ZWANZIG

Ob hell oder dunkel,
Der Horizont ist weit weg.
Wellen hin und her.

Eines Tages sagte der Beamte Jiku zu Meister Chosa Keishin (1):

– Wenn ein Regenwurm in zwei Teile zerschnitten wird, bewegen sich beide Teile. Ich frage mich: In welchen dieser Teile befindet sich die Buddha Natur des Wurms?

Meister Chosa Keishin erwiderte:
– Täusche dich nicht.

Der Beamte fragte: Wie lässt sich erklären, dass sich beide Teile fortbewegen?
Meister Chosa Keishin entgegnete:
– Die Elemente Wind und Feuer haben sich nur noch nicht aufgelöst.

Der Beamte Kiku wusste darauf keine Antwort. Da rief der Meister mit lauter Stimme nach ihm, und er antwortete:
– Ja?

Meister Chosa Keishin sagte:
– Diese natürliche Reaktion ist dein ursprüngliches Leben nicht wahr?

Der Beamte Jiku erwiderte:
– Selbst wenn wir jetzt das Fragen und Antworten schließen würden, gäbe es keinen zweiten Meister für mich.

Meister Chosa Keishin sagte:
– Ich kann dich heute nicht kaiserlich nennen.

Der Beamte Kiku sagte:
– Wenn das deine Meinung ist, werde ich aller Fragen und Antworten bei dir aufgeben. Denkst du denn, dass ich nicht mein eigener Meister bin?

– Meister Chosa Keishin erwiderte: Ob du mir antwortest oder nicht, ist nicht wichtig. Sich aber Sorgen darüber zu machen, ob man antwortet oder nicht, ist seit ewigen Zeiten die Hauptursache von Leben und Tod.

Dann verfasste er ein Gedicht:

Die Ursache dessen, dass die Übenden des Buddha-Weges die Wahrheit nicht erkennen,
liegt darin, dass sie nur ihren unterscheidenden Geist erkennen,
Doch das war seit ewigen Zeiten die Ursache von Leben und Tod,
Die Törichten aber glauben, er sei ihre ursprüngliche Natur.

Kommentar
Alle Bemühungen in der Praxis des Zen sind auf diesen einen Punkt gerichtet der jenseits der Unterscheidungen ist. Dort wo sich jeder Widerspruch auflöst, sogar die mysteriösesten Rätseln, wo aus der Leerheit die Weisheit entspringt. Es wird behauptet Albert Einstein hätte Mal gesagt, dass die Dunkelheit nicht existiere, weil sie eigentlich die Abwesenheit von Licht sei. Aus dieser Behauptung wurden viele weitere Ableitungen gemacht, doch irgendwie habe ich es mir damit schon immer schwer gemacht. Zunächst schon mal weil ich absoluten Wahrheiten gegenüber gelernt habe skeptisch zu sein aber auch weil ich mich schon immer gefragt habe, was wohl mit dem Licht wäre, gäbe es die Dunkelheit nicht. Angenommen es gäbe keine Dunkelheit und nur noch das Licht, würden wir dann noch wahrnehmen können was das Licht ist? Würden wir es dann noch messen können? Gäbe es dann überhaupt noch so etwas was als Licht bezeichnet werden könnte? Also vielleicht wäre es genauso angemessen zu sagen, dass es das Licht gibt weil es die Dunkelheit gibt. Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Wie dem auch sei, Recht oder Unrecht, die Frage allein gibt Grund für Spekulation, für Zweifel, für Diskussion, unter Umständen vielleicht auch für Streit. Wären wir spätestens an dieser Stelle nicht schon wieder bei der Dunkelheit, der Umneblung zumindest des Geistes angelangt? Hätten wir uns da nicht schon vom wahren Licht distanziert, der sowohl im Äußeren als auch im Inneren strahlt, vom Licht der bedingungslosen Akzeptanz, vom Licht des Gleichgewichts? Ich entdecke die fließenden Grenzen, die Grautöne und das Licht genauso in der Dunkelheit sein kann wie in der Dunkelheit das Licht. Also schließe ich nichts aus sondern nehme sowohl die Dunkelheit als auch das Licht als unterschiedliche Aspekte dieses Augenblicks war. Nichts Fixes sondern verschiedene Phänomene, die sich von Augenblick zu Augenblick in Folge des allgegenwärtigen Prozesses wechselseitiger Abhängigkeit konstant verändern.

