LÜGEN

Es ist unmöglich,

Zu säubern was schon rein ist.

Heilige Riten. 

Wo die Lüge ist, da ist auch die Wahrheit. Immer. Und doch scheint die Wahrheit heute zu einer zerbrechlichen Hülle geworden zu sein, deren Zerstörung in der Reichweite eines jeden liegt. Es geschieht vor unseren Augen. Die Vernunft wird durch Emotionen ersetzt, und durch die neuen Technologien werden Emotionen so lange hochgespielt, bis sie zu Daten werden, von dort zu Fakten und schließlich zu Tatsachen. Ja, wir leben in Zeiten, in denen versucht wird, jene elementaren Rechte rückgängig zu machen, die wir als Menschheit gemeinsam als universell erklärt hatten. Gleichheit, Freiheit, Gerechtigkeit, das Recht in Frieden zu leben. Sollen wir uns nun damit abfinden, sollen wir also die neue Dystopie willkommen heißen, weil bereits alles entschieden ist? Sicherlich nicht. Auch wenn man uns vorwirft, Liberale, Marxisten, Anarchisten oder Neoliberale zu sein, müssen wir weiter nachdenken und unsere Ideen fortführen, denn im Prozess der Realitätsgestaltung ist niemals etwas endgültig entschieden. Wir müssen weiterhin die Utopien hinterfragen und weiterentwickeln, die bewusst oder unbewusst die Psyche des Menschen gestalten.

Selbst im Zen sind Übersetzungen von zweifelhafter Qualität aufgetaucht, die behaupten, unsere Praxis sei eine Lüge. Was in Zeiten, in denen im Namen des Verkaufs alles erlaubt ist, vielleicht niemanden überrascht, so verbirgt sich in dieser Behauptung dennoch eine verborgene Wahrheit, die viel über die Werte aussagt, die bewusst oder unbewusst unser Handeln leiten, sowie über den Prozess der Realitätskonstruktion – oder mit anderen Worten: darüber, wie wir die Realität wahrnehmen und auf dieser Grundlage interpretieren. Worauf das Wort „Lüge“ im Zusammenhang mit der Zen Praxis anspielt, ist, dass aus einer bestimmten Perspektive jede Wahrnehmung, jedes Konzept und somit jedes Wort nur eine Interpretation ist und daher nicht die Realität selbst. Andererseits verbirgt das Wort „Lüge“ in diesem Zusammenhang aber auch die Tatsache, dass jede Wahrnehmung, wie jedes Konzept und somit jedes Wort, ihren eigenen Platz im Dharma haben. Anders ausgedrückt: Das Wort „Lüge“ zur Charakterisierung der Zen-Praxis entspricht eher einer Sichtweise der Realität, die diese nur aus einer einzigen Perspektive betrachtet und den Schwerpunkt ausschließlich auf die Lüge legt und leitet somit einem irreführenden und reduktionistischen Diskurs über. Anders gesagt: natürlich haben die Werte auch im Dharma eine große Bedeutung. Wer an dieser Stelle noch daran zweifelt – sind nicht die buddhistische Ethik, die Sutras und die Gebote ein Beweis dafür?

Die Wahrheit ist die Wahrheit und die Lüge ist die Lüge. Das ist eine unumstößliche Tatsache, die jedoch gleichzeitig verschleiert, dass dort, wo die Wahrheit existiert, auch die Lüge präsent ist, und dort, wo die Lüge existiert, auch die Wahrheit nicht Weit ist. Warum muss dann die Vernunft durch das Aufkommen der künstlichen Intelligenz, der Post-Wahrheit und des Populismus also in Gefahr sein? Hier stoßen wir auf eine der Säulen der Zen-Lehre: die Vergänglichkeit. Dass alles vergänglich ist, dass alles ständig einem kontinuierlichen Wandel unterliegt, gilt sowohl für die Vernunft als auch für die künstliche Intelligenz, die Post-Wahrheit und den Populismus. Oder mit anderen Worten: Die Vernunft, verstanden als ein Prozess ständiger Selbstreflexion, kann kein festes Konzept sein, denn sonst wäre sie keine Vernunft mehr, sondern eine Instrumentalisierung der Vernunft – oder wieder anders ausgedrückt, eine Lüge. Zu diesem Schluss kamen die Väter des kritischen Denkens, nachdem sie am eigenen Leib erfahren hatten, wohin die Manipulation der Vernunft letztendlich führt, wenn man ihr nicht aktiv Einhalt gebietet.

Wo die Lüge ist, da ist auch die Wahrheit. Immer. Was ist dann der geeignetste Weg, um die Manipulation der Vernunft einzudämmen? Aus der Perspektive des Zen, aus der Praxis des Fallenlassens von Körper und Geist könnten wir sagen: indem wir die Vernunft als einen Prozess pflegen der sich ständig weiterentwickelt, als einen Prozess der sich ständig weiterzuentwickeln hat.. Wenn wir die Vernunft als einen Prozess akzeptieren und sie als eine Wahrheit behandeln, die stets auf die Probe gestellt werden muss, wird die Vernunft immer authentisch und wahrhaftig sein, da sie dann auf natürlicher Weise im Einklang mit den Umständen und dem Gleichgewicht steht. Mehr noch: Vielleicht kommen wir auf diese Weise sogar zu dem Schluss, dass es Sinn macht unsere Werte immer wieder auf die Probe zu stellen – bis zu dem Punkt, an dem wir sie sogar verlieren –, denn dann werden womöglich am eigenen Leib erfahren können, dass diese Werte an die wir glauben, wenn sie authentisch sind, uns nirgendwo anders hinführen können als dahin uns wieder mit ihnen zu vereinen. Anders ausgedrückt: Der wirksamste Weg, die Vernunft zu pflegen, besteht darin, sie in die Praxis umzusetzen, damit sie neu entsteht, damit sie wahrhaftig zum Leben erwacht – diesmal fester, höher, runder und ja warum eigentlich nicht? vielleicht auch reiner. 

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WERTE

Über der Brücke,

Züge kommen und gehen,

In den Morgengrauen. 

In den Wolken, in der Farbe des Himmels, in den Gebäuden, den Brücken, in unserer Lebensweise. Im Wasser und seinem Spiegelbild, in der Art, wie wir uns kleiden, ebenso wie in der Art, wie wir uns von einem Ort zum anderen bewegen. In dem, was wir essen, ebenso wie in dem, was wir sagen oder verschweigen. In unseren Freuden und in unseren Sorgen. In absolut allem spiegeln sich die Werte wider, die das Denken antreiben. Werte sind wie die stille Sprache der Bäume, die untereinander kommunizieren. Sie sind wie das Wasser des Meeres, das alle Sinne durchdringt, wenn wir darin eintauchen. Die Werte sind überall zu finden, sie beobachten uns, sie leiten uns, sie treiben uns vor sich her. 

