DENKOROKU


Wenn du es mit den Ohren hören willst, ist es kaum zu verstehen.
Lauschst du aber mit den Augen, wirst du es begreifen – Tozan Ryokai

Denkoroku oder die Chroniken der Weitergabe des Lichtes, ein Werk für das Soto Zen von so großer Wichtigkeit wie das Shobogenzo von Meister Dogen, dokumentiert die Erleuchtungserfahrung und die Weitergabe des Dharmas von Shakyamuni Buddha bis Meister Koun Ejo. Es handelt sich also um dreiundfünfzig Geschichten, die von Keizan Zenji erzählt, die ununterbrochene Überlieferung von Meister zu Meister wiedergeben.

Jede einzelne Erzählung ist jeweils in vier Abschnitte unterteilt, die aus einen einleitenden Koan bestehen, der Hintergrundinformation über den Kontext des Koans, dem Teisho oder Dharmavortrag, wo Keizan Zenji seinen Schülern eine Orientierung gab, damit diese den Koan selbst interpretieren und einen anschließenden Vers. Besonders das Teisho ist von großer Wichtigkeit, um die Realisation der Meister der Vergangenheit zu verstehen. Der anschließende Vers stellt mit einigen wenigen Wörtern die Essenz des Koans dar, und entspricht so der Tradition des Zen, wo die Schüler ihren Meistern auf poetische Art und Weise ihr Verständnis über bestimmte Aspekte der Unterweisung darlegen.

Es folgt der zweite Teil der Geschichte über die Überlieferung des Dharmas von Tozan Ryokai:

Zu den unbelebten Wesen, die den Dharma predigen, befragte der Arbeiter Zhanfen aus Nanyang den Nationallerher Huizhong:

-Ich gestehe demütig, dass ich nichts verstehe, wenn Ihr von unbelebten Wesen sprecht, die den Dharma predigen. Ich bitte Euch, mich zu unterweisen.

Der Nationallehrer sagte:
– Wenn du mich dazu befragst, wie unbelebte Wesen den Dharma predigen, musst du zunächst das Unbelebte verstehen, dann wirst du auch meine Lehre begreifen.

Zhangfen sagte:
– Bitte erklärt mir gleich, was das Unbelebte ist, damit ein belebtes Wesen es verstehen kann.

Der Nationallehrer sagte:
– Genau jetzt ist in jedem, in dem keinerlei Gedanken an Gewöhnliches und Heiliges entstehen oder Bergen, ein feinsinniges Bewusstsein, das nicht von Sein oder Nicht-Sein abhängt, ein deutliches Gewahrsein ohne jegliches Anhaften. Darum sagte Patriarch Huineng: “Die sechs Sinne, die die äußeren Objekte unterscheiden, sind nicht dieses Bewusstsein.”

So sprach Nanyang Huizhong über das Predigen des Dharma durch Unbelebte. Er sagte: “In jedem, in dem keinerlei Gedanken an Gewöhnliches und Heiliges entstehen oder vergehen, ist ein feinsinniges Bewusstsein, das nicht von Sein oder Nicht-Sein abhängt, ein deutliches Gewahrsein ohne jegliches Anhaften.“ Gewöhnlich denken Menschen, das Unbelebte müssten Zäune, Mauern, Ziegeln, Steine, Lampen und Säulen sein. Doch das ist es nicht, was der Nationallehrer uns sagt. Die Ansichten von gewöhnlichen und heiligen Menschen werden nicht unterschieden, ein Anhaften an Täuschung und Erwachen taucht nicht auf. Noch weniger gibt es die Intrigen leidenschaftlicher Gedanken und Wertungen und auch nicht die üblichen Bewegungen und Formen von Leben und Tod. Es ist ein feinsinniges Bewusstsein, das deutlich gewahr ist und nicht dem Anhaften des leidenschaftlichen Bewusstseins gleicht. Auch Tozan sagte, auf diese Weise müsse man es verstehen, um in Einklang mit dieser Wirklichkeit zu sein.
Wenn ihr wisst dass ihr stets alleine geht, wohin ihr euch auch wendet, dann gibt es keinen Augenblick mehr, in dem nicht alle Dinge im Einklang mit der Wirklichkeit sind. Die Alterwürdigen sagten: „Außerhalb der Wirklichkeit gibt es kein Wissen, das durch die Wirklichkeit beglaubigt würde, und es gibt keine Wirklichkeit außerhalb des Wissens, die durch Wissen kultiviert würde. Wirklichkeit ist unwandelbares, klares und beständiges Wissen.“ Darum heißt es, es handele sich um vollständig klares Wissen, das nicht mit dem Denken verknüpft ist. Deutliches Gewahrsein ist nicht Anhaften. Guishan sagte: „Ich kann es dir nicht mit Worten sagen.“ Er sagte auch: „Wenn belebte Wesen es hören könnten, wären sie nicht länger belebte Wesen.“ Da er die Anleitungen verschiedener Meister empfing und das wahre Unbelebte verstand, konnte Tozan als unser alter Patriarch ausgiebig die Soto-Tradition verbreiten.

Durch genaue Betrachtung werdet ihr dieses feinsinnigen Bewusstseins deutlich gewahr. Man nennt es „unbelebt“, weil dort keinen Tönen und Formen nachgerannt wird und keine Fesselung an ein leidenschaftliches Bewusstsein herrscht. Dieses Prinzip muss sorgsam gepredigt werden. Wenn ihr also vom Predigen des Unbelebten hört, denkt nicht, dass es auf Zäune und Mauern verweist. Wenn ihr nicht an Gefühlen und Gedanken hängt und eure Wahrnehmung nicht zerstreut ist, dann ist das feinsinnige Bewusstsein klar, unbehindert und strahlend. Wenn ihr diesen Bereich zu erfassen sucht, ist dies nicht möglich da er nicht durch Form beschränkt ist, existiert er nicht. Doch wenn ihr ihn loswerden wollt, könnt ihr ihn nicht verlassen. Da er euch seit Menschengedenken begleitet hat, ist er nicht nicht-existent. Dennoch ist er kein Ergebnis des gewöhnlichen Bewusstseins, Wissens oder Denkens; noch weniger ist er mit den vier Elementen oder fünf Skandhas verbunden.
Hongzhi sagte: „Es gibt ein Wissen jenseits leidenschaftlichen Denkens und Unterscheidens, und einen Körper, der nicht aus den vier Elementen und fünf Skandhas besteht.“ Dies ist das feinsinnige Bewusstsein. Stets klar zu predigen bedeutet, dass es immer manifest ist. Dies ist wahres Predigen. Es lässt einen die Augenbrauen heben und mit den Augen blinzeln, laufen, stehen, sitzen, liegen, verwirrt sein, in Schwierigkeiten geraten, hier sterben und dort geboren werden, essen, wenn man hungrig ist, und schlafen wenn man müde ist. All dies ist Predigen. Sprechen, Arbeiten, Bewegung und Nicht-Bewegung sind ebenfalls Predigen. Es geschieht nicht nur mit Worten oder wortlos. Es ist das eine, das auf wunderbare Weise erscheint, das leuchtend und niemals dunkel ist. Da es in allem offenbar ist, selbst im Klaffen einer Muschel und dem Geräusch von Erdwürmern, predigt es deutlich ohne Unterlass. Wenn ihr es vollständig erfasst, werdet ihr eines Tages wie unser berühmter Patriarch Tozan anderen ein Vorbild sein.