Ähnlich weist der Meister die Frage seines Schülers zurück und lehnt es ab darüber zu spekulieren, in welcher Hälfte eines geteilten Wurmes sich die Buddha Natur befinde. Als Jiku auf die Beantwortung der Frage besteht, antwortet Meister Chosa er solle verstehen, dass die physischen Elemente Wind und Feuer sich noch nicht aufgelöst hätten. Jiku scheint dies nicht zu verstehen und um seinem Schüler doch noch zu helfen, ruft der Meister Jikus Name laut. Dieser Antwortet spontan: „Ja?“. Jiku glaubt etwas begriffen zu haben und stimmt der Aussage des Meisters zu, dass unser natürliches Verhalten unser „ursprüngliches“ Leben sei. Dies tut er mit den Worten: „Selbst wenn wir jetzt das Fragen und Antworten einstellen würden, gäbe es keinen zweiten Meister für mich“. Doch ist in seiner Aussage nicht Unsicherheit zu erkennen? Und genau diese Unsicherheit ist Meister Chosa nach, der Grund für Leben und Tod. Auch wenn es Jiku nicht gefällt, auch wenn er es gerne anders haben wollen würde, seine Unsicherheit ist zu erkennen und damit auch der unterscheidende und ausschließende Geist. Ein Geist der identisch ist mit dem Geist der Sehnsucht und der Unzufriedenheit, welcher verursacht, dass wir Dingen hinterher jagen oder den Dingen davon rennen. Der rastlose ewighungrige Geist der es unmöglich macht bis zu uns selbst vorzudringen. Bis zu dem was unsere wahre Natur ist.

Manche Menschen glauben, dass es nicht möglich sei frei von Unterscheidungen zu leben und deshalb unser wahrer Geist eher eine Utopie ist. Dass frei von Unterscheidungen und Kategorien zu leben hieße schwach, ängstlich oder zumindest ziellos zu sein. Es reiche nicht um in einer Welt zu überleben in der die Medienwirklichkeit nicht identisch ist mit der unmittelbaren Wirklichkeit. Es genüge nicht um jenen die Stirn zu bieten, die ohne Skrupeln konsequent die Tatsache ausnutzen, dass im Bezug auf die Medienpräsenz eine schlechte Nachricht besser ist als gar nicht in den Medien zu sein. Jenen, denen jedes Mittel recht ist und sogar die Würde verletzen wenn es sein muss. Es verlange Macht und Mut dazu um die Pressefreiheit, die Demokratie und die Freiheit bewahren zu wollen. Doch wer das sagt hat noch nicht verstanden, dass es unsere Pflicht ist den Totalitarismus schon im Aufkeimen zu entlarven, die Güte ist nämlich nicht echt wenn sie nicht frei und spontan ist. Wie könnte er/sie wissen was es wirklich heißt frei von Unterscheidungen zu sein?

Was sind wir, wenn wir uns nicht über Dinge, die außerhalb von uns sind identifizieren? Was sind wir jenseits von Dingen wie: Religion, unserem Alter, unserem Geschlecht, unserem Besitz, unserem Beruf, unserer Familie oder unserer Nationalität? Was sind wir, wenn wir aufgehört haben den Dingen davon- oder hinterher zu rennen, sodass der Einatmung nur noch die Ausatmung folgt? Was sind wir wenn wir bis zum Ursprung vorgedrungen sind? Der Anbeginn aller Zeiten ist gleichzeitig das Ende der Zeit. Der Punkt wo Alles beginnt wo aber auch Alles aufhört. Dort wo das Leiden seinen Ursprung hat, wo die Gier, die Wut und die Ignoranz beginnen, wo sie aber auch aufhören. Dort wo der Sommer, der Herbst, der Winter und der Frühling sowohl der Winter als auch der Frühling sind.

(1) Koan nr. 20 aus: Die Schatzkammer der wahren buddhistischen Weisheit -Dogen Zenji´s Sammlung von 301 Koan

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CHIE – DAS PARAMITA DER WEISHEIT

LEJANÍA

Von hier, von dort.
Aus der Ferne betrachtet,
Gibt es keine Kluft.