Weil das Denken nicht nur unsere Art bestimmt, das Hier und Jetzt zu erleben, sondern auch das Fundament bildet, auf dem die Zukunft aufbaut, halte ich es für notwendig, an dieser Stelle innezuhalten. Noch einen Moment länger will ich über den offensichtlichen und unbestreitbaren Zusammenhang zwischen Gefühl und Vernunft nachdenken. Andernfalls, wenn wir uns über diesen stillen Zusammenhang nicht im Klaren sind, wäre das Risiko groß, immer wieder dasselbe Verhaltensmuster zu wiederholen. Ich beziehe mich auf nichts Geringeres als das Verhalten des Kolonialismus, von dem wir alle dachten, wir hätten ihn schon vor langer Zeit hinter uns gelassen, und dessen Einfluss auf unsere Art und Weise zu leben uns oft gar nicht bewusst ist. Genauer gesagt meine ich jene Denkweise, die uns ständig suggeriert, es sei legitim, der Wirklichkeit unsere eigene Denkweise aufzuzwingen. Genau an dieser Stelle schlage ich nun vor, dass wir, bevor wir anfangen, Feinde oder Schuldige im Außen zu suchen, unsere Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt richten, damit wir weiter gemeinsam untersuchen können, wie, wann und warum diese Aggression tatsächlich stattfindet, die – wie könnte es anders sein? – jenes unbewusste Leiden offenbart, das sich in unserem eigenen Inneren befindet. 

Also speisen wir, bewusst oder unbewusst, unsere Weltanschauung und unsere Werte in die künstliche Intelligenz ein, und auf der Grundlage dieser Daten bildet diese wiederum ihre eigenen Informationen und Argumente. Die Frage, die sich dabei erneut stellt, lautet: Inwieweit sind die Informationen, die wir dann erhalten, lediglich eine Bestätigung der Werte, die wir zuvor in das System eingegeben haben? Oder genauer gesagt: Inwieweit stellen diese vermeintlich neuen Daten ein neues Wissen, oder gar eine neue Erfahrung dar? Diese Frage führt mich zur nächsten Überlegung, denn unweigerlich stellt sich hier die Frage: Wann, warum und wie wird die Rationalität zu einem Kontrollsystem? In der Vergangenheit gab es bereits Antworten auf diese Frage. Die Väter des kritischen Denkens, bestürzt über die Gräueltaten des Krieges, sagten nach dem Zweiten Weltkrieg: „Die Vernunft hört in den Moment auf Vernunft zu sein, in dem aus den Augen verloren wird, dass die Vernunft immer nur als ein Prozess ständiger Selbstreflexion existiert.“ Ein Gedanke, dem wir aus der Praxis des Zen hinzufügen können: Die Vernunft steht in direkter Verbindung mit den Sinnen, die wiederum stets mit allen Phänomenen interagieren, die das Hier und Jetzt ausmachen. 

Der letzte Satz des Herz-Sutras „Gate gate paragate parasamgate bodi svaha“ lässt sich auf verschiedene Weise übersetzen und interpretieren. Eine Möglichkeit, ihn zu verstehen, besteht darin, ihn als Aufruf zu sehen, niemals innezuhalten und uns weiterhin auf das Erwachen zuzubewegen – als Ermutigung, aufrichtig und hingebungsvoll weiter zu praktizieren, bis wir die Buddhaschaft erlangen. Eine andere Möglichkeit, diese Worte zu verstehen, besteht darin, sie als den direkten Ausdruck der Wirklichkeit zu betrachten. Da die Wirklichkeit der ständige Wandel selbst ist, bedeutet dies, dass das Verharren in jeglicher geistigen Formation an sich bereits eine Verzerrung des Hier und Jetzt, der Wirklichkeit, darstellt. Werte sind überall und prägen das Sein. Sie sind im Licht der Morgendämmerung der Stadt ebenso zu finden wie in jedem Gefühl, in jeder Umarmung, in jedem Wort, in jedem Ziel, in jeder Entscheidung. Sie sind in unserem Schatten ebenso zu finden wie im Licht. Weil dies so ist – und um es anders auszudrücken – frage ich daher: was bedeutet es aufrichtig zu sein, aufrichtig zu leben?

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EHRLICHKEIT

Über dem Wasser,

Samt seines Spiegelbildes.

Erhebt sich der Berg.

Was bringt es, sich nach den Sternen zu sehnen, die in der Dunkelheit einer tiefen Nacht leuchten, während der Mond strahlt und die Wolken vorbeiziehen? Was bringt es, alle Blumen eines Feldes pflücken zu wollen, nur um die Schönheit der Landschaft für sich allein zu haben? Was bringt es, den Wind um seine Gabe zu beneiden, alles erreichen zu können und dabei gleichzeitig seine Freiheit zu bewahren? Ich frage die künstliche Intelligenz erneut, und ihre Antwort erscheint mir wieder nicht schlüssig. Nein, die Gewissheit kann nicht das Gegenteil von Mehrdeutigkeit sein, genauso wenig wie eine doppelte Deutung die Klarheit nicht verklärt oder etwa die Präzision ungenau macht, die Deutlichkeit undeutlich oder die Gewissheit wage. 

Es scheint, dass die Akzeptanz der Mehrdeutigkeit der Realität uns schon immer vor ernsthafte Probleme gestellt hat,  davon zeugen nicht nur die Eroberungen und Kriege der Vergangenheit, sondern belegen auch die Fabriken, die Gefängnisse, die psychiatrischen Anstalten der Moderne und auch die Schulen wie Foucault in seinen Schriften feststellt. Dies zeigt sich auch in Schönheitsidealen, den Einkaufszentren, der Industrie, der Wirtschaft und natürlich in der heutigen Herangehensweise an die Wissenschaft. Wir sagen, dass Daten den Mythos ersetzt haben, die Theorie die Fantasie und die Vorhersagen die Prophezeiung und machen die Rationalität zu unserem neuen Credo  und dies ist eine Tatsache, die uns unzählige Probleme bereitet. Dies spiegelt sich in Daten wider, die privat monetarisiert werden und gleichzeitig aber unser Privatleben zunehmend prägen. Es zeigt sich auch in Algorithmen, die dazu neigen, wirklich geteilte Erfahrungen durch Emotionen zu ersetzen, die aus fiktiven Begegnungen resultieren. Mit anderen Worten: Das reduktionistische Verhaltensmuster wiederholt sich, denn auch die Ersetzung dessen, was wir als irrational identifizieren, durch das Rationale hat ihre Konsequenzen. Wie es sich zeigt, gerade in Zeiten in denen die Bedeutung von Aufrichtigkeit in Frage gestellt wird, Zeiten in denen die Wahrheit aus Profitgründen verschleiert wird, gewinnt das Problem immer größere Dimensionen. 

In der Zen-Praxis eines der wichtigsten Elemente ist die Aufrichtigkeit mit der wir praktizieren. Das geht so weit, dass wir der Praxis Vorrang vor der Theorie einräumen.  Dies aus dem einfachen Grund, dass jede Theorie ohne Praxis stets vom Streben nach persönlichem Gewinn getrieben ist. Mit anderen Worten, wir stellen die Praxis vor die Theorie und lassen uns sogar von dieser Praxis, die stets mit der Körperhaltung, der Atmung und dem gegenwärtigen Moment verbunden ist leiten. Dies weil wir verstehen, dass das Sitzen um des Sitzens willen uns unweigerlich dazu führen wird, die Wirklichkeit zu erforschen und uns jenseits jegliches Dogma, jede Philosophie, jedes bloße Ritual oder Regeln führen wird. Auf diese Weise hilft uns die Praxis zu verstehen, dass das, was wir als „rational“ bezeichnen, tatsächlich eng mit den Emotionen verbunden ist, dass das Rationale und das Emotionale miteinander verflochten sind und dass dieser rational-emotionale Prozess selbst in direkter Verbindung zu allem um ihn herum steht – mit den Umständen und Gegebenheiten die ihn beeinflussen, prägen und formen. Ich frage mich, ob dies nicht ein echter Schritt nach vorne sein könnte. Das Akzeptieren der Mehrdeutigkeit und die entsprechende Anpassung unseres Verhaltens.  Insbesondere in der Wissenschaft könnte es uns zu einem Durchbruch führen, der einerseits das subjektive Element anerkennt, das jeder Forschung innewohnt, egal wie objektiv sie zu sein vorgibt, und andererseits stets die Verbindung mit allem um sie herum berücksichtigen würde. Sind wir emotionale Wesen? Ja, das sind wir. Sind wir rationale Wesen? Ja, das sind wir ebenfalls. Mehr noch: Ich werde versuchen, so ehrlich wie möglich zu sein: Wäre es nicht eine Illusion – oder sogar ein Versuch der Täuschung –, wenn wir nicht die Mehrdeutigkeit jedes Ergebnisses und jeder Datenangabe anerkennen würden, die sowohl rationaler als auch emotionaler Natur ist?

Die Ehrlichkeit kann kein einheitliches, feststehendes Konzept sein. Sie muss sowohl unsere Prägung als auch die Tatsache berücksichtigen, dass sich die Realität, in der wir leben, ständig verändert. Denn was bringt es, zwischen der Fülle des Sommers, den leuchtenden Bäumen des Herbstes, der Stille des Winters und den inneren Pfaden des Frühlings zu wählen? Was bringt es, zwischen den Bergen und der Landschaft zu wählen, wenn ein Baum an einem sonnigen Tag Schatten und Kühle spendet. Und was bringt es, immer höher fliegen zu wollen, wenn das Tal trocken, öde und verlassen unter uns lassen?

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UMSTÄNDE

Tagsüber offen,

Bleibt in der Nacht geschlossen, 

Die Wasserblume.

Was wäre die weiße Lilie ohne dem Wasser? Ohne den Schlamm, ohne das Sonnenlicht, ohne den Sommer, in dem sie wächst? Was wäre der Winter ohne den kalten Wind? Ohne die Berge, ohne die Wolken, ohne den Regen und ohne den weißen Mond, der die Nacht so oft begleitet? Wir, die den Zen-Buddhismus praktizieren, werden von Zeit zu Zeit gefragt – vielleicht, weil die Menschen Entsagung als Verlust interpretieren –, warum wir auf so viele Dinge verzichten. Und die Wahrheit ist, dass das was wir für gewöhnlich als Entsagung bezeichnen seinen Beigeschmack von Verlust verliert sobald wir erkennen wie komplex und vielschichtig die Einfachheit sein kann. Wenn wir beginnen zu verstehen, dass – da alles ständig mit allem anderen verbunden ist – jeglicher Widersprüch immer nur eine Frage der Perspektive ist. Nein, es ist weder notwendig noch möglich, in die Vergangenheit zurückkehren zu wollen, aber was wir tun können, ist zu erkennen, dass das Akzeptieren der Mehrdeutigkeit unserer Identität nicht die Krankheit ist, sondern Teil der Heilung.

Ich bin mir unsicher, also frage ich die Künstliche Intelligenz (KI): „Was ist Mehrdeutigkeit?“, und sie/er/es antwortet, dass es sich um ein verwirrendes Wort, Ausdruck oder Verhalten handelt, bei dem es an Klarheit mangelt. Das ist falsch. Und mir wird klar, dass es falsch ist, weil es davon ausgeht, dass Klarheit keine unterschiedlichen Interpretationen zulässt. Ich frage mich, ob wir hier nicht bereits das Dilemma erkennen können, vor dem wir als Zivilisation stehen? Der Verlust der Vielfalt einerseits und das Streben nach Eindeutigkeit andererseits, dass sich im Ausschluss des Anderartigen, die Etwertung des Anderen und dessen Herabsetzung. Aus dieser Perspektive wird deutlich, warum wir von einem wahren „Verlust“ sprechen, wenn wir den Verlust der Vielfalt meinen. Wir berauben uns selbst des Zugangs zur Freude an einem Leben, das in vollen Zügen gelebt wird – und nicht nur das: Indem wir uns weigern die Mehrdeutigkeit der Wirklichkeit zu akzeptieren, konzentrieren wir uns automatisch auf eine nie endende Illusion und sind bereit in dessen Namen uns gegenseitig zu bekämpfen um eine Herrschaft zu erlangen, die niemals erreicht werden kann, gerade weil sie illusorisch ist.

Ja, der Verlust einer mehrdeutigen Interpretation ist immer ein Verlust. Genauso wie es ein Verlust ist, nicht zu akzeptieren, dass die Frage „Was ist Wahrheit?“ immer mehrere Antworten hat. Genauso wie es ein Verlust ist, nicht zu akzeptieren, dass die Frage „Inwieweit sollten wir Wahrheiten in die Praxis umsetzen?“ immer präsent sein muss, wenn die Absicht wahrhaftig ist, die Wahrheit auf aufrichtige und engagierte Art und Weise zu erforschen. Mit anderen Worten: Natürlich ist die Aufgabe anspruchsvoll – ja –, doch nicht gänzlich unmöglich, denn ebenso wie die Stille wissen auch Kunst und die Poesie bereits, wie man sie zum Ausdruck bringt. Es ist der Moment, in dem die Poesie aufhört, eine bloße Ansammlung schöner Worte zu sein, und die Stille unmissverständlich widerspiegelt, dass dieser Augenblick ein unwiederholbarer, einzigartiger und wahrhaft unaussprechlicher Moment ist – einer, der gelebt werden muss.

Diejenigen die Zen-Buddhismus praktizieren, werden manchmal gefragt, warum wir der Form so viel Bedeutung beimessen. Warum ist es so wichtig, sich darum zu bemühen, an einem ruhigen Ort zu praktizieren, an den weder Regen noch Wind eindringen können? Warum muss der Praxisraum sauber sein, weder zu hell noch zu dunkel? Ganz einfach, weil die Umstände nicht nur die Art und Weise beeinflussen, wie wir die Realität interpretieren, sondern sie auch prägen und formen. Anders ausgedrückt: Mit all unseren Facetten sind wir selbst die Umstände, die wir schaffen. Wie eine einsame Blume, die niemals wirklich allein ist, denn tagsüber wird sie vom Sonnenlicht begleitet und nachts von den Strahlen des Mondes. Wie der kalte Winterwind, der stets von den Wolken begleitet wird, vom Regen, der Landschaft des Tales und das der Bergen. 

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KONTRASTE

Licht und Dunkelheit,

Ein Schritt nach dem anderen,

Der höchste Gipfel.

So wie bei den Tönen, Farben und Formen ermöglicht auch in unseren Gedanken und Erfahrungen der Kontrast, Unterschiede zu erkennen. Denn die Sterne sind nicht zu sehen, wenn die Sonne sie beleuchtet, ebenso wenig wie der Meeresgrund nicht zu erkennen ist, wenn wir ihn in einer dunklen Nacht betrachten. Ja also, die Unterschiede existieren und sind real, und Einheit bedeutet nicht unbedingt, dass alles einheitlich sein muss, denn dass Unterschiede existieren, muss nicht bedeuten, dass sie sich untereinander widersprechen. Vielmehr bedingen sie sich gegenseitig. So wie das Statische durch die Bewegung wahrgenommen wird, das Ferne durch die Nähe, das Helle durch das Dunkle und das Reine im Unreinen. Dennoch empfinden und betrachten wir die Unterschiede als Gegensätze und bezeichnen sie als gegensätzlich. Wen überrascht es da noch, dass wir etwas, das keinerlei Komplikationen aufweist, als komplex bezeichnen, dass wir etwas, das zutiefst mit allem verbunden ist, als isoliert betrachten und dass wir das, was in Wirklichkeit unbestreitbar Teil von uns ist, schließlich verabscheuen?

Wir tragen einen Widerspruch in uns, den wir nicht sehen, der sich jedoch in den Kontrasten deutlich offenbart. Ein Widerspruch, der in den Unterschieden klar macht, dass es nicht so ist, als hätten uns die früheren Generationen mit ihrem Individualismus ein schlechtes Erbe hinterlassen, dass nicht der Individualismus für die geringe Solidarität verantwortlich ist, die heute unsere Gesellschaft kennzeichnet, sondern dass es unsere Verwirrung hinsichtlich der Unterschiede ist. Eine Verwirrung, die uns daran hindert, auf gesunde Art und Weise miteinander umzugehen, die Unvorhersehbarkeit und Unsicherheit suggeriert und damit Angst vor der Zukunft propagiert. 

Hier befinden wir uns heute. In einer seltsamen Beziehung zur Vergangenheit, verwirrt in Bezug auf die Gegenwart und unsicher, was die Zukunft angeht. Wir geben den vergangenen Generationen die Schuld, suchen Rettung in autoritären Konzepten und fürchten uns vor der Zukunft. Wir könnten zu dem Schluss kommen, dass uns die Unwissenheit verzehrt. Dass uns die kollektive Amnesie überwältigt. Wäre da nicht die Klarheit, die immer direkt vor unseren Augen liegt. Von dort aus: welchen Sinn hätte es, uns unwissend, unhöflich und ängstlich haben zu wollen? Ich glaube nicht, dass es das ist, denn es wäre nicht nur ein Verbrechen, es wäre sinnlos. In der Klarheit ist das deutlich zu erkennen. Die Klarheit, die uns ein einziger Moment absoluter Stille schenken kann. Diese Stille, die uns spüren, sehen, schmecken erleben und somit tief verstehen lässt, dass es in den Unterschieden keine Gegensätze gibt, und die auf diese Weise alles Unklare auflöst: Es gibt keinen Grund jemanden gefangen halten zu wollen, keinen Grund Gehorsam erzwingen zu wollen, keinen Grund jemanden in Unwissenheit halten zu wollen, keinen Grund Herrschaft über andere ausüben zu wollen – ebenso wenig wie es einen Grund gibt, Angst vor der Zukunft und den neuen Technologien zu haben. Sich nur bewusst sein, dass die Objektivität und die Subjektivität sich nicht widersprechen, sondern sich ständig gegenseitig bedingen. Vielleicht ist dies also der nächste Schritt, den die Wissenschaft wirklich gehen muss: die Subjektivität in der Objektivität anzuerkennen und zu berücksichtigen, dass das Objektive immer nur relativ und bedingt sein kann.  

In den Kontrasten lassen sich die Unterschiede deutlich erkennen. Es kann erfahren, gesehen,  gespürt und verstanden werden, dass sich die Unterschiede nicht widersprechen, sondern ergänzen. So lässt sich auch in den Unterschieden erkennen, dass selbst die Komplexität weder einfach noch schwierig, weder komplex noch simpel, weder groß noch klein, weder oberflächlich noch tiefgründig ist, sondern immer ein Ausdruck der Verbindung ist, die ständig zwischen allem besteht. Dies ist auch der Grund, warum die Erinnerung gerade in Momenten tiefster Verwirrung wieder erscheint: die Illusion und die Realität stehen ebenfalls im Kontrast zueinander. Ebenso verliert hier auch die Geschichte jene einseitige Bedeutung von Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft, die wir ihr stets zuschreiben und macht deutlich, dass ebenso wie die Realität die Erinnerung bedingt, auch die Erinnerung die Realität, in der wir leben prägt. Nein, es ist nicht ratsam, die Zeit aus Angst vor dem, was kommt, umkehren zu wollen. Mehr noch, es ist weder notwendig noch möglich. Wir müssen uns nur bewusst machen: In Wirklichkeit gibt es keinen Widerspruch zwischen den Unterschieden.

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OBJEKTIVITÄT

Unter dem Himmel,

Ursache und Wirkung nur,

Über der Erde.

Wenn es in der Stille keinen Lärm gäbe, wäre es nicht die ewige Stille. Wenn es im Licht keine Dunkelheit gäbe, würden wir weder das Licht noch die Dunkelheit sehen. Wenn in der Einsamkeit nur die Abwesenheit Platz hätte, könnte uns die Einsamkeit nicht all jene Wahrheiten offenbaren, die die Normalität so unvollkommen verbirgt. Wie die Wahrheit, dass die Normalität in Wirklichkeit ein Raum-Zeit-Kontinuum ist, in dem sich alles ständig verändert und wandelt. Wie die Wahrheit, dass das Licht und die Dunkelheit untrennbar voneinander abhängen, oder auch wie die Wahrheit, dass in der wahren Einsamkeit das Einzige, was wirklich fehlt, das Gewohnte ist, das Normale im Sinne des Regulierenden und Normativen. 

Die Verwechslung zwischen Normalität, Objektivität und dem Normativen ist so offensichtlich, so klar, sie hat ein solches Ausmaß und ist so inhaltsreich, dass ich der Meinung bin, wir sollten ihr noch einige Worte widmen. Denn in der Geschichte der Menschheit hat sich schon immer gezeigt: Während die Normalität für die einen stets Wohlstand und Vorteil bedeutete, war sie für andere gleichbedeutend mit Ausgrenzung und Ablehnung. Darüber hinaus lässt sich vor allem in der Geschichte der Moderne beobachten, dass die Normalität stets eine Botschaft der Ohnmacht vermittelt hat. Dies wird durch die Attribute und Konzepte von Erfolg, Prestige und sozialer Relevanz deutlich, die für die einen Normalität darstellen, für viele andere jedoch einen unerreichbaren Traum. Dies macht deutlich, dass die Normalität nicht nur eine Illusion ist, sondern durchaus auch ein Instrument. Seit Jahrhunderten ist sie das Instrument derer, die versuchen aus der Normalität das Synonym für den der herrschenden Ordnung untergeordneten Bürger zu machen, sei diese Ordnung weltlich oder kirchlich. Und andererseits ist sie das Instrument derer, die versuchen, das Normale zu jenem individualistischen und unabhängigen Individuum zu machen, das die Aufklärung durch die Vernunft und ihren Slogan „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ stets gefordert hat. Ebenso stelle ich fest, dass auch die Werbung, der wir täglich ausgesetzt sind, eher an die Emotionen als an die Vernunft appelliert und sich auf diese Weise für eine bestimmte Vorstellung von Normalität einsetzt, wodurch sie den klaren Blick in gewisser Weise versperrt: Einerseits befriedigt sie unsere Sinne, andererseits vermittelt sie uns aber auch ein Gefühl der Unterlegenheit und Ohnmacht, wenn wir den Erwartungen der sogenannten „Normalität“ nicht entsprechen. An dieser Stelle wird deutlich: Wenn es etwas gibt, das in der Normalität nicht existiert, dann ist es die Unvoreingenommenheit; und nicht nur, dass die Neutralität und die Ausgeglichenheit darin fehlen, sondern dient sie ebenfalls als Instrument. Ein Instrument, das in Krisenzeiten die Verwirrung noch weiter verschärft, da es von uns letztendlich verlangen kann, für eine Normalität zu kämpfen oder gar das Leben zu geben, die, wie wir gesehen haben, nie frei von Interessen war und stets den klaren Blick versperrt hat. 

Manchmal werden wir Zen-Praktizierenden gefragt, worin der Wert der Entsagung liege. Eine Frage, die natürlich nicht nur eine bestimmte Sichtweise dessen offenbart, was als Normalität gilt, sondern darüber hinaus auch die Tatsache deutlich macht, dass selbst die Objektivität ihre eigene Unvoreingenommenheit nur selten hinterfragt. Auf diese Weise führt uns eben diese Frage zu einer anderen Antwort darauf, was Entsagung in der Praxis des Zen-Buddhismus bedeutet. Nämlich zu der Erkenntnis, dass es bei der Entsagung nicht um eine Ablehnung des Alltags geht, sondern vielmehr um eine wertvolle Gelegenheit, das Notwendige zu tun, um die Verwirrung zu beenden. Um zur Klarheit von Körper und Geist in Einheit zu gelangen. Jener Klarheit, die es uns ermöglicht, uns der Verhaltensmuster bewusst zu werden, die unsere Fähigkeit beeinflussen, die Dinge so zu sehen, wie sie sind, und uns von dort aus uns zu einer gesünderen Haltung dem Leben gegenüber einzulassen.

Wenn es in der Stille keinen Lärm gäbe, gäbe es in der Stille auch keine Erinnerung. Wir wären nicht in der Lage, aus unseren Fehlern zu lernen, wir könnten keinen Zufluchtsort finden, denn wir würden weiterhin das Gute und das Böse, wie den Lärm und die Stille nur als Gegensätze betrachten. Wenn wir die Dunkelheit im Licht nicht sähen, würden uns die Sterne weiterhin täuschen, denn wir würden weiterhin glauben, dass sie nur dort oben sind, in den unerreichbaren Himmeln. Wir würden nicht sehen, wie sie sich am Grund des Flusses spiegeln. Im Fluss der Erinnerung. Am Grund eines fließenden Gewässers, das als solches immer fließt und stets seine Form verändert.

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NORMALITÄT

Jedes Jahr wieder, 

Die Blüten, die sich öffnen, 

Wenn der Frühling kommt.

Einsamkeit. Licht. Stille. So interpretieren wir oft die Beständigkeit, die das Gleichgewicht schenkt. Wie lebendige, pulsierende Ruhe, wie eine heitere, erstarrte Unruhe. Wie Mond und Sonne in einem einzigen Gestirn. Dennoch sind die Dinge aus dieser Perspektive niemals nur schwarz oder weiß. Vielmehr wird der ewige, unveränderliche Fluss aller Dinge deutlich sichtbar, und man versteht, warum der Herbst in sich sowohl den Sommer, den Winter als auch den Frühling birgt. Wie ein Fluss, der stets fließt und seine Form verändert.

Es ist daher unvermeidlich, ja sogar unausweichlich, dass wir aus einer Position der Stabilität heraus unser Verständnis der Realität hinterfragen und uns fragen, was das Gleichgewicht eigentlich ist, was die Gesundheit ist, was normal und was richtig ist. „Nichts, was als selbstverständlich angesehen werden kann“, lautet oft unsere erste Antwort. Nichts, was mit der uns so vertrauten üblichen Logik zu tun hat, der Logik des Guten, des Größten, des Erfolgs, des Mächtigen, die zugleich auch die Logik des Bösen, des Kleinen, des Scheiterns, des Unterdrückten ist. Denn aus der Perspektive des Gleichgewichts erhält die Normalität eine neue Bedeutung, da das, was normal ist, auch anders wahrgenommen werden kann. Als etwas, das sich ständig verändert, das sich kontinuierlich wandelt. Als etwas, in dem das, was wir gewöhnlich als „normal“ bezeichnen, schlichtweg nicht existiert. Einfach weil sich nichts wiederholt und das Gewöhnliche gänzlich fehlt. Auf diese Weise gibt es ebenso wenig Normalität wie Anomalie oder Ausnahmezustand. Mit anderen Worten: Die Ausnahme wird als Normalität gesehen und der Ausnahmezustand als das Gewöhnliche und Beständige.

So ist es deutlich zu erkennen, dass wir für gewöhnlich etwas als „normal“ bezeichnen, das niemals von Dauer, unveränderlich oder stabil ist. Dies lässt sich sowohl im gegenwärtigen Augenblick als auch im Laufe der gesamten Geschichte der Menschheit feststellen. Mehr noch: Wir können beobachten, dass das, was wir als „diesen Augenblick“ bezeichnen, schon immer eine unzählige Vielzahl von Zuständen war, ist, und sein wird, die sich in diesem spezifischen Moment ereignen und die ihrerseits unendlich viele Elemente und Umstände in sich vereinen. Wer mit dieser Sichtweise der Realität nicht so vertraut ist, kann dies überprüfen, indem er ein Kind fragt; denn wenn ein Kinder gefragt wird was die Realität ist, wird es höchstwahrscheinlich antworten, dass die Realität ein ständiges Staunen ist. Dies zeigt deutlich, dass es nichts außergewöhnliches ist, über die Realität zu staunen, sondern dass wir es sind, die irgendwann im Laufe unserer Entwicklung damit begonnen haben, die Normalität als etwas Feststehendes zu begreifen. Das bedeutet, dass die Normalität in Wirklichkeit keine festgefügte Art ist, das Geschehen zu betrachten, und dass sie viel in sich verbirgt, als die fragmentierte Sicht der Realität, die das Subjekt ständig vom Objekt trennt.

Weil sich alles ständig verändert, wenn die Normalität aus der Stabilität des Gleichgewichts betrachtet wird, kann auch beobachtet werden, dass auch wenn die Normalität keine feste Identität hat, es dennoch Kontinuität im ständigen Fluss der Ding gibt. Davon abgeleitet kann somit auch erkannt werden, dass auch wenn die Identität keine eigene Essenz hat, sie dennoch sehr wichtig ist und weil sie wichtig ist, kann die Normalität, die als etwas stets Neues betrachtet, auch keine Verantwortungslosigkeit zulassen. Ein Ort, ein Platz, von dem aus wir uns fragen können: Was tun, um verantwortungsbewusst, ausgeglichen und im Einklang mit allen Dingen zu handeln? Oder vielleicht sogar: Ist die Befreiung vom Leiden das Ergebnis von etwas, oder geschieht die Befreiung einfach, wenn wir die Geschichte unterbrechen? Einsamkeit. Licht. Stille. Gäbe es in der Stille keinen Lärm, wäre die Stille nicht die ewige Stille. Gäbe es im Licht keine Dunkelheit, könnten wir das Licht nicht wahrnehmen. Ebenso könnte uns die Einsamkeit die Wahrheit, die die Normalität gewöhnlich so unvollkommen verbirgt, nicht offenbaren, gäbe es in der Einsamkeit keine Gesellschaft. 

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STABILITÄT

So wie im Frühling, 

Stein, Holz, der weite Himmel. 

Wenn es der Herbst ist.

Ohne jegliche Veränderung, der ewige Fluss der Dinge ist immer präsent. Es ist der Sommer, der Herbst, der Winter, der Frühling. Es ist sowohl die neuen Blühen der alten Blumen als auch das Fallen der Blätter, das den kalten Herbstwind begleitet. Es ist ein Regentropfen, der am Fenster herunterläuft. Es ist sowohl das Gedächtnis als auch die schönen Erinnerungen der Kindheit . Es ist die Ungewissheit darüber, was die Zukunft bringen wird, sowie auch die Hoffnung auf ein friedliches Leben für uns und unsere Kinder. Es ist die Angst vor der Gewalt der Kriege. Es ist der Morgenmond, aber auch die neue, einfache Sonne der Morgendämmerung. Der ewige Fluss der Dinge ist immer unverändert präsent, aber dennoch verlieren wir ihn so leicht aus den Augen. Ich frage mich, warum das so ist, warum wir das Offensichtliche so leicht aus den Augen verlieren, warum wir immer bereit sind, die Dinge nur schwarz-weiß zu sehen.

Es gibt Leute, die sagen, dass das Tempo der technologischen Entwicklung einfach unsere Fähigkeiten übersteigt, ich bezweifle aber, dass wir die Antwort darauf, warum wir dazu neigen, unser Leben auf nur einige Aspekte zu reduzieren, in den äußeren Umständen finden. Vielmehr glaube ich sogar, dass es gar nicht nötig ist komplexe Erklärungen zu suchen, denn es ist der Versuch selbst die Realität zu verstehen, der uns verunsichert. Wir nehmen wahr, was vor unseren Augen geschieht und in unserem Versuch, dass was sich gerade ereignet zu verstehen, fügen wir es in die Welt der Worte und Konzepte ein, die wir in uns tragen. So entsteht die Kluft zwischen der Realität und dem, was wir für die Realität halten. Die Trennung, die Dualität, die bedingte Wahrnehmung dessen, was geschieht. Nun haben wir alle in der Schule Mathematikunterricht gehabt und wissen, dass, wenn eine einfache Berechnung am Anfang falsch ist, auch das Endergebnis der Gleichung nicht richtig sein kann, und genau das ist was uns in der Folge destabilisiert. Damit stellt sich die Frage: Wo, in was und wie finden wir Stabilität, wenn die Moral versagt, wenn wir erkennen, dass es in Wirklichkeit die Konzeptualisierung der Realität ist, die uns daran hindert, den innewohnenden Frieden zu sehen, der dem ständigen Kommen und Gehen aller Dinge zugrunde liegt?

Ja, es scheint widersprüchlich von Stabilität in einem Kontext zu sprechen, in dem sich alles ständig bewegt, in dem sich alles ständig verändert und es daher nichts gibt, woran man sich festhalten könnte, kein Konzept auf das man sich stützen kann. Genauso wie es fast illusorisch klingt von Ordnung zu sprechen in einer Wirklichkeit in der alles mit allem verbunden ist, ohne dass es eine Spur von unabhängiger Essenz gäbe. Dennoch sind sowohl die Stabilität als auch die Ordnung sehr wichtige Elemente in unserer Praxis, weshalb ich nun offenlege, dass wenn wir im Zen von Stabilität sprechen, eigentlich das Gleichgewicht meinen. Das Gleichgewicht, das über jedes Konzept hinausgeht und sich nicht von den Versprechungen des Komforts einschränken lässt, die die Ideologie verspricht. Das Gleichgewicht, das unterschiedslos in allem liegt, was geschieht, und daher dem reinen Gefühl selbst, dem wohlwollenden Gedanken, dem gerechten Wort entspricht.

Der ewige Fluss der Dinge ist immer präsent, ohne sich zu verändern. Es ist das Kommen und Gehen des Sommers, des Herbstes, des Winters, des Frühlings. Es ist so offensichtlich, dass es fast keiner Erklärung bedarf, da es in allen Dingen verwurzelt ist. Es ist das Portal, dass immer offen steht, ohne Schlüssel und selbst ohne Tür. Es ist die blühende Wüste ebenso wie ein alter Friedhof. Es ist der ferne Klang einer Glocke ebenso wie die Straßen einer immer geschäftigen Stadt. Der äußere Fluss der Dinge ist immer ohne Veränderung präsent, daher ist er sowohl Gegenwart als auch Erinnerung und Hoffnung. Er ist dieser Moment, er ist das Hier und Jetzt.

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BEWEGUNG

Ein Schirm in der Hand,

Ein Schritt nach dem anderen.

Aufstieg des Berges.

Vielleicht fällt es uns schwer, unsere Schatten zu akzeptieren, weil wir uns die Leere im Grunde genommen als einen dunklen Abgrund vorstellen. Einen ewigen Abgrund ohne Namen, ewig und endlos, in dem alles versinkt. Als ob die Nacht immer in Trauer wäre. Ohne Süße, ohne Dämmerung. Als ob alles farblos wäre, als ob alles nur schwarz und weiß wäre. Die kalte Nacht ohne Sterne. Die Farben, als wären sie nicht nur versteckt und als gäbe es in dieser Dunkelheit keine Bewegung. Ja, es ist schwierig, wenn wir gezwungen sind, Grenzen zu ziehen, um uns selbst zu schützen, weil wir das Gefühl haben, dass in der Dunkelheit Schatten lauern. Es ist schwierig, wenn die Ungerechtigkeit so offensichtlich ist und wir helfen wollen, es aber nicht können, weil wir das Gefühl haben, dass die Norm es uns nicht erlauben würde. All dies ist vollkommen verständlich, dennoch müssen wir angesichts einer Situation, die sich auf lange Sicht als explosiv erweist, so schnell wie möglich einen heilenden Ausweg finden. Und übrigens kann die Alternative nicht darin bestehen, unsere Freiheit und unsere Visionen, die gleichzeitig die Rechte und Visionen aller sind, aufzugeben, um dafür akzeptiert und anerkannt zu werden

Wenn man die Welt als unbeweglich und fragmentiert betrachtet, besteht der wahre Schatten darin, in einer Situation zu verharren, in der man als Beobachter seine Aufmerksamkeit immer nach außen richtet. Die Aufmerksamkeit ist immer auf der Suche nach Anerkennung und Bestätigung, und wenn man sich in einer Situation engagiert, die dies erfordert, tut man es nicht wirklich, denn wenn man seine Aufmerksamkeit immer auf die Außenwelt richtet, bleibt man auch in endlosen Kreisläufen von Worten und Konzepten gefangen. Mit anderen Worten: Wahre Liebe bedeutet auch an erster Stelle sich selbst zu lieben, zu respektieren und für sich selbst zu sorgen, denn dies ist es, was dazu führt, dass man sowohl die Höhen als auch die Tiefen, die Klarheit wie auch die Schatten, die anderen wie auch sich selbst akzeptiert, um zu einem umfassenderen Verständnis zu gelangen. Zum Verständnis, dass die ursprüngliche Bewegung vor der Bewegung des Geistes stattfindet, was wiederum die Türen öffnet, um zu verstehen, dass das grundlegende Problem, das wir in Wirklichkeit haben, in unserer Entfernung von unserer eigenen wahren Natur besteht. Etwas, das nur dann klar zu sehen ist, wenn die Illusionen aufhören, die durch die Bewegung des Bewusstseins geschaffen werden, das ständig vergleicht, richtet und damit diskriminiert. 

In der Gegenwart jenseits des unterscheidenden Verstandes befindet sich die ursprüngliche Bewegung. Die Bewegung, aus der alles hervorgeht, jene Bewegung ohne jede Unterbrechung, die alles miteinander verbindet. Die Bewegung ohne Anfang und ohne Ende, die Bewegung, in der die Unterscheidung zwischen dem Ich und den anderen nicht existiert. Von hier aus ist klar zu erkennen, wie sich die Entfernung von der wahren Natur manifestiert. Wenn beispielsweise angenommen wird, dass der Zweck die Mittel heiligt. Um es klarer auszudrücken: Die Annahme, dass der Zweck die Methoden heiligt, bedeutet nicht nur die Einführung moralischer und damit dualistischer Konzepte, sondern auch die Förderung der Illusion der Zeit, die zwischen einem Vorher, Jetzt und einem möglichen Nachher trennt. Nun ist klar, dass es nicht immer möglich sein wird, vollständig im Gleichgewicht zu leben, aber dennoch, und das ist wichtig, ist die ursprüngliche Bewegung immer da, was bedeutet, dass wir unsere Erinnerung immer wieder auffrischen und immer wieder nach Hause zurückkehren können. 

Buddha Shakyamuni, dessen Todestag im Februar angedacht wird, sagt im Paranirvana Sutra: „Alle Wesen besitzen vollständig und ganz die Buddha Natur. Der Tathagata ist immer gegenwärtig, ohne jede Veränderung.“ Auf den ersten Blick scheint es einen Widerspruch zwischen diesen letzten Worten Buddhas und seiner Lehre über die Vergänglichkeit zu geben, die besagt, dass sich alles ständig verändert.  Ein Widerspruch, der sich auflöst, wenn wir das Hier und Jetzt auf eine andere Weise verstehen. Als einen Raum der Begegnung. Einen Zeit-Raum, der mehr als nur physisch, eine Eigenschaft der Akzeptanz und der Verbindung zwischen allen Phänomenen ist. Ein Verständnis, das andererseits auch die Möglichkeit bietet, sich eine gesündere und damit heilende Situation vorzustellen als die, die die Welt derzeit erlebt. Die Leere ist ein dunkler Abgrund, in dem sich die Farben nur verstecken. In dem die Zeit versinkt, nicht weil die Leere sie verschlingt, sondern nur weil es sie nicht gibt. Aus diesem Grund kleidet sich auch die Nacht nur in Schwarz, um Ruhe zu spenden und weil sie die andere Seite des Tages ist. Es ist auch nicht wahr, dass in ihr, der Nacht, die Süße und die Dämmerung fehlen würden, denn die Farben sind nicht versteckt, sondern ständig in Bewegung.

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SCHATTEN

Sonnenuntergang,

Der Baum spendet den Schatten,

Der Berg, regungslos.

Liebe Leserinnen und Leser, ich muss zugeben, dass zu Beginn dieses neuen Jahres es mir schwerfällt eine Botschaft der Hoffnung zu vermitteln und das Beste für das neue Jahr zu wünschen, ohne gleichzeitig meine Besorgnis über den Kurs auszudrücken, den wir als menschliche Zivilisation einschlagen. Mehr noch, ich denke sogar, dass es unangebracht und sogar respektlos gegenüber meinen Leserinnen und Lesern wäre, diese Sorgen zu verschweigen, als ob uns allen nicht bewusst wäre, dass der innere und der äußere Frieden nicht nur ein und derselbe Prozess sind, sondern auch fragil und unserer ständigen Hingabe und all unserer Anstrengungen bedürfen. Was ich zu sagen versuche ist, dass es ist endlich an der Zeit ist einen wahren Schritt nach vorne zu machen. Mit Freude und Optimismus in die Zukunft zu blicken, ja, aber auch davon ausgehend, dass es zur Förderung des Friedens es nicht ausreicht angesichts eines makabren Spiels eine gute Miene machen, sondern dass wir aufhören müssen, so zu tun, als ob die Wahrheit und der Frieden nicht eng miteinander verbunden wären, und dass wir uns daher zu engagieren haben.  

Wir leben in Zeiten, in denen die Wahrheit in Frage gestellt wird, und dafür gibt es mehrere Gründe. Es gibt Menschen, die behaupten, dass es die Wahrheit an sich nicht gibt und dass die Realität nur in Abhängigkeit von der Perspektive existiert, aus der wir das Geschehen betrachten. Ich werde mich nicht auf Spekulationen über ihre Gründe einlassen, aber ich muss dennoch ermahnen, dass, wenn die Wahrheit auf Perspektiven reduziert wird, damit einhergeht, dass versucht wird die Wahrheit zu einem manipulierbaren Gut zu machen. Die buddhistischen Lehren sprechen an dieser Stelle klar von Dukkha – dem Leiden, das nicht nur denjenigen betrifft der manipuliert und getäuscht wird, sondern natürlich auch denjenigen, der in der Illusion verharrt zu glauben, dass die manipulierbare Wahrheit einerseits die Wahrheit und andererseits ein stabiles Gut wäre, das dauerhaftes Wohlergehen garantieren könnte.

Liebe Leserinnen und Leser, ich gehe davon aus, dass sich meine Botschaft an verantwortungsbewusste Menschen richtet, die sich für das Erwachen des Bewusstseins engagieren und wie ich angesichts der jüngsten gesellschaftlichen Ereignisse glauben, dass der beste Weg, dieses neue Jahr zu beginnen, darin besteht, sich erneut daran zu erinnern, was Dukkha bedeutet. Sich daran zu erinnern, dass ein Leben aus Dukkha, aus dem Leiden heraus, so ist, als würde man versuchen, äußerlich etwas zu heilen, was in Wirklichkeit innerlich verletzt ist. Es bedeutet, Strategien zu entwickeln, um einen äußeren Feind zu besiegen, indem man ihn bloßstellt, lächerlich macht, herabwürdigt und bestraft, ohne zu merken, dass wir mit jedem Vergleich den wir anstellen, wir jenes Leiden in uns fördern, welches mit der Schaffung der Illusion von Unterlegenheit und Überlegenheit einhergeht, was wiederum dazu führt, dass wir uns als voneinander getrennt und unabhängig wahrnehmen.

Erinnern wir uns also daran, dass wir alle, Freunde wie Feinde, einen Schatten in uns tragen, den wir im Buddhismus als Leiden bezeichnen. Der Schatten, mit einer Wunde zu leben, die niemals heilt und die verschiedene Namen hat. Manchmal wird sie Wut genannt, manchmal Gier, manchmal Unwissenheit und oft einfach Angst. Ja, die Angst, indem sie einem sofort in einen Alarmzustand versetzt, ist auch eine unverzichtbare Voraussetzung für das Überleben eines jeden fühlenden Wesens, was bereits darauf hinweist, dass sogar hinter der Angst eine tiefgreifende Wahrheit steckt. Also meine ich nicht nur die Angst vor einem möglichen Verlust, sondern auch die mögliche Erkenntnis, dass jede akzeptierte Wunde zu einer Medizin werden kann. Möge es so sein, dass wir die Kraft bewahren die Wahrheit zu sagen, wenn es nötig ist, dass wir nicht vergessen, dass die Wahrheit nicht lange verborgen bleiben kann, dass wir nicht die Tatsache ignorieren, dass, wenn es wirklich einen Feind gibt, wir ihn in uns selbst tragen, und dass wir niemals vergessen, dass es dort, wo es Hindernisse gibt, auch Möglichkeiten gibt. Genauso wie, dass es dort wo es Schatten gibt es immer auch Licht gibt. Das sind meine aufrichtigsten Neujahrswünsche, zum Wohle aller Wesen, dass das Jahr 2026 uns allen die Möglichkeit gibt, ein ausgeglicheneres, gesünderes Leben zu führen, sowohl körperlich als auch geistig.

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