewusst zu sein, dass das, was wir im Außen sehen, in Wirklichkeit immer auch Inneren geschieht. Andererseits, genau aus diesem Grund können wir auch beruhigt sein. Niemand und nichts wird jemals die Wahrheit dieses Augenblicks je wirklich verschleiern können. Egal wie überzeugend die Lüge auch sein mag, egal wie sehr man behauptet, dass die Wahrheit nur eine Frage der Perspektive ist, egal wie überwältigend die autoritäre Offensive auch sein mag und egal wie sehr wir glauben, in ein dystopisches Projekt ohne Ausweg verwickelt zu sein. 

Ja, viele Menschen sind sich bereits dessen bewusst, dass die in unserem Inneren verankerten Erfahrungen und Gefühle immer da sein werden und sie unsere Wahrnehmung der Außenwelt beeinflussen. Dennoch verlieren wir leicht den Überblick und verirren uns erneut. Überzeugt davon, dass es in Ordnung sei, im Namen des Guten Böses zu tun, tun wir Böses und sind dann überrascht, dass das Gute nie auch zu uns kommt. Mit dem Guten meine ich den Frieden und die Zufriedenheit, die das Gleichgewicht mit sich bringt. Oder wie leicht verirren wir uns, wenn wir im Namen von morgen diesen Moment opfern und aus den Augen verlieren, dass morgen immer eine fiktive Zeit sein wird und dass das Hier und Jetzt der einzige Ort und Moment ist, in dem das Leben sich wirklich ereignet. Oder wie leicht verlieren wir uns, wenn wir aufgrund unserer Überzeugung, das richtige Verständnis erreicht zu haben, über andere urteilen oder sie sogar beschimpfen, ohne zu erkennen, dass der andere aus einer anderen Perspektive ohne jede Trennung auch ein Teil von uns selbst ist. 

Mit dieser Frage und der Klarheit des Weges, die wir in unserer Praxis so sehr suchen, beschäftigt sich der folgende Koan: 

Wenn Meister Fuke aus dem Bezirk Chin eine Stadt betrat, läutete er gewöhnlich eine Glocke und sagte: 

Wenn der Geist klar ist, lasse ich ihn klar sein. Wenn der Geist getrübt ist, lasse ich ihn getrübt sein. Wenn der Wind aus allen Richtungen weht, aus vier oder acht Richtungen, lasse ich ihn zu einem Wirbelwind werden. Und wenn der Raum erscheint, werde ich ihn immer wieder schlagen.

Eines Tages wies Meister Rinzai einen Mönch an, Meister Fuke zu packen und ihm die folgende Frage zu stellen, ohne dass er sich bewegen konnte: 

– Wenn weder ein klarer Geist noch ein verstellter Geist erscheint, was tust du dann?

Meister Fuke befreite sich aus dem Griff des Mönchs und antwortete:

-Morgen findet im Dai-Hi-Tempel ein formelles Abendessen statt. 

Der Mönch kehrte zu Meister Rinzai zurück und gab ihm die erhaltene Antwort. 

Meister Rinzai sagte:

Ich wusste schon immer, dass dies kein gewöhnlicher Mönch ist (1).  

Angesichts der immer noch latenten Frage: Wo verirren wir uns? werde ich versuchen noch etwas klarer zu sein. Dort wo, genau wie im Innen und Außen, alles mit allem verwoben und zusammenhängt kann niemand wirklich sagen, was die Realität ist. Wir verwenden Worte, um die Realität zu beschreiben, aber die Realität kann nicht durch Worte begrenzt werden. Mehr noch, sogar die Täuschung ist Teil der Realität, so wie die Wellen Teil des Meeres sind. Wir sprechen einerseits von Wellen und andererseits vom Meer, obwohl es in Wirklichkeit keine einzige Welle ohne das Meer gibt, genauso wie es kein Meer ohne Wellen gibt. Wo verirren wir uns? Wir könnten behaupten, dass es im unbewussten Verhalten ist, aber genauso könnte es sein dass es im Glaube ist, dass es möglich ist das eigene Karma durch die Willenskraft oder die Intelligenz zu verändern. Wie dem auch sei, gleichzeitig haben wir aber auch allen Grund dankbar sein. Es gibt innewohnende Kräfte der Natur, die in der Stille fließen, ihren eigenen Gesetzen gehorchen und ihre eigene Intelligenz haben. Wie die Stille, wie die Schwerkraft, wie das Gleichgewicht.

