ZWÖLF


Die Weiterentwicklung jenseits von Buddha bedeutet wenn Sonne und Mond auf der Spitze eines Stocks existieren – Koso vom Berg Chimon

Meister Tozan Ryokai aus dem In-Distrikt lehrte vor einer Versammlung:
– Wenn ihr mit eurem eigenen Körper das erfahren habt, was sogar über Buddha hinausgeht, dann seid ihr imstande, ein wenig zu sprechen.

Daraufhin fragte ein Mönch:
– Welche Art von Reden wäre das?
Tozan Ryokai erwiderte:
– In dem Augenblick, in dem ein Mönch redet kann er nicht hören.
Der Mönch sagte:
– Hört der Meister selbst (wenn er spricht) oder nicht?
Tozan Ryokai antwortete:
– Wenn ich aufgehört habe zu reden, höre ich.

Kommentar

Wenn die Menschen die Wahrheit verwirklicht haben, setzen sie ihre gewöhnliche Praxis fort und leben weiterhin ihr Alltagsleben. Das ist mit dem Ausdruck „was sogar über Buddha hinausgeht“ gemeint.
Meister Tozan wollte seinen Schülern das demonstrieren, „was sogar über Buddha hinausgeht“. Der Mönch hingegen war an der Art der Gespräche interessiert, die dann stattfinden könnten, wenn sie selbst das, „was sogar über Buddha hinausgeht“, erfahren hätten.

Er nahm an, solche Diskussionen unter Buddhas müssten sehr erhaben und mystisch sein. Doch der Meister befreite ihn von dieser falschen Ansicht. Es seien nur gewöhnliche Gespräche, sagte er: „Wenn ein Mönch spricht, kann er nicht hören.“ Was könnte gewöhnlicher und praktikabler sein?
Der Mönch aber glaubte, der Meister werde gewiss dank seiner tiefen Weisheit durch solch gewöhnliche Umstände nicht eingeschränkt. Und wiederum sagte Meister Tozan bloß: „Wenn ich aufgehört habe zu reden, höre ich“. Es gibt nichts Merkwürdigeres oder Mysteriöses dabei. Dasselbe trifft für die Lebensweise dessen zu, der „sogar über Buddha hinausgeht“. Sie ist einfach, gewöhnlich und unmittelbar. Doch die Menschen geniessen es, Bilder und Idole zu erschaffen, die sie verehren können, statt mit der eigenen Praxis weiterzukommen, die anscheinend mitunter zu langweilig und gewöhnlich ist.
Diese Geschichte gleicht einem Eimer frischen kalten Wassers für diejenigen, die durch eine romantische Sicht von Zen vergiftet sind.

Aus: Die Schatzkammer der wahren buddhistischen Weisheit – Dogen Zenji´s Sammlung von 301 Koan – Geschichten erläutert von einem Meister der Gegenwart. 2005, O.W. Barth Verlag.

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SHINJI SHOBOGENZO – ACHTUNDZWANZIG


In einen verdorrten Baum singt ein Drache – Kyogen

Eines Tages fragte ein Mönch Meister Chikan aus dem Kyogen Tempel:
– Was ist die Wahrheit?
Meister Kyogen erwiderte:
– In einem verdorrten Baum singt ein Drache.
Der Mönch sagte:
– Was ist ein Mensch, der die Wahrheit erfährt?
Meister Kyogen antwortete:
– Es sind die Augen in einem Totenschädel.
Später fragte ein Mönch Meister Sekiso:
– Was ist das Singen des Drachen in einem verdorrten Baum?
Meister Sekiso sagte:
– Da ist noch Freude.
Der Mönch fragte:
– Was sind die Augen in einem Totenschädel?
Meister Sekiso sagte:
– Da ist noch Freude.
Der Mönch fragte:
– Was sind die Augen in einem Totonschädel?
Meister Sekiso sagte:
– Dort gibt es noch Bewusstsein.
Bei einer anderen Gelegenheit fragte ein Mönch Meister Sozan:
– Was ist das Singen des Drachen in einem verdorrten Baum?
Meister Sozan erwiderte:
– Das Herzblut hört niemals auf zu fließen.
Der Mönch fragte:
– Was sind die Augen in einem Totenschädel?
Meister Sozan sagte:
– Die Augen trocken niemals aus.
Der Mönch sagte:
– Ich frage mich, ob es noch jemanden gibt, der das Singen des Drachens hören kann?
Der Mönch fragte:
– Weißt du, was der Gesang bedeutet, wenn ein Drache singt?
Meister Sozan sagte:
– Ich weiß es auch nicht, was der Gesang bedeutet: doch wer ihn hört, der stirbt.