Vers

Dies äußerst feinsinnige Bewusstsein ist kein gefühlsmäßiges Anhaften.
Es lässt das Eine stets umfassend predigen.

Quelle: Denkoroku. Die Weitergabe des Lichtes / Keizan Jokin. Frankfurt, Angkor Verlag, 2008

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TOZAN RYOKAI


Dies äußerst feinsinnige Bewusstsein ist kein gefühlsmäßiges Anhaften,
Es lässt das Eine stets umfassend predigen – Keizan Jokin

Der achtunddreißigste Patriarch war Großmeister Tozan Ryokai. Als er Ungan Donjo besuchte, sagte er: „Wer kann die unbelebten Wesen den Dharma predigen hören?“ Ungan antwortete „Die Unbelebten können die unbelebten Wesen den Dharma predigen hören.“ Tozan fragte: „Hört ihr ihn?“ Ungan Donjo erwiderte: „Wenn ich ihn hören könnte, dann könntest du mich nicht den Dharma predigen hören.“ Tozan sagte: „In diesem Fall hört Euch Tozan nicht den Dharma predigen.“ Ungan fuhr fort: „Wenn du mich immer noch nicht den Dharma predigen hörst, um wie viel weniger wird’s du dann die unbelebten Wesen den Dharma predigen hören?“ Da wurde Tozan tief erweckt und dichtete folgende Verse:

„Wunderbar! Wunderbar!
Das Predigen des Dharma durch unbelebte Wesen ist unfassbar.
Wenn du es mit den Ohren hören willst, ist es kaum zu verstehen.
Lauschst du aber mit den Augen, wirst du es begreifen.“

Ungan stimmte zu.

Hintergrund

Der Meister hieß Tozan und entstammte dem Yu-Clan aus Huiji. Als er noch jung war, las er mit einem Lehrer das Herzsutra. Bei den Worten „Es gibt kein Auge, kein Ohr, keine Nase, keine Zunge, keinen Körper und keinen Geist“, tastete er plötzlich sein Gesicht mit der Hand ab. Er fragte seinen Lehrer: „Ich habe Augen, Ohren, Nase, Zunge und alles andere. Warum behauptet diese Schrift, sie existierten nicht?“ Der Lehrer fand diese Frage bemerkenswert. Er sagte: „ich bin nicht dien Lehrer“ und sandte ihn zu Zen-Meister Limo auf den Berg Wuxie, wo ihm der Kopf geschoren wurde. Im Alter von zwanzig Jahren ging er auf den Berg Song und empfing die vollständigen Gebote. Er war das Lieblingskind seiner Mutter, da sein älterer Bruder bereits verstorben war und sein jüngerer Bruder in bitterer Armut lebte. Auch sein Vater war tot. Als er nach der Doktrin der Leere suchte, verließ er seine Mutter mit dem Gelübde: „Ich werde nicht an meinen Geburtsort zurückkehren und meiner Mutter Respekt erweisen, ehe ich den Dharma erlangt habe.“ Mit diesem Schwur verließ er seinen Geburtsort.
Schließlich beendete er seine Studien und lebte fortan auf dem Berg Dong. Da seine Mutter allein war und sich niemandem sonst nahe fühlte, suchte sie jeden Tag nach ihm und schloss sich schließlich einer Gruppe umherziehender Bettler an. Als sie hörte, dass sich ihr Sohn auf dem Berg Dong befand, sehnte sie sich danach, ihn zu treffen, doch Tozan wollte dies vermeiden und versperrte den Eingang zu seinem Wohnraum, sodass sie nicht eintreten konnte. In der Folge starb seine Mutter draußen vor Kummer. Daraufhin nahm Tozan das bisschen Reis, das sie als Bettlerin gesammelt hatte, und vermischte es mit dem Reisschleim, den die Mönchsgemeinschaft zum Frühstück einnahm, als eine Opfergabe für die Reise seiner Mutter in ein nächstes Leben. Bald danach erschien sie ihm in einem Traum: „Weil du an deinem Entschluss festgehalten und mich nicht getroffen hast, konnte ich die täuschenden Gefühle der Liebe und Anhaftung durchtrennen. Infolge der Macht dieser guten Wurzeln wurde ich im Reich der befriedigten Himmelswesen wiedergeboren.“