(1) Nach: Shinji Shobogenzo, Buch 1, Fall 22 – Sammlung von 301 Koan von Dogen Zenji.

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FLIEßEN

Der Morgen ist grau,

Der Fluss bewegt sich lautlos. 

Regung der Stille.

Dem ewig fließenden Fluss wird nachgesagt, dass er ins Unendliche flüchtet. Es wird behauptet, dass die Reinheit dessen was unaufhörlich fließ, kalt, herzlos und vorübergehend sei. Als ob es in der Stille jeden Morgens es nicht etwas gäbe, das das Zivilisierte mit dem Wilden verbindet. Als ob in diesem selben Moment der Atem sich nicht im Einklang mit dem Morgengrauen befinden würde. Vielleicht wissen jene die solche Behauptungen aufstellen nicht, dass das was ständig fließt, ausgerechnet das ist, was allem was der Gedanke berührt seine Fülle verleiht. Sei es der frischen Brise im Frühling oder sei es dem Wind der Veränderung, den der Herbst mit sich bringt. Auf meiner Reise, die mich bis zu diesem Moment geführt hat, habe ich jetzt das Gefühl, dass ich präziser werden muss. Deshalb: Nein, um wahrhaft zu fließen ist es nicht notwendig jene Utopien aufzugeben, die uns die nötige Kraft geben um weiterzugehen, um voranzuschreiten, um weiterzufließen. Nichts davon. Genauso wenig wie es nicht notwendig ist zu wissen, was der nächste Frühling bringen wird, um die Pracht zu genießen, die die Unsicherheit jenen schenkt, die sich ihr bedingungslos anvertrauen. 

Die Reise des Lebens selbst ist ein ewiges Fließen. Von Ereignis zu Ereignis, von Ursachen zu Bedingungen und von neuen Bedingungen zu neuen Ursachen. Ein Fließen nicht nur für uns, sondern auch für die gesamte Natur. Und doch, obwohl alles ständig fließt, ist es manchmal so als würden wir alles dafür tun um den Fluss der das Leben ausmacht zum Stillstand zu bringen. Dies macht die Fragilität jener Intelligenz deutlich, die stolz verkündet verstanden zu haben was das ist was das Zivilisierte vom Wilden unterscheidet. Um zu klären, wo und wann der Fluss ins Stocken gerät, ist zunächst festzuhalten, dass es ein großer Fehler wäre, die Pflege des Fließens mit dem Ursprünglichen mit dem Verbleib in einem konfliktfreien Zustand zu verwechseln, da der ewige Fluss auf den natürlichen Zustand der Dinge hinweist. Mit anderen Worten: Die Stagnation beginnt bereits dort, wo sich der Geist des Konflikts, den er in sich selbst trägt, nicht bewusst ist. Sobald es Klarheit auch über diesen Punkt gibt, ist es andererseits möglich mit dem ewigen Strom weiter zu fließen. Hier und Jetzt können wir dann genau betrachten, welche Auswirkungen die Aufteilung der Realität in Gegensätze, auf das hat was unaufhörlich fließt. Es wird plötzlich nachvollziehbar, warum alles was das Bewusstsein berührt undurchsichtig, trüb und deshalb stagnierend erscheint. Absolut alles, sei es die Schönheit, der Fleiß, die Jugend, das Alter, die Intelligenz oder die Begabung. Aus dieser Perspektive der Fluidität heraus halte ich es deshalb für sehr dringend, uns erneut mit der Schuld und den Konflikten zu befassen, die im Namen des Guten geschehen. 