CHIE, oder die Weisheit ist das Meer in welches die fünf Strömungen der Freigiebigkeit, Geduld, Energie, Disziplin und Samadhi münden. Es ist die Intuition. Das reine Wissen, dass aus der vertikalen Ausrichtung der Haltung von Zazen entsteht.

Eine Empfindung, ein Wissen, welches uns aus dem Inneren wissen lässt, dass das Gleichgewicht die eine Kraft ist, welche unsere innere mit der äußeren Welt eint. Mit anderen Worten ist die Weisheit die tiefste Lehre im Zen Buddhismus überhaupt. Die höchste Doktrin. Die Lehre, die es ermöglicht jegliche Illusion zu transzendieren. Das Licht der Wahrheit selbst, welches uns klar erkennen lässt welche Handlungen heilsam sind.

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ZENJO – DAS PARAMITA DER KONZENTRATION

Die Trübung

Die Stimme des Tales ist Buddhas weite und lange Zunge,
die Form der Berge nichts anderes als sein reiner Körper. Eihei Dogen

In der Praxis von Shikantaza – „Nur Sitzen“ – bedeutet sich zu konzentrieren nicht die Achtsamkeit auf etwas bestimmtes zu fokussieren und sich vom Rest der Welt abzutrennen. Es bedeutet auch nicht sich selbst in einen besonderen oder tiefen Zustand der Euphorie oder der Trance zu versetzen. In der Praxis von Zaren sitzen wir einfach. Das heißt, dass unabhängig von welcher Geisteserscheinung im Geist aufkommt, wir präsent bleiben völlig in Einheit mit dem Hier und Jetzt. So verstanden ist in der Lehre von Meister Dogen die Zazen Praxis nicht ein Mittel zum Zweck, sondern der Zweck selbst. Zazen in allen Einzelheiten der Haltung umfasst in sich das gesamte Buddha Dharma und zwar direkt. Hier und Jetzt ist Zazen das Licht der Wahrheit selbst. Und weil dies so ist, kehren wir immer wieder mit der Aufmerksamkeit zur körperlichen Haltung, der Atmung und dem Geist im Hier und Jetzt zurück.

Im Shobogenzo Genjo Koan sagt Meister Dogen, einer der zwei Begründer der Soto Zen Schule:

„Den Buddha Weg zu ergründen, heißt sich selbst ergründen. Sich selbst Ergründen heißt sich selbst zu vergessen. Sich selbst zu vergessen heißt eins mit den zehntausend Dingen sein. Eins mit den zehntausend Dingen sein heißt Körper und Geist von uns selbst und Körper und Geist der Welt um uns fallen zu lassen. Die Spuren des Erwachens ruhen im Verborgenen, und die im Verborgenen ruhenden Spuren des Erwachens entfalten sich über einen langen Zeitraum“.

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SHOJIN – DAS PARAMITA DER ENERGIE

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Gestalt und Essenz,
Treffen sich auf dem Wasser.
Alles vorhanden.

Shojin oder Virya Paramita auf Sanskrit, ist das Paramita der Energie.

Sho bedeutet: rein, fein. Jin hat die Bedeutung von: weiterkommen, Fortschritte machen. So ist im Kontext der buddhistischen Tugenden unter Energie jene Kraft gemeint, die
erfahren wird wenn durch die Großzügigkeit, Disziplin und Geduld unsere Praxis zu einem Stadium der aktiven Offenheit gelangt. Also hat das Paramita der Energie mit der Kraft zu tun die uns zur Praxis geführt hat, der Motivation den Weg fortzuschreiten und der Energie uns immer weiter in Richtung auf das was rein und tadellos ist zu bewegen. Die Energie, die dazu führt dass dem Herbst der Winter folgt und dem Winter der Frühling, der Sommer und wieder der Herbst. Die Energie eines Samens der keimt, anschließend zu einer Blume wird, die später blüht bis sie verfällt, ohne dass es dabei einer äußeren Anerkennung oder eines Vergleichs bedarf.

Also unterscheidet sich das buddhistische Verständnis dessen was die Energie ist, von dem was wir für gewöhnlich im Alltag denken dass die Energie ist. Shojin, Energie, bedeutet nämlich nicht so hart und so lange wie möglich zu arbeiten, weil wir