Teisho

Obgleich keiner der Patriarchen an Tugend unter- oder überlegen war, war es besonders Tozan, der alte Patriarch unserer Schule, der das Soto-Zen auf diese Weise verbreitete. Er besaß die Kraft, das Elternhaus zu verlassen, und er heilt an seinem Entschluss unbeirrt fest. Als er mit seiner Übung in Nanquans Gemeinschaft begann, wurde dort gerade des Todestages von Mazu gedacht. Während sie Opfergaben vorbereiteten, frage Nanquen die Mönche: „Wenn wir morgen Mazu die Opfergaben darbringen, glaubt ihr denn, dass er auch kommt?“ Die Mönche blieben stumm. Tozan trat vor und meinte: „Wenn er einen Bergleiter hat, wird er kommen.“ Nanquan bemerkte: „Obwohl er jung ist, eignet er sich gut zum Schneiden und Polieren.“ Tozan sagte: „Macht das Gute nicht zu etwas Schädlichem.“
Danach übte er bei Guishan. Zu ihm sagte er: Kürzlich hörte ich den Ausspruch von Nationallehrer Huizhong aus Nanyang über unbelebte Wesen, die den Dharma predigen, doch kann ich sein Feinheiten noch nicht begreifen.“ Guishan fragte: „Erinnerst du dich daran?“ Tozan sagte: „Ja, ich erinnere mich.“ Guishan forderte ihn auf: „Dann versuch es mal.“ Tozan sagte: „Ein Mönch fragte: „Was ist der Geist der alten Buddhas?“ Der Nationallehrer sagte: „Zäune, Mauern, Ziegel und Steine.“ Der Mönch frage: „Sind diese nicht alle unbelebt? Der Nationallehrer erwiderte: „Ja, das sind sie“. Der Mönch fragte: „Könnt Ihr erklären, wie sie den Dharma predigen?“ Der Nationallehrer sagte: „Sie predigen andauernd, mit Kraft und ohne Unterlass.“ Der Mönch fragte: „Warum kann ich sie nicht hören?“ Der Nationallehrer antwortete: „Du hörst sie nicht, doch das kann andere nicht davon abhalten, sie zu hören.“ Der Mönch sagte: „Ich frage mich, ob sonst noch jemand sie hören kann.“ Der Nationallehrer antwortete: „Die Heiligen können sie hören.“ Der Mönch fragte: „Wenn Ihr sie nicht hören könnt, wie könnt Ihr dann wissen, dass die unbelebten Wesen den Dharma predigen? Der Nationallehrer sagte: „Zum Glück kann ich sie nicht hören denn wenn ich es täte, wäre ich wie die Heiligen, und dann könntest du mich nicht den Dharma predigen hören„. Der Mönch fragte: „Spielen belebte Wesen also keine Rolle dabei?“ Der Nationallehrer sagte: „Dann sind sie nicht länger belebte Wesen.“ Der Mönch fragte: „Was ist in den Schriften die Grundlage für das Predigen des Dharma durch unbelebte Wesen? Der Nationallehrer antwortete: „Worte, die nicht mit den Schriften übereinstimmen, werden unter Ehrenmännern nicht diskutiert. Weiß du nicht, dass es im Avatamsaka-Sutra heißt: „Tempel predigen, belebte Wesen predigen und alle Dinge in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft predigen.“
Als Tozan dies gesagt hatte, meinte Guishan: „Auch ich besitze dieses Wissen, doch ich hatte noch keine Gelegenheit, einem Erwachten zu begegnen.“ Tozan sagte: „Es ist mir immer noch nicht klar. Ich bitte euch, mich zu unterweisen.“ Guishan erhob seinen Hossu und fragte: „Verstehst du?“ Tozan sagte: „Nein. Bitte erklär es mir.“ Guishan sagte: „Ich kann es dir nicht mit Worten erklären.“ Tozan fragte: „hat irgendjemand zur gleiche Zeit wie Ihre den Weg gesucht? Guishan sagte. „Gehe in die Steinhöhen von Liling in Youxian, dort wirst du auf Ungan treffen. Wenn du das Unkrautwilder Leidenschaft beseitigen und dich kopfüber in die Winde des Dharma stürzen kannst, wirst du gewiss willkommen sein.“ Tozan sagte: „Was sollte ein Schüler tun, wenn er einem Meister dienen will?“ Ich erwiderte: ER sollte einfach all seine Anhaftungen abschneiden.“ Er frage: „Wird er dann noch vermeiden können, der Lehre des Meisters zu schaden?“ Ich verneinte dies und sagte: Am wichtigsten ist, niemandem zu sagen, dass ich hier bin.“

Danach ging Tozan von Guishan direkt zu Ungan. Als er diesem die obige Geschichte erzählt hatte, frage er ihn: „Wer kann die Unbelebten den Dharma predigen hören?“ Tozan erwiderte: „Die Unbelebten können sie hören.“ Tozan fragte: „Könnt ihr sie hören? Ungan erwiderte: „Wenn ich sie hören könnte, würdest du mich nicht den Dharma predigen hören.“ Tozan fragte: „Warum kann ich sie nicht hören?“ Ungan erhob seinen Hossu und frage: „Hörst du etwas?“ Tozan verneinte. Ungan sagte: „Wenn du mich noch immer nicht den Dharma predigen hörst, um wie viel weniger denn die Unbelebten?“ Tozan fragte: Was ist in den Schriften die Grundlage für das Predigen der Unbelebten?“ Ungan erwiderte: „Weiß du nicht, dass im Amida-Sutra steht: Alle Flüsse, Vögel und Bäume preisen Buddha und predigen den Dharma?“ Bei diesen Worten erfuhr Tozan Erleuchtung.

Diese Begebenheit nahm ihren Anfang in der Gemeinschaft des Nationallehrers und endete schließlich in Ungans Höhe mit Tozans „Wunderbar, Wunderbar!“ usf. Als er mit dem Auge des Geistes hörte, verstand er sofort. Er sagte zu Ungan: „Ich habe noch immer ein paar Angewohnheiten nicht abgelegt.“ Ungan fragte: „Bist du glücklich oder nicht?“ Tozan sagte: „Ich habe nicht einmal die Vier Heiligen Wahrheiten praktiziert.“ Ungan fragte: „Bist du glücklich oder nicht?“ Tozan sagte: „Ich bin glücklich. Es ist, als würde man eine glänzende Perle in einem Abfallhaufen finden.“ Dann frage er Ungan: Was soll ich tun, wenn ich meinem ursprünglichen Selbst begegnen will?“ Ungan erwiderte: „Frag den Boten in dir“. Tozan sagte: „Ich frage ihn gerade jetzt.“ Ungan erkundigte sich: „Was erzählt er dir?“
Als Tozan Ungan verließ fragte er: „Wenn du gestorben bist und mich jemand fragt, was deine Lehre war, wie soll ich antworten?“ Ungan überlegte kurz und sagte dann: „Dies ist es, nur dies!“ Tozan schwieg eine Weile. Ungan sagte: „Du musst diese Angelegenheit besonders gründlich verstehen.“ Tozan hatte noch immer Zweifel. Als er später einen Fluss überquerte und sein Spiegelbild darin sah, wurden ihm plötzlich die vorangegangenen Geschehnisse klar. Er verfasste ein Gedicht:

„Suche nichts bei anderen,
sonst wirst du dich von deinem wahren Selbst entfernen.
Ich bin nun allein und unabhängig,
doch ich begegne ihm überall.
Es ist nun ich, doch ich bin nicht es.
Dieses Verständnis ist so wichtig,
um mit dem So-Sein eins zu werden.

Tozans Lebenswerk war vollendet, er war plötzlich von Zweifeln befreit.

Quelle: Denkoroku. Die Weitergabe des Lichtes / Keizan Jokin. Frankfurt, Angkor Verlag, 2008

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ZWÖLF


Die Weiterentwicklung jenseits von Buddha bedeutet wenn Sonne und Mond auf der Spitze eines Stocks existieren – Koso vom Berg Chimon

Meister Tozan Ryokai aus dem In-Distrikt lehrte vor einer Versammlung:
– Wenn ihr mit eurem eigenen Körper das erfahren habt, was sogar über Buddha hinausgeht, dann seid ihr imstande, ein wenig zu sprechen.