Kommentar

Im alten China gebrauchten die Leute den Begriff ryugin, „das Singen des Drachen“, als ein Symbol für etwas Mystisches in der Natur, im Universum. Der Ausdruck „koboku ryugin, „das Singen des Drachen in einem verdorrten Baum“, beschwört das Bild einer einsamen und öden Landschaft mit verdorrten Bäumen herauf, in der wir das Gefühl haben, etwas hören zu können, das aber etwas anderes als ein Ton ist. Diese Metapher wurde im buddhistischen Testen aufgegriffen, wobei das Singen des Drachen nicht für einen Ton steht, sondern für etwas, das nicht allein mit den Ohren zu hören ist: die Stille, die Natur, das Universum oder die Wirklichkeit.
In diesem Koan wollte der Mönch wissen, was die Wahrheit ist. Meister Kyogen nahm die alte chineische Metapher des Drachen Singens auf und sagte, die Wahrheit sei etwas, das wir zwar erfahren aber eben nicht hören, nicht ergreifen können. Doch der Mönch wollte eine konkretere Erläuterung haben. Wie sit ein Mensch, der die Wahrheit verwirklicht hat? Bei seiner Antwort benutzte der Meister eine andere alte Metapher. Bei jemandem der die Wahrheit verwirklicht hat, ist etwas zu spüren, ähnlich wie uns die Augenhöhlen, wenn wir auf einen Totenkopf blicken, eine subtile Andeutung von Leben vermitteln.
Später bat ein Mönch Meister Sekiso Keisho darum, den Sinn dieser beiden metaphorischen Wendungen zu klären. Meister Sekiso führte aus, das Singen des Drachen lasse auf Freude schließen und die Augen in einm Totenkopf auf ein Bewusstsein. Die Wahrheit sei subtil und unmöglich allein mit dem Verstand zu erfassen.
Bei einer anderen Gelegenheit bat ein Mönch Meister Sozan Honjaku, den Sinn des Singesn des Drachens in einem verdorrten Baum zu erläutern. Meister Sozan legte dar, dies bedeute, das Herzblut – die wahre Lehre Gautama Buddhas – höre niemals auf zu fließen. Dann bat der Mönch noch, der Meister möge etwas über die Augen in einem Totenkopf sagen. Meister Sozan erklärte diese Metapher stehe dafür, dass die Wahrheit immer bei uns sei – sie verschwinde nie.
Der Mönch wechselte dann zu einer praktischen Frage: Kann irgendjemand das Singen des Drachens hören? Der Meister erwiderte, dass wir alle es hören könnten, überall liege die Wahrheit offen zutage. Was nun sagt dies aus? Das Gemeinte liegt außerhalb der Reichweite unseres analystischen Denkens. Und wenn wir den Klang der Wahrheit hören, befreien wir uns von unserer verstandesmäßigen Sichtweise und gehen in die Wirklichkeit ein. Sogar die Klänge der Natur werden dann zur Lehre Gautama Buddhas.

Aus: Die Schatzkammer der wahren buddhistischen Weisheit – Dogen Zenji´s Sammlung von 301 Koan – Geschichten erläutert von einem Meister der Gegenwart. 2005, O.W. Barth Verlag.