Ich glaube, dass wenn etwas die Macht hat das kollektive Verständnis der Schuld zu entwirren, dann ist es die Schuld in ihrer extremsten Ausprägung zu betrachten und zwar in ihrer Beziehung zu den Kriegen. Dass es ein offensichtlicher Zusammenhang zwischen der Schuld und den Kriegen gibt, da die Schuld der Ursprung eines jeden Krieges ist und andererseits jeder Krieg immer mehr Schuld verursacht, ist wohl unbestritten. Ja, sogar unanfechtbar, weil das Verhältnis zwischen den Kriegen und der Schuld einer mathematischen Gleichung ähnlich ist, das heißt, präzise, transparent und unfehlbar, weil kontrollierbar, überprüfbar und logisch. So logisch und transparent, dass sie offenbar sogar dazu ausreicht um das Böse im Namen des Guten zu rechtfertigen und dies anscheinend ohne, dass dabei ein Widerspruch erkennbar wäre. So unfehlbar und vertrauenserweckend, dass sie offenbar dem angeblichen Opfer genügend Legitimierung verleiht um sich wie ein Henker zu verhalten. Als ob das Leben sich nur auf eine fragmentierte Sichtweise beschränken ließe. Um die Stagnation der Situation etwas entgegenzuwirken und damit wir uns gemeinsam der ursprünglichen Fluidität wieder zu nähern, möchte ich es deshalb in aller Deutlichkeit sagen: kolonialistische Praktiken zu wiederholen und kulturelle Konflikte zu schüren, bedeutet den Krieg zu fördern. Es bedeutet, die Existenz von allem was es gibt, fühlend oder nicht fühlend, auf das Karma der Schuld und dem Unglück des Krieges zu reduzieren. Und mehr noch: Wer diese Art von Konflikte fördert indem er seine Anhänger anheizt um Befehle auszuführen, tut dies nur, um die Kontrolle über das Geschehen zu behalten, nicht der Wahrhaftigkeit, nicht zum Wohle des Lebens willens. Ist es an dieser Stelle noch notwendig jemanden daran zu erinnern, dass angesichts der ursprünglichen Fluidität, welche Grundlage des Lebens auf diesem Planeten ist, die Kontrolle nichts weiter als eine flüchtige Illusion ist? Wie dem auch sei, wer diese Worte hört, soll später nicht sagen, er/sie hätte es nicht gewusst. Soll nicht sagen es sei ihr/ihm nicht bewusst gewesen, dass alles was geschieht, immer zumindest zwei Betrachtungsweisen zulässt. Zum einen, die Perspektive aus Sicht des Krieges und der Schuld und zum anderen die Perspektive aus der Sicht der Fluidität, welche gleichzeitig auch die Perspektive des Einklangs und des Gleichgewichts ist.  

Von der Fluidität all dessen was geschieht aus betrachtet, sind wir nicht nur das, was uns widerfahren ist und unsere Existenz muss sich nicht unbedingt auf unsere Konditionierungen beschränken. Denn in diesem selben Augenblick sind wir sowohl unsere relative Existenz, gleichzeitig aber auch der perfekteste Ausdruck des Gleichgewichts. Genauso wie wir gleichzeitig zum einen die ursprüngliche Natur sind, die in alle Richtungen strahlt und zum anderen die Folge unserer Fehler und Tugenden. Das wiederum bedeutet, dass es immer auch in unseren Händen liegt zu entscheiden, ob wir wahrhaftig einen Schritt nach vorn machen oder es lassen. Ein Schritt, der ein Schritt nach vorne ist, weil in Wirklichkeit alle, die ganze Welt, diesen Schritt mit uns machen. Spätestens an dieser Stelle zeigt der ewig fließende Fluss auch seine andere Seite. Diese klare und stille Oberfläche, das weder traurig noch fröhlich ist, weil nichts ihr fließen stört. Weder die Landschaft, noch die Brisen, weder die Farben, noch die Düfte. Ich habe die Hoffnung, dass wir lernen ihm zuzuhören. Dem ewig fließenden Fluss der alle Dinge miteinander verbindet.

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