Daraufhin fragte ein Mönch:
– Welche Art von Reden wäre das?
Tozan Ryokai erwiderte:
– In dem Augenblick, in dem ein Mönch redet kann er nicht hören.
Der Mönch sagte:
– Hört der Meister selbst (wenn er spricht) oder nicht?
Tozan Ryokai antwortete:
– Wenn ich aufgehört habe zu reden, höre ich.

Kommentar

Wenn die Menschen die Wahrheit verwirklicht haben, setzen sie ihre gewöhnliche Praxis fort und leben weiterhin ihr Alltagsleben. Das ist mit dem Ausdruck „was sogar über Buddha hinausgeht“ gemeint.
Meister Tozan wollte seinen Schülern das demonstrieren, „was sogar über Buddha hinausgeht“. Der Mönch hingegen war an der Art der Gespräche interessiert, die dann stattfinden könnten, wenn sie selbst das, „was sogar über Buddha hinausgeht“, erfahren hätten.

Er nahm an, solche Diskussionen unter Buddhas müssten sehr erhaben und mystisch sein. Doch der Meister befreite ihn von dieser falschen Ansicht. Es seien nur gewöhnliche Gespräche, sagte er: „Wenn ein Mönch spricht, kann er nicht hören.“ Was könnte gewöhnlicher und praktikabler sein?
Der Mönch aber glaubte, der Meister werde gewiss dank seiner tiefen Weisheit durch solch gewöhnliche Umstände nicht eingeschränkt. Und wiederum sagte Meister Tozan bloß: „Wenn ich aufgehört habe zu reden, höre ich“. Es gibt nichts Merkwürdigeres oder Mysteriöses dabei. Dasselbe trifft für die Lebensweise dessen zu, der „sogar über Buddha hinausgeht“. Sie ist einfach, gewöhnlich und unmittelbar. Doch die Menschen geniessen es, Bilder und Idole zu erschaffen, die sie verehren können, statt mit der eigenen Praxis weiterzukommen, die anscheinend mitunter zu langweilig und gewöhnlich ist.
Diese Geschichte gleicht einem Eimer frischen kalten Wassers für diejenigen, die durch eine romantische Sicht von Zen vergiftet sind.

Aus: Die Schatzkammer der wahren buddhistischen Weisheit – Dogen Zenji´s Sammlung von 301 Koan – Geschichten erläutert von einem Meister der Gegenwart. 2005, O.W. Barth Verlag.

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SHINJI SHOBOGENZO – ACHTUNDZWANZIG


In einen verdorrten Baum singt ein Drache – Kyogen

Eines Tages fragte ein Mönch Meister Chikan aus dem Kyogen Tempel:
– Was ist die Wahrheit?
Meister Kyogen erwiderte:
– In einem verdorrten Baum singt ein Drache.
Der Mönch sagte:
– Was ist ein Mensch, der die Wahrheit erfährt?
Meister Kyogen antwortete:
– Es sind die Augen in einem Totenschädel.
Später fragte ein Mönch Meister Sekiso:
– Was ist das Singen des Drachen in einem verdorrten Baum?
Meister Sekiso sagte:
– Da ist noch Freude.
Der Mönch fragte:
– Was sind die Augen in einem Totenschädel?
Meister Sekiso sagte:
– Da ist noch Freude.
Der Mönch fragte:
– Was sind die Augen in einem Totonschädel?
Meister Sekiso sagte:
– Dort gibt es noch Bewusstsein.
Bei einer anderen Gelegenheit fragte ein Mönch Meister Sozan:
– Was ist das Singen des Drachen in einem verdorrten Baum?
Meister Sozan erwiderte:
– Das Herzblut hört niemals auf zu fließen.
Der Mönch fragte:
– Was sind die Augen in einem Totenschädel?
Meister Sozan sagte:
– Die Augen trocken niemals aus.
Der Mönch sagte:
– Ich frage mich, ob es noch jemanden gibt, der das Singen des Drachens hören kann?
Der Mönch fragte:
– Weißt du, was der Gesang bedeutet, wenn ein Drache singt?
Meister Sozan sagte:
– Ich weiß es auch nicht, was der Gesang bedeutet: doch wer ihn hört, der stirbt.

Kommentar

Im alten China gebrauchten die Leute den Begriff ryugin, „das Singen des Drachen“, als ein Symbol für etwas Mystisches in der Natur, im Universum. Der Ausdruck „koboku ryugin, „das Singen des Drachen in einem verdorrten Baum“, beschwört das Bild einer einsamen und öden Landschaft mit verdorrten Bäumen herauf, in der wir das Gefühl haben, etwas hören zu können, das aber etwas anderes als ein Ton ist. Diese Metapher wurde im buddhistischen Testen aufgegriffen, wobei das Singen des Drachen nicht für einen Ton steht, sondern für etwas, das nicht allein mit den Ohren zu hören ist: die Stille, die Natur, das Universum oder die Wirklichkeit.
In diesem Koan wollte der Mönch wissen, was die Wahrheit ist. Meister Kyogen nahm die alte chineische Metapher des Drachen Singens auf und sagte, die Wahrheit sei etwas, das wir zwar erfahren aber eben nicht hören, nicht ergreifen können. Doch der Mönch wollte eine konkretere Erläuterung haben. Wie sit ein Mensch, der die Wahrheit verwirklicht hat? Bei seiner Antwort benutzte der Meister eine andere alte Metapher. Bei jemandem der die Wahrheit verwirklicht hat, ist etwas zu spüren, ähnlich wie uns die Augenhöhlen, wenn wir auf einen Totenkopf blicken, eine subtile Andeutung von Leben vermitteln.
Später bat ein Mönch Meister Sekiso Keisho darum, den Sinn dieser beiden metaphorischen Wendungen zu klären. Meister Sekiso führte aus, das Singen des Drachen lasse auf Freude schließen und die Augen in einm Totenkopf auf ein Bewusstsein. Die Wahrheit sei subtil und unmöglich allein mit dem Verstand zu erfassen.
Bei einer anderen Gelegenheit bat ein Mönch Meister Sozan Honjaku, den Sinn des Singesn des Drachens in einem verdorrten Baum zu erläutern. Meister Sozan legte dar, dies bedeute, das Herzblut – die wahre Lehre Gautama Buddhas – höre niemals auf zu fließen. Dann bat der Mönch noch, der Meister möge etwas über die Augen in einem Totenkopf sagen. Meister Sozan erklärte diese Metapher stehe dafür, dass die Wahrheit immer bei uns sei – sie verschwinde nie.
Der Mönch wechselte dann zu einer praktischen Frage: Kann irgendjemand das Singen des Drachens hören? Der Meister erwiderte, dass wir alle es hören könnten, überall liege die Wahrheit offen zutage. Was nun sagt dies aus? Das Gemeinte liegt außerhalb der Reichweite unseres analystischen Denkens. Und wenn wir den Klang der Wahrheit hören, befreien wir uns von unserer verstandesmäßigen Sichtweise und gehen in die Wirklichkeit ein. Sogar die Klänge der Natur werden dann zur Lehre Gautama Buddhas.

Aus: Die Schatzkammer der wahren buddhistischen Weisheit – Dogen Zenji´s Sammlung von 301 Koan – Geschichten erläutert von einem Meister der Gegenwart. 2005, O.W. Barth Verlag.

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BODHIDHARMA


Der achtundzwanzigste Patriarch war der Ehrwürdige Bodhidharma. Einmal fragte der siebenundzwanzigste Patriarch, der Ehrwürdige Prajnatara: „Was unter all den Dingen ist formlos?“. Bodhidharma antwortete: „Nicht-Entstehen ist formlos.“ Der Patriarch fragte: „Was unter all den Dingen ist das Größte?“ Bodhidharma erwiderte: „Die wahre Natur der Dinge ist das Größte.“

Hintergrund

Der Ehrwürdige Bodhidharma stammte aus einer Kriegerkaste und wurde ursprünglich Bodhitara genannt. Er war der dritte Sohn des Königs von Koshi in Südindien. Der König bezeugte dem Buddha-Dharma tiefe Verehrung. Einmal schenkte er Prajnatara einen kostbaren Juwel als Almosen. Der König hatte drei Söhne: Chandravimalatara, Punyatara und Bodhitara. Der Ehrwürdige Prajnatara wollte deren Weisheit prüfen. Er zeigte ihnen den Juwel, den er erhalten hatte, und fragte: „Kann man irgendetwas mit diesem Juwel vergleichen?“ Zwei der Söhne sagten: „Dieser Juwel ist das kostbarste unter den Sieben Schätzen, nichts kann ihn übertreffen. Wer außer Eurer Heiligkeit könnte ihn empfangen?“ Der dritte Sohn Bodhitara sagte jedoch: „Dies ist ein weltlicher Schatz, ganzsicher nicht der kostbarste. Ich halte den Schatz des Dharma für den kostbarsten. Dies ist ein weltliches Licht, ganz sicher nicht das wertvollste. Ich halte das Licht der Weisheit für das wertvollste. Dies ist eine weltliche Klarheit, ganz sicher nicht die größte. Ich halte die Klarheit des Geistes für die größte. Das strahlende Licht dieses Juwels kann sich nicht selbst erleuchten, sondern benötigt das Licht der Weisheit um erkannt zu werden. Wenn man es genau erkennt, weiß man auch, dass es ein Juwel und damit kostbar ist. Diese Kostbarkeit ist selbst aber nicht kostbar, wie auch der Juwel selbst kein Juwel ist. Der Juwel ist deshalb kein Juwel, weil es nötig ist, mithilfe des Juwels der Weisheit den weltlichen Juwel zu erkennen. Die Kostbarkeit ist nicht kostbar, weil es nötig ist, mithilfe des Weisheitsschatzes den Dharma- Schatz zu klären. Weil der Weg des Meisters den Weisheitsschatz beinhaltet, erkennt ihr nun diesen weltlichen Schatz. Wenn der Meister den Weg verwirklicht, manifestiert sich der Schatz ebenso, wie wenn Lebewesen den Weg verwirklichen.“
Als der Ehrwürdige Prajnatara dies hörte, wusste er ein Weiser geboren worden war. Er erkannte, das Bohitara sein Dharma Nachfolge würde, die Zeit dafür jedoch noch nicht gekommen war. Darum sagte er zunächst nichts und ließ Bodhitara bei den anderen verweilen. Schließlich frage er „Was unter all den Dingen ist das größte?“. Bodhitara erwiderte: „Die wahre Natur aller Dinge ist das größte.“ Auch wenn in diesem Austausch von Fragen und Antworten der Geist von Meister und Schüler verschmolzen, wartete Prajnatara noch das vollständige Reifen der Umstände ab.
Als später der König, Bodhitaras Vater, starb und das Volk trauerte, trat allein Bodhitara vor dessen Totenbahre in Samadhi ein. Nach sieben Tagen beendete er seine Versenkung und suchte Prajnatara auf, um Mönch werden zu können. Prajnatara wusste, dass sie Zeit für Bodhitara nun reif war, und gab ihm die Gebote. Danach saß Bodhitara hörte gut zu und erweckte die höchste Weisheit. Dann sagte Prajnatara: „Du hast nun vollständiges Wissen über alle Dinge erlangt. „Dharma“ heißt „tiefes Verständnis“, darum sollt du ab jetzt Dharma heißen“. So änderte Prajnatra den Namen Bodhitaras zu Bodhidharma.
Nach seiner Ordination und dem Empfangen der Lehre kniete Bodhidharma nieder und fragte: „Da ich nun den Dharma empfangen habe, wo soll ich Buddhas Werk verrichten?“ Prajnatara antwortete: „Du solltest zunächst noch siebenundsechzig Jahre nach meinen Tod in Südindien bleiben und dann nach China gehen, um diejenigen zu unterweisen, die eine tiefe Aufnahmebereitschaft für den Dharma haben.“ Bodhidharma fragte: „Werden sie dort in der Lage sein, große Gefäße für den Dharma zu werden? Und werden nach langer Zeit nicht Schwierigkeiten auftauchen?“ Prajnatara erwiderte: „Diejenigen, die dort Erweckung erfahren, werden unzählig sein. Ein paar kleine Probleme wird es zwar geben, aber die wirst du selbst in den Griff bekommen. Wenn du dort ankommst, bleibe nicht im Süden, denn dort schätzt man nur weltliches Werk und nicht die wahren Prinzipien der Buddhas.“ Dann sprach er die Versen:

„Über Straßen und den Ozean wirst du reisen
und einem Schaf begegnen.
Im Dunkeln wirst du heimlich allein einen Fluss überqueren.
Dort werden zwei Bedauernswerte ein Paar: Elefant und Pferd.
Zwei junge Zimtbäume werden auf ewig erblühen.“

Weiter sagte er: „Du wirst in deiner Mönchsgemeinde jemanden finden, der die Früchte des Weges erlangt“, und sprach noch einmal in Versen:

„Auch wenn China ein großes Land ist, gibt es keinen anderen Weg.
Deine Handlungen müssen sich auf deine Nachfahren stützen.
Ein goldener Fasan kann ein einziges Hirsekorn aufpicken
Und allen Arhats in den zehn Richtungen anbieten.“

So erhielt Bodhidharma das Siegel der Übertragung und diese Vorhersage, und er blieb zunächst vierzig Jahre lang an Prajnataras Seite. Nach dessen Tod lehrte ein Bruderschüler namens Bodhisena, der ebenfalls das Siegel von Prajnatara erhalten hatte, gemeinsam mit Bodhidharma. Ein weiterer Schüler namens Bodishanta hatte die Nachfolger in zwei Schulen gespalten, doch Bodhidharma konnte sie alle unterweisen und ihre Achtung gewinnen. Nach über sechzig Jahren hielt er die Bedingungen in China für günstig. Er sprach beim König, der nichtbuddhistische Ansichten hegte, mit den Worten vor: „Ich muss die Drei Schätze ehren und allen Menschen verkünden. Die Zeit ist reif, nach China zu gehen. Wenn meine Arbeit dort beendet ist, werde ich zurückkehren.“ Unter Tränen fragte der König: „Was ist an diesem Land so schlecht und an China so verheißungsvoll? Kehrt jedenfalls sofort zurück, sobald Euer Werk dort vollendet ist. Vergesst nicht das Land Eurer Eltern.“ Sie begaben sich gemeinsam zum Hafen, wo der König Bodhidharma persönlich verabschiedete. Der Ehrwürdige brauchte drei Jahre um den Ozean zu überqueren, und kam am einundzwanzigsten Tag des neunten Monats im Jahr 527 in China an. Als erstes hatte er eine Audienz beim Herrscher Wu der Liang-Dynastie. Darauf hatte sich einst Prajnatara mit seinen Worten „Bleib nicht im Süden“ bezogen. Darum begab sich Bodhidharma bald nach Norden ins Reich der Wei. Man sagt, es hätte ihn auf einem Schilfblatt im Yantze-Fluss dorthin getrieben. Die Leute denken gewöhnlich, dass es tatsächlich nur ein einziges Schilfblatt war, doch das ist ein Fehler. Bei den Blatt handelte es sich um ein kleines Boot, dass in seiner Form dem Schilf ähnelte. „Ein Schaf treffen“ verweist auf den Herrscher Wu im Reich der Liang, und „einen Fluss im Dunkeln überqueren“ auf den Yangtze. So kam er bald im Shaolin-Kloster auf dem Berg Song an und verweilte dort zunächst in der Östlichen Halle. Niemand wurde aus ihm schlau, da er den ganzen Tag übte. Sie nannten ihn den „Wand betrachtenden Brahmanen“. Neun Jahr lang sprach er weder ungestüm noch in einfachen Worten über den Dharma. Dann übertrug er seine Haut, sein Fleisch seine Knochen und sein Mark an Daofu, Daoyua, Zongchi und Huike, da sie reif genug dafür waren.
Zu dieser Zeit waren die beiden Nichtgläubigen Bodhiruci und der Vinaya-Meister Guandong sehr aufgebracht, weil das Verdienst des Ehrwürdigen sich im Land verbreitete und die Mensche sich respektvoll an ihn wandten. Sie warfen Steine nach ihm, schlugen ihm die Vorderzähne aus und versuchten fünf Mal, ihn zu vergiften. Beim sechsten Versuch legte Bodhidharma das Gift auf einen Felsen, der daraufhin zersplitterte. Er sagte sich: „Die Bedingungen für meine Lehre sind ungünstig. Ich habe das Siegle und die Vorhersage von meinen Lehrer erhalten und zunächst günstige Umstände und eine große Aufnahmebereitschaft für die Lehre des Mahayana in China entdeckt. Doch durch mein Treffen mit Herrscher Wu aus Liang erfüllte sich diese Hoffnung ebenso wenig wie mit anderen. Während ich allein in Untätigkeit saß traf ich auf den Großen Huike und übertrug ihm den Weg, den ich erlangt hatte. Meine Arbeit ist also beendet und ich sollte gehen.“ Er wurde am Bärenohr-Gipfel begraben. Auch wenn es heißt, er habe später noch einen Mann namens Songyun im Zwiebel-Gebirge getroffen, wurde er in Wahrheit auf den Bährenohren Gipfel begraben.

Teisho von Keizan Zenji

Zweifellos war Bodhidharma gemäß der Vorhersage des siebenundzwanzigsten Patriarchen der erste Patriach in China. Als Bodhidharma ein Prinz war, fragte der erwürdige Prajnatara, nachdem er die Bedeutung des Juwels erklärt hatte: „Was unter all den Dingen ist formlos?“ Der Erwürdige antwortete: „Nicht-Entstehen ist formlos.“ Jener Bereich kann wie eine steile Klippe gesehen werden, die in den Himmel ragt, oder als etwas, das die Unterschiede in vielen Dingen hell erleuchtet. Ihr könnt alle Dinge für nichts als das halten: unwandelbar verweilend in ihrem eigenen Zustand. Doch ist das kein Nicht-Entstehen, und darum sind sie nicht formlos. Wie könnt ihr noch vor der Trennung in Himmel und Erde das Heilige und das Gewöhnliche unterscheiden? In diesem Bereich kann kein einziges Ding erscheinen und kein einziges Staubkorn beschmutzen und doch ist es nicht so, dass da ursprünglich nichts wäre. Er ist weit und klar wie der Himmel, wach und unberührt, unvergleichbar und alleinstehend. Darum ist er das Allergrößte. Und deshalb heißt es, dass man sich das Größte nicht vorstellen könne, und das Unvorstellbare wird Dharma-Natur genannt. Nicht einmal der kostbarste Juwel kann damit vergleichen werden, nicht einmal das klare licht des Geistes ähnelt ihm. Bodhidharma sagte: „Dies ist ein weltliches Licht, ganz sicher nicht das wertvollste. Ich halte das Licht der Weisheit für das wertvollste.“ So verstand er es aufgrund seiner natürlichen Weisheit, und doch übte er nochmals sieben Tage Zazen und hörte sich an, was sein Lehrer über die wundervollen Prinzipien der Meditation zu sagen hatte, woraufhin er schließlich die unübertroffene Weisheit des Weges erweckte.
Das Beispiel Bodhidharmas zeigt, dass man in diesem Bereich infolge genauer Einsicht das erlangen und klären kann, was die Buddhas und Patriarchen verwirklichten. So wird man zu deren Nachfolger. Obwohl Bodhidharma natürliche Weisheit besaß, erweckte er noch die höchste Weisheit des Weges. Später beschützte er sorgsam den Dharma, diente seinem Lehrer und studierte den Dharma vierzig Jahre lang genaustens, verbrachte dann sechzig Jahre, ohne die Vorhersage seines Meisters zu vergessen, und überquerte schließlich in drei Jahren den Ozean. Nachdem er neuen Jahre in einem ihm unbekannten Land in stille Meditation verbracht hatte, erkannte er es als großes Gefäß für die wahre Lehre zahlte seinem Meister die Dankesschuld, indem er den Dharma dort verbreitete. Seine Mühsal und seine Entbehrungen waren größer als die von irgendwem sonst.
Die Schüler von heute wollen einen einfachen Weg gehen, obwohl wir in einer Zeit des Verfalls leben und die Fähigkeiten der Menschen nur beschränkt sind. Menschen wie sie, die fälschlich behaupten, verstanden zu haben, sind eitle Gesellen, die sich besser vom Zen-Studium verabschieden sollten.
Wenn ihr die obige Geschichte tief durchdringt, werdet ihr mehr und mehr erkennen, wie erhaben sie ist. Zerschmettert euren Geist und werft euren Körper ab, dann wir euch fas unmerklich die Hilfe aller Buddhas zukommen und ihr werdet mit ihnen teilen, was sie verwirklicht haben. Glaubt aber nicht, dass es mit ein bisschen Weisheit jeder Halbwissen getan ist.

Vers

Es gibt kein Ort, keine Grenzen, kein außerhalb – wie könnte da auch nur der Flaum des Herbstes existieren?

Quelle: Denkoroku. Die Weitergabe des Lichtes / Keizan Jokin. Frankfurt, Angkor Verlag, 2008

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SHAKYAMUNI


Als Shakyamuni den Morgenstern erblickte, sagte er: “Gemeinsam mit der großen Erde und allen fühlenden Wesen vollende ich den Weg.“

Hintergrund

Shakyamuni Buddha entstammte dem Geschlecht der Suryavamsha in Indien. Im Alter von neunzehn Jahren verließ er um Mitternacht den Palast in Kapila, bestieg den Berg Dantiloka, schor sich das Haupt und entsagte der Welt. Dann begann er seine sechs Jahre dauernden asketisches Üben. Schließlich saß er auf den Diamantsitz, erlangte also tiefstes Samadhi, während Spinnen Netze zwischen seinen Augenbrauen spannen und Elstern Nester auf seinem Kopf bauten. Weitere sechs Jahre lang durchdrang Schilf seinen Lotussitz.
Am 8. Dezember, im dreizehnten Jahr seiner Übungen, erlangte er im Morgengrauen das Erwachen. Die Worte „Gemeinsam mit der großen Erde und allen fühlenden Wesen vollende ich den Weg“ waren sein erstes Löwengebrüll. Danach predigte er den Dharma neunundvierzig Jahre lang, ohne seine Zuhörer auch nur einen Tag zu verlassen. Er besaß nur eine Robe und eine Schale und entbehrte doch nichts. Nach mehr als dreihundertsechzig Dharma-Unterweisungen übertrug er schließlich das Schatzauge des Wahren Gesetzes auf Mahakashyapa, und von ihm aus wurde es bis in unsere Zeit übertragen. Diese Übertragung von Indien über China bis nach Japan ist die Grundlage der Übung des Wahren Dharma.
Alle Übungen Shakyamuni Buddhas sind Vorbilder für seine Nachfahren. Obwohl er die zweiunddreißig Merkmale von Größe und achtzig besonderen Kennzeichen hatte, erschien er wie ein alter Mönch und unterschied sich nicht von gewöhnlichen Menschen. Seit seinem Erscheinen und durch alle Zeitalter der Lehre – das Zeitalter des wahren Dharma, das des verfälschten Dharma und das des untergehenden Dharma – nahmen sich seine Anhänger ein Beispiel an ihm und standen, gingen, saßen und legten sich nieder, ohne Selbstsucht zu hegen. Weil es eine unmittelbare Übertragung von Buddha zu Buddha und Patriarch zu Patriarch gibt, geht der Dharma nicht unter. In den dreihundertsechzig Dharma-Unterweisungen in neunundvierzig Jahre sind die verschiedenen Geschichten, Parabeln, Metaphern und Erklärungen nie von Buddhas Erwachen abgewichen.

Teisho von Keizan Zenji

Das „Ich“, von dem Shakyamuni Buddha spricht, ist nicht Shakyamuni Buddha, doch Shakyamuni Buddha entsteht aus diesem „Ich“ gemeinsam mit der großen Erde und allen fühlenden Wesen. So wie bei einem Netz, das man anhebt, auch dessen Löcher mit angehoben werden, so wurden mit dem Erwachen Shakyamuni Buddhas auch die große Erde und alle fühlenden Wesen erleuchtet. Bringe das Erwachen nicht nur mit Shakyamuni Buddha in Verbindung, denn auch alle Buddhas der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wurden erleuchtet.
So zahllos Flüsse, Berge und Phänomene auch seien, sie alle sind in der klaren Sicht von Gautamas Auge enthalten. Auch wir befinden uns in der Pupille seines Auges, die auch die Pupille unseres Auges ist. Gautamas Auge wird zum Fleisch und zu den Knochen von jedermann. Von alters her bis heute gehören gewöhnliche Menschen zu Gautamas klarer Sicht. Gautama selbst ist unser aller Körper.
Wie kann man dann das Mark der Erleuchtung erklären? Ich frage die Mönche hier: Ist der Gautama mit allen Menschen erwacht? Wenn dem so ist, dann handelt es sich gar nicht um Gautamas Erwachen, dann können wir dies nicht als Mark der Erleuchtung ansehen.
Wenn wir wirklich das Prinzip des Erwachens erfassen wollen, dann müssen wir diesen Gedanken von Gautama und den gewöhnlichen Menschen aufgeben. Nur dann werden wir zügig die Bedeutung dieses wahren „Ichs“ erkennen. Dieses wahre „Ich“ betrifft die große Erde und alle fühlenden Wesen. Es unterscheidet sich von Gautama, dem alten Weisen. Untersuche und bedenke sorgsam dieses „Ich“, und kläre auch das „gemeinsam mit“ in seiner Aussage. Wenn wir nur das wahre „Ich“ klären, nicht jedoch das „gemeinsam mit“, können wir unser erkennendes Auge verlieren. Dieses wahre „Ich“ und das „gemeinsam mit“ sind weder gleich noch verschieden. Mönche, tatsächlich sind euere Haut, euer Fleisch, eure Knochen und im Besonderen euer Mark „gemeinsam mit“. Der „Herr des Hauses“ ist „Ich“. Es hat nichts mit Haut, Fleisch, Knochen und Mark zu tun, auch nichts mit den vier Elementen und den fünf Skandhas.
Wenn ihr wirklich den „Unsterblichen in der Einsiedelei“ verstehen wollt, dürft ihr ihn nicht von diesem Hautsack trennen. So schreiten wir gemeinsam mit der großen Erde und allen fühlenden Wesen voran. Verändern sich Frühling, Sommer, Herbst und Winter und im Lauf der Zeit auch Berge, Flüsse und die große Erde, dann sollten wir wissen dass dahinter nur Gautama steckt, der seine Augenbrauen hebt und mit den Augen zwinkert. All die Myriaden von Phänomenen sind nur eine Manifestation des wahren Dharma. Ihr Wandel liegt jenseits von Abwerfen oder Nicht-Abwerfen. Fayan fragte: „Warum ist es wichtig abzuwerfen oder nicht abzuwerfen?“ Dizang erwiderte: „Was meinst du mit Myriaden von Phänomenen?“
Darum klärt in eurer endlosen und fortdauernden Übung Gautamas Erwachen als euer eigenes. Ihr sollte diese Rätsel der Myriaden von Formen durchdringen, damit die Antwort aus eurem Herzen fließt, ohne dass ihr Worte vergangener oder gegenwärtiger Buddhas benötigt. Bitte zeigt euer Verständnis dieser Wahrheit bei der nächsten Dharma Unterweisung.

Dieser Bergpriester würde gern noch ein paar bescheidene Worte ergänzen. Seid ihr Mönche bereit, zuzuhören?

Vers

Ein schöner Ast wächst aus dem Pflaumenbaum,
zur gleichen Zeit auch Dornen.

Quelle: Denkoroku. Die Weitergabe des Lichtes / Keizan Jokin. Frankfurt, Angkor Verlag, 2008

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SHINJI SHOBOGENZO – NEUNZEHN


Sitzen ist die Praxis der Buddhas. Sitzen ist Nicht tun. Es ist die wirkliche Form des Seins. – Eihei Dogen

Mit freundlicher Genehmigung von Gudo Wafu Nishijima Roshi, beginnen wir in diesem Blog mit der Verwendung einiger Koans aus Dogen Zenji´s Sammlung von 301 Koan. Diese Koan Sammlung diente Meister Dogen als grundlegendes Material für seine Lehrvorträge und Schriften. Die Erläuterungen sind von Nishijima Roshi.

Neunzehn

Meister Joshu fragte Meister Nansen: Was ist die Wahrheit?
Meister Nansen antwortete: Ein normaler Geist ist die Wahrheit.
Meister Joshu sagte: Können wir ihn mit absichtsvollen Bemühen erlangen?
Meister Nansen entgegegnete: Falls wir eine solche Absicht hegen, wird uns die Wahrheit abweisen.
Meister Joshu sagte: Wenn wir keinerlei Absicht haben, uns der Wahrheit zu nähern, wie können wir sie dann als Wahrheit erkennen?
Meister Nansen erwiderte: Die Wahrheit ist nicht davon abhängig, ob wir sie erkennen oder nicht. Wissen ist eine Täuschung und nicht zu wissen ist weder gut noch schlecht. Wenn wir absichtslos die Wahrheit erlangen, würde das den Raum gleichen: Sie ist unermesslich weit. Wie können wir es dann wagen, darüber zu diskutieren, ob unser Erkennen richtig oder falsch ist?
Beim Hören dieser Worte erkannte Meister Joshu plötzlich etwas Tiefgründiges.

Kommentar

Was ist die Wahrheit? Dazu vertraut uns Meister Nansen umgehend Folgendes an: Der normale Geist ist die Wahrheit. Freilich gibt es dabei insofern einen Haken, als dass die Wahrheit nicht identisch mit dem Begriff „normaler Geist“ ist. Die Wahrheit bedeutet, diesen Geist zu leben. Daraufhin stellt Joshu eine Frage, die viele Zen-Schüler beschäftigt. Können wir die Wahrheit durch absichtsvolles Bemühen erlangen oder nicht? Und wenn nicht, wie ist die Wahrheit zu erkennen, wenn wir sie gefunden haben?
Meister Nansen sagt, die Wahrheit werde vor uns fliehen, wenn wir sie bewusst suchen. Dies ist so, weil solch ein Vorsatz ein Erzeugnis des unterscheidenden Denkens ist. Die Wahrheit umschließt jedoch unser ganzes Dasein, nicht nur den Geist. So vermag das geistige Vermögen allein uns niemals zur Wahrheit zu führen. In der Tat beginnen die meisten Leute ihr Studium des Buddha-Weges mit genau dieser Absicht. Sie möchten die wunderbare Erleuchtung erlangen, von der sie so viel gehört haben.
Wirkliche Praxis jedoch ist nur die einfache Übung, unbefleckt von irgendwelchen äußerlichen Elementen, ungeachtet dessen, wie schön oder edel sie auch sein mögen. Die Vorstellung, man könne die Wahrheit erlangen, ist nichts anderes als eine Idee, die in unserem Kopf herumgeistert. In der tatsächlichen Praxis de Buddha-Weges tritt rasch das Gefühl, dass unsere Beine wie Feuer brennen, an ihre Stelle.
Diese Erfahrung ist gewiss wichtiger als eine Idee von Erleuchtung, denn im Schmerz lernen wir, dass die Welt nicht bloß im Denken, nicht allein aus Vorstellungen besteht. Wenn wir praktizieren, „lernen“ wir andere Dinge, und zwar nicht allein mit dem Geist oder Verstand, sondern mit dem ganzen Körper/Geist. Wir studieren den ausgewogenen und gleichbleibenden Körper/Geist. Im Laufe dessen wird dann die Absicht, Erleuchtung zu erlangen, als ziemlich pubertär angesehen werden. Wir praktizieren unmittelbar in der Wirklichkeit, erfahren sie.
Die Wahrheit ist klar und weit, sie hat nicht mit dem Märchen zu tun, dass sie durch absichtvolles Bemühen erlangt werden könnte. Es ist an der Zeit, sich solcher Vorstellungen zu entledigen und mit der wirklichen Übung des Buddha-Weges zu beginnen. Die konkrete Praxis des Buddha-Weges ist Zazen.

Aus: Die Schatzkammer der wahren buddhistischen Weisheit – Dogen Zenji´s Sammlung von 301 Koan – Geschichten erläutert von einem Meister der Gegenwart. 2005, O.W. Barth Verlag.

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