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BODHIDHARMA


Der achtundzwanzigste Patriarch war der Ehrwürdige Bodhidharma. Einmal fragte der siebenundzwanzigste Patriarch, der Ehrwürdige Prajnatara: „Was unter all den Dingen ist formlos?“. Bodhidharma antwortete: „Nicht-Entstehen ist formlos.“ Der Patriarch fragte: „Was unter all den Dingen ist das Größte?“ Bodhidharma erwiderte: „Die wahre Natur der Dinge ist das Größte.“

Hintergrund

Der Ehrwürdige Bodhidharma stammte aus einer Kriegerkaste und wurde ursprünglich Bodhitara genannt. Er war der dritte Sohn des Königs von Koshi in Südindien. Der König bezeugte dem Buddha-Dharma tiefe Verehrung. Einmal schenkte er Prajnatara einen kostbaren Juwel als Almosen. Der König hatte drei Söhne: Chandravimalatara, Punyatara und Bodhitara. Der Ehrwürdige Prajnatara wollte deren Weisheit prüfen. Er zeigte ihnen den Juwel, den er erhalten hatte, und fragte: „Kann man irgendetwas mit diesem Juwel vergleichen?“ Zwei der Söhne sagten: „Dieser Juwel ist das kostbarste unter den Sieben Schätzen, nichts kann ihn übertreffen. Wer außer Eurer Heiligkeit könnte ihn empfangen?“ Der dritte Sohn Bodhitara sagte jedoch: „Dies ist ein weltlicher Schatz, ganzsicher nicht der kostbarste. Ich halte den Schatz des Dharma für den kostbarsten. Dies ist ein weltliches Licht, ganz sicher nicht das wertvollste. Ich halte das Licht der Weisheit für das wertvollste. Dies ist eine weltliche Klarheit, ganz sicher nicht die größte. Ich halte die Klarheit des Geistes für die größte. Das strahlende Licht dieses Juwels kann sich nicht selbst erleuchten, sondern benötigt das Licht der Weisheit um erkannt zu werden. Wenn man es genau erkennt, weiß man auch, dass es ein Juwel und damit kostbar ist. Diese Kostbarkeit ist selbst aber nicht kostbar, wie auch der Juwel selbst kein Juwel ist. Der Juwel ist deshalb kein Juwel, weil es nötig ist, mithilfe des Juwels der Weisheit den weltlichen Juwel zu erkennen. Die Kostbarkeit ist nicht kostbar, weil es nötig ist, mithilfe des Weisheitsschatzes den Dharma- Schatz zu klären. Weil der Weg des Meisters den Weisheitsschatz beinhaltet, erkennt ihr nun diesen weltlichen Schatz. Wenn der Meister den Weg verwirklicht, manifestiert sich der Schatz ebenso, wie wenn Lebewesen den Weg verwirklichen.“
Als der Ehrwürdige Prajnatara dies hörte, wusste er ein Weiser geboren worden war. Er erkannte, das Bohitara sein Dharma Nachfolge würde, die Zeit dafür jedoch noch nicht gekommen war. Darum sagte er zunächst nichts und ließ Bodhitara bei den anderen verweilen. Schließlich frage er „Was unter all den Dingen ist das größte?“. Bodhitara erwiderte: „Die wahre Natur aller Dinge ist das größte.“ Auch wenn in diesem Austausch von Fragen und Antworten der Geist von Meister und Schüler verschmolzen, wartete Prajnatara noch das vollständige Reifen der Umstände ab.
Als später der König, Bodhitaras Vater, starb und das Volk trauerte, trat allein Bodhitara vor dessen Totenbahre in Samadhi ein. Nach sieben Tagen beendete er seine Versenkung und suchte Prajnatara auf, um Mönch werden zu können. Prajnatara wusste, dass sie Zeit für Bodhitara nun reif war, und gab ihm die Gebote. Danach saß Bodhitara hörte gut zu und erweckte die höchste Weisheit. Dann sagte Prajnatara: „Du hast nun vollständiges Wissen über alle Dinge erlangt. „Dharma“ heißt „tiefes Verständnis“, darum sollt du ab jetzt Dharma heißen“. So änderte Prajnatra den Namen Bodhitaras zu Bodhidharma.
Nach seiner Ordination und dem Empfangen der Lehre kniete Bodhidharma nieder und fragte: „Da ich nun den Dharma empfangen habe, wo soll ich Buddhas Werk verrichten?“ Prajnatara antwortete: „Du solltest zunächst noch siebenundsechzig Jahre nach meinen Tod in Südindien bleiben und dann nach China gehen, um diejenigen zu unterweisen, die eine tiefe Aufnahmebereitschaft für den Dharma haben.“ Bodhidharma fragte: „Werden sie dort in der Lage sein, große Gefäße für den Dharma zu werden? Und werden nach langer Zeit nicht Schwierigkeiten auftauchen?“ Prajnatara erwiderte: „Diejenigen, die dort Erweckung erfahren, werden unzählig sein. Ein paar kleine Probleme wird es zwar geben, aber die wirst du selbst in den Griff bekommen. Wenn du dort ankommst, bleibe nicht im Süden, denn dort schätzt man nur weltliches Werk und nicht die wahren Prinzipien der Buddhas.“ Dann sprach er die Versen:

„Über Straßen und den Ozean wirst du reisen
und einem Schaf begegnen.
Im Dunkeln wirst du heimlich allein einen Fluss überqueren.
Dort werden zwei Bedauernswerte ein Paar: Elefant und Pferd.
Zwei junge Zimtbäume werden auf ewig erblühen.“

Weiter sagte er: „Du wirst in deiner Mönchsgemeinde jemanden finden, der die Früchte des Weges erlangt“, und sprach noch einmal in Versen:

„Auch wenn China ein großes Land ist, gibt es keinen anderen Weg.
Deine Handlungen müssen sich auf deine Nachfahren stützen.
Ein goldener Fasan kann ein einziges Hirsekorn aufpicken
Und allen Arhats in den zehn Richtungen anbieten.“

So erhielt Bodhidharma das Siegel der Übertragung und diese Vorhersage, und er blieb zunächst vierzig Jahre lang an Prajnataras Seite. Nach dessen Tod lehrte ein Bruderschüler namens Bodhisena, der ebenfalls das Siegel von Prajnatara erhalten hatte, gemeinsam mit Bodhidharma. Ein weiterer Schüler namens Bodishanta hatte die Nachfolger in zwei Schulen gespalten, doch Bodhidharma konnte sie alle unterweisen und ihre Achtung gewinnen. Nach über sechzig Jahren hielt er die Bedingungen in China für günstig. Er sprach beim König, der nichtbuddhistische Ansichten hegte, mit den Worten vor: „Ich muss die Drei Schätze ehren und allen Menschen verkünden. Die Zeit ist reif, nach China zu gehen. Wenn meine Arbeit dort beendet ist, werde ich zurückkehren.“ Unter Tränen fragte der König: „Was ist an diesem Land so schlecht und an China so verheißungsvoll? Kehrt jedenfalls sofort zurück, sobald Euer Werk dort vollendet ist. Vergesst nicht das Land Eurer Eltern.“ Sie begaben sich gemeinsam zum Hafen, wo der König Bodhidharma persönlich verabschiedete. Der Ehrwürdige brauchte drei Jahre um den Ozean zu überqueren, und kam am einundzwanzigsten Tag des neunten Monats im Jahr 527 in China an. Als erstes hatte er eine Audienz beim Herrscher Wu der Liang-Dynastie. Darauf hatte sich einst Prajnatara mit seinen Worten „Bleib nicht im Süden“ bezogen. Darum begab sich Bodhidharma bald nach Norden ins Reich der Wei. Man sagt, es hätte ihn auf einem Schilfblatt im Yantze-Fluss dorthin getrieben. Die Leute denken gewöhnlich, dass es tatsächlich nur ein einziges Schilfblatt war, doch das ist ein Fehler. Bei den Blatt handelte es sich um ein kleines Boot, dass in seiner Form dem Schilf ähnelte. „Ein Schaf treffen“ verweist auf den Herrscher Wu im Reich der Liang, und „einen Fluss im Dunkeln überqueren“ auf den Yangtze. So kam er bald im Shaolin-Kloster auf dem Berg Song an und verweilte dort zunächst in der Östlichen Halle. Niemand wurde aus ihm schlau, da er den ganzen Tag übte. Sie nannten ihn den „Wand betrachtenden Brahmanen“. Neun Jahr lang sprach er weder ungestüm noch in einfachen Worten über den Dharma. Dann übertrug er seine Haut, sein Fleisch seine Knochen und sein Mark an Daofu, Daoyua, Zongchi und Huike, da sie reif genug dafür waren.
Zu dieser Zeit waren die beiden Nichtgläubigen Bodhiruci und der Vinaya-Meister Guandong sehr aufgebracht, weil das Verdienst des Ehrwürdigen sich im Land verbreitete und die Mensche sich respektvoll an ihn wandten. Sie warfen Steine nach ihm, schlugen ihm die Vorderzähne aus und versuchten fünf Mal, ihn zu vergiften. Beim sechsten Versuch legte Bodhidharma das Gift auf einen Felsen, der daraufhin zersplitterte. Er sagte sich: „Die Bedingungen für meine Lehre sind ungünstig. Ich habe das Siegle und die Vorhersage von meinen Lehrer erhalten und zunächst günstige Umstände und eine große Aufnahmebereitschaft für die Lehre des Mahayana in China entdeckt. Doch durch mein Treffen mit Herrscher Wu aus Liang erfüllte sich diese Hoffnung ebenso wenig wie mit anderen. Während ich allein in Untätigkeit saß traf ich auf den Großen Huike und übertrug ihm den Weg, den ich erlangt hatte. Meine Arbeit ist also beendet und ich sollte gehen.“ Er wurde am Bärenohr-Gipfel begraben. Auch wenn es heißt, er habe später noch einen Mann namens Songyun im Zwiebel-Gebirge getroffen, wurde er in Wahrheit auf den Bährenohren Gipfel begraben.

Teisho von Keizan Zenji

Zweifellos war Bodhidharma gemäß der Vorhersage des siebenundzwanzigsten Patriarchen der erste Patriach in China. Als Bodhidharma ein Prinz war, fragte der erwürdige Prajnatara, nachdem er die Bedeutung des Juwels erklärt hatte: „Was unter all den Dingen ist formlos?“ Der Erwürdige antwortete: „Nicht-Entstehen ist formlos.“ Jener Bereich kann wie eine steile Klippe gesehen werden, die in den Himmel ragt, oder als etwas, das die Unterschiede in vielen Dingen hell erleuchtet. Ihr könnt alle Dinge für nichts als das halten: unwandelbar verweilend in ihrem eigenen Zustand. Doch ist das kein Nicht-Entstehen, und darum sind sie nicht formlos. Wie könnt ihr noch vor der Trennung in Himmel und Erde das Heilige und das Gewöhnliche unterscheiden? In diesem Bereich kann kein einziges Ding erscheinen und kein einziges Staubkorn beschmutzen und doch ist es nicht so, dass da ursprünglich nichts wäre. Er ist weit und klar wie der Himmel, wach und unberührt, unvergleichbar und alleinstehend. Darum ist er das Allergrößte. Und deshalb heißt es, dass man sich das Größte nicht vorstellen könne, und das Unvorstellbare wird Dharma-Natur genannt. Nicht einmal der kostbarste Juwel kann damit vergleichen werden, nicht einmal das klare licht des Geistes ähnelt ihm. Bodhidharma sagte: „Dies ist ein weltliches Licht, ganz sicher nicht das wertvollste. Ich halte das Licht der Weisheit für das wertvollste.“ So verstand er es aufgrund seiner natürlichen Weisheit, und doch übte er nochmals sieben Tage Zazen und hörte sich an, was sein Lehrer über die wundervollen Prinzipien der Meditation zu sagen hatte, woraufhin er schließlich die unübertroffene Weisheit des Weges erweckte.
Das Beispiel Bodhidharmas zeigt, dass man in diesem Bereich infolge genauer Einsicht das erlangen und klären kann, was die Buddhas und Patriarchen verwirklichten. So wird man zu deren Nachfolger. Obwohl Bodhidharma natürliche Weisheit besaß, erweckte er noch die höchste Weisheit des Weges. Später beschützte er sorgsam den Dharma, diente seinem Lehrer und studierte den Dharma vierzig Jahre lang genaustens, verbrachte dann sechzig Jahre, ohne die Vorhersage seines Meisters zu vergessen, und überquerte schließlich in drei Jahren den Ozean. Nachdem er neuen Jahre in einem ihm unbekannten Land in stille Meditation verbracht hatte, erkannte er es als großes Gefäß für die wahre Lehre zahlte seinem Meister die Dankesschuld, indem er den Dharma dort verbreitete. Seine Mühsal und seine Entbehrungen waren größer als die von irgendwem sonst.
Die Schüler von heute wollen einen einfachen Weg gehen, obwohl wir in einer Zeit des Verfalls leben und die Fähigkeiten der Menschen nur beschränkt sind. Menschen wie sie, die fälschlich behaupten, verstanden zu haben, sind eitle Gesellen, die sich besser vom Zen-Studium verabschieden sollten.
Wenn ihr die obige Geschichte tief durchdringt, werdet ihr mehr und mehr erkennen, wie erhaben sie ist. Zerschmettert euren Geist und werft euren Körper ab, dann wir euch fas unmerklich die Hilfe aller Buddhas zukommen und ihr werdet mit ihnen teilen, was sie verwirklicht haben. Glaubt aber nicht, dass es mit ein bisschen Weisheit jeder Halbwissen getan ist.

Vers

Es gibt kein Ort, keine Grenzen, kein außerhalb – wie könnte da auch nur der Flaum des Herbstes existieren?

Quelle: Denkoroku. Die Weitergabe des Lichtes / Keizan Jokin. Frankfurt, Angkor Verlag, 2008

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SHAKYAMUNI


Als Shakyamuni den Morgenstern erblickte, sagte er: “Gemeinsam mit der großen Erde und allen fühlenden Wesen vollende ich den Weg.“

Hintergrund

Shakyamuni Buddha entstammte dem Geschlecht der Suryavamsha in Indien. Im Alter von neunzehn Jahren verließ er um Mitternacht den Palast in Kapila, bestieg den Berg Dantiloka, schor sich das Haupt und entsagte der Welt. Dann begann er seine sechs Jahre dauernden asketisches Üben. Schließlich saß er auf den Diamantsitz, erlangte also tiefstes Samadhi, während Spinnen Netze zwischen seinen Augenbrauen spannen und Elstern Nester auf seinem Kopf bauten. Weitere sechs Jahre lang durchdrang Schilf seinen Lotussitz.
Am 8. Dezember, im dreizehnten Jahr seiner Übungen, erlangte er im Morgengrauen das Erwachen. Die Worte „Gemeinsam mit der großen Erde und allen fühlenden Wesen vollende ich den Weg“ waren sein erstes Löwengebrüll. Danach predigte er den Dharma neunundvierzig Jahre lang, ohne seine Zuhörer auch nur einen Tag zu verlassen. Er besaß nur eine Robe und eine Schale und entbehrte doch nichts. Nach mehr als dreihundertsechzig Dharma-Unterweisungen übertrug er schließlich das Schatzauge des Wahren Gesetzes auf Mahakashyapa, und von ihm aus wurde es bis in unsere Zeit übertragen. Diese Übertragung von Indien über China bis nach Japan ist die Grundlage der Übung des Wahren Dharma.
Alle Übungen Shakyamuni Buddhas sind Vorbilder für seine Nachfahren. Obwohl er die zweiunddreißig Merkmale von Größe und achtzig besonderen Kennzeichen hatte, erschien er wie ein alter Mönch und unterschied sich nicht von gewöhnlichen Menschen. Seit seinem Erscheinen und durch alle Zeitalter der Lehre – das Zeitalter des wahren Dharma, das des verfälschten Dharma und das des untergehenden Dharma – nahmen sich seine Anhänger ein Beispiel an ihm und standen, gingen, saßen und legten sich nieder, ohne Selbstsucht zu hegen. Weil es eine unmittelbare Übertragung von Buddha zu Buddha und Patriarch zu Patriarch gibt, geht der Dharma nicht unter. In den dreihundertsechzig Dharma-Unterweisungen in neunundvierzig Jahre sind die verschiedenen Geschichten, Parabeln, Metaphern und Erklärungen nie von Buddhas Erwachen abgewichen.

Teisho von Keizan Zenji

Das „Ich“, von dem Shakyamuni Buddha spricht, ist nicht Shakyamuni Buddha, doch Shakyamuni Buddha entsteht aus diesem „Ich“ gemeinsam mit der großen Erde und allen fühlenden Wesen. So wie bei einem Netz, das man anhebt, auch dessen Löcher mit angehoben werden, so wurden mit dem Erwachen Shakyamuni Buddhas auch die große Erde und alle fühlenden Wesen erleuchtet. Bringe das Erwachen nicht nur mit Shakyamuni Buddha in Verbindung, denn auch alle Buddhas der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wurden erleuchtet.
So zahllos Flüsse, Berge und Phänomene auch seien, sie alle sind in der klaren Sicht von Gautamas Auge enthalten. Auch wir befinden uns in der Pupille seines Auges, die auch die Pupille unseres Auges ist. Gautamas Auge wird zum Fleisch und zu den Knochen von jedermann. Von alters her bis heute gehören gewöhnliche Menschen zu Gautamas klarer Sicht. Gautama selbst ist unser aller Körper.
Wie kann man dann das Mark der Erleuchtung erklären? Ich frage die Mönche hier: Ist der Gautama mit allen Menschen erwacht? Wenn dem so ist, dann handelt es sich gar nicht um Gautamas Erwachen, dann können wir dies nicht als Mark der Erleuchtung ansehen.
Wenn wir wirklich das Prinzip des Erwachens erfassen wollen, dann müssen wir diesen Gedanken von Gautama und den gewöhnlichen Menschen aufgeben. Nur dann werden wir zügig die Bedeutung dieses wahren „Ichs“ erkennen. Dieses wahre „Ich“ betrifft die große Erde und alle fühlenden Wesen. Es unterscheidet sich von Gautama, dem alten Weisen. Untersuche und bedenke sorgsam dieses „Ich“, und kläre auch das „gemeinsam mit“ in seiner Aussage. Wenn wir nur das wahre „Ich“ klären, nicht jedoch das „gemeinsam mit“, können wir unser erkennendes Auge verlieren. Dieses wahre „Ich“ und das „gemeinsam mit“ sind weder gleich noch verschieden. Mönche, tatsächlich sind euere Haut, euer Fleisch, eure Knochen und im Besonderen euer Mark „gemeinsam mit“. Der „Herr des Hauses“ ist „Ich“. Es hat nichts mit Haut, Fleisch, Knochen und Mark zu tun, auch nichts mit den vier Elementen und den fünf Skandhas.
Wenn ihr wirklich den „Unsterblichen in der Einsiedelei“ verstehen wollt, dürft ihr ihn nicht von diesem Hautsack trennen. So schreiten wir gemeinsam mit der großen Erde und allen fühlenden Wesen voran. Verändern sich Frühling, Sommer, Herbst und Winter und im Lauf der Zeit auch Berge, Flüsse und die große Erde, dann sollten wir wissen dass dahinter nur Gautama steckt, der seine Augenbrauen hebt und mit den Augen zwinkert. All die Myriaden von Phänomenen sind nur eine Manifestation des wahren Dharma. Ihr Wandel liegt jenseits von Abwerfen oder Nicht-Abwerfen. Fayan fragte: „Warum ist es wichtig abzuwerfen oder nicht abzuwerfen?“ Dizang erwiderte: „Was meinst du mit Myriaden von Phänomenen?“
Darum klärt in eurer endlosen und fortdauernden Übung Gautamas Erwachen als euer eigenes. Ihr sollte diese Rätsel der Myriaden von Formen durchdringen, damit die Antwort aus eurem Herzen fließt, ohne dass ihr Worte vergangener oder gegenwärtiger Buddhas benötigt. Bitte zeigt euer Verständnis dieser Wahrheit bei der nächsten Dharma Unterweisung.

Dieser Bergpriester würde gern noch ein paar bescheidene Worte ergänzen. Seid ihr Mönche bereit, zuzuhören?

Vers

Ein schöner Ast wächst aus dem Pflaumenbaum,
zur gleichen Zeit auch Dornen.

Quelle: Denkoroku. Die Weitergabe des Lichtes / Keizan Jokin. Frankfurt, Angkor Verlag, 2008

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SHINJI SHOBOGENZO – NEUNZEHN


Sitzen ist die Praxis der Buddhas. Sitzen ist Nicht tun. Es ist die wirkliche Form des Seins. – Eihei Dogen

Mit freundlicher Genehmigung von Gudo Wafu Nishijima Roshi, beginnen wir in diesem Blog mit der Verwendung einiger Koans aus Dogen Zenji´s Sammlung von 301 Koan. Diese Koan Sammlung diente Meister Dogen als grundlegendes Material für seine Lehrvorträge und Schriften. Die Erläuterungen sind von Nishijima Roshi.

Neunzehn

Meister Joshu fragte Meister Nansen: Was ist die Wahrheit?
Meister Nansen antwortete: Ein normaler Geist ist die Wahrheit.
Meister Joshu sagte: Können wir ihn mit absichtsvollen Bemühen erlangen?
Meister Nansen entgegegnete: Falls wir eine solche Absicht hegen, wird uns die Wahrheit abweisen.
Meister Joshu sagte: Wenn wir keinerlei Absicht haben, uns der Wahrheit zu nähern, wie können wir sie dann als Wahrheit erkennen?
Meister Nansen erwiderte: Die Wahrheit ist nicht davon abhängig, ob wir sie erkennen oder nicht. Wissen ist eine Täuschung und nicht zu wissen ist weder gut noch schlecht. Wenn wir absichtslos die Wahrheit erlangen, würde das den Raum gleichen: Sie ist unermesslich weit. Wie können wir es dann wagen, darüber zu diskutieren, ob unser Erkennen richtig oder falsch ist?
Beim Hören dieser Worte erkannte Meister Joshu plötzlich etwas Tiefgründiges.

Kommentar

Was ist die Wahrheit? Dazu vertraut uns Meister Nansen umgehend Folgendes an: Der normale Geist ist die Wahrheit. Freilich gibt es dabei insofern einen Haken, als dass die Wahrheit nicht identisch mit dem Begriff „normaler Geist“ ist. Die Wahrheit bedeutet, diesen Geist zu leben. Daraufhin stellt Joshu eine Frage, die viele Zen-Schüler beschäftigt. Können wir die Wahrheit durch absichtsvolles Bemühen erlangen oder nicht? Und wenn nicht, wie ist die Wahrheit zu erkennen, wenn wir sie gefunden haben?
Meister Nansen sagt, die Wahrheit werde vor uns fliehen, wenn wir sie bewusst suchen. Dies ist so, weil solch ein Vorsatz ein Erzeugnis des unterscheidenden Denkens ist. Die Wahrheit umschließt jedoch unser ganzes Dasein, nicht nur den Geist. So vermag das geistige Vermögen allein uns niemals zur Wahrheit zu führen. In der Tat beginnen die meisten Leute ihr Studium des Buddha-Weges mit genau dieser Absicht. Sie möchten die wunderbare Erleuchtung erlangen, von der sie so viel gehört haben.
Wirkliche Praxis jedoch ist nur die einfache Übung, unbefleckt von irgendwelchen äußerlichen Elementen, ungeachtet dessen, wie schön oder edel sie auch sein mögen. Die Vorstellung, man könne die Wahrheit erlangen, ist nichts anderes als eine Idee, die in unserem Kopf herumgeistert. In der tatsächlichen Praxis de Buddha-Weges tritt rasch das Gefühl, dass unsere Beine wie Feuer brennen, an ihre Stelle.
Diese Erfahrung ist gewiss wichtiger als eine Idee von Erleuchtung, denn im Schmerz lernen wir, dass die Welt nicht bloß im Denken, nicht allein aus Vorstellungen besteht. Wenn wir praktizieren, „lernen“ wir andere Dinge, und zwar nicht allein mit dem Geist oder Verstand, sondern mit dem ganzen Körper/Geist. Wir studieren den ausgewogenen und gleichbleibenden Körper/Geist. Im Laufe dessen wird dann die Absicht, Erleuchtung zu erlangen, als ziemlich pubertär angesehen werden. Wir praktizieren unmittelbar in der Wirklichkeit, erfahren sie.
Die Wahrheit ist klar und weit, sie hat nicht mit dem Märchen zu tun, dass sie durch absichtvolles Bemühen erlangt werden könnte. Es ist an der Zeit, sich solcher Vorstellungen zu entledigen und mit der wirklichen Übung des Buddha-Weges zu beginnen. Die konkrete Praxis des Buddha-Weges ist Zazen.

Aus: Die Schatzkammer der wahren buddhistischen Weisheit – Dogen Zenji´s Sammlung von 301 Koan – Geschichten erläutert von einem Meister der Gegenwart. 2005, O.W. Barth Verlag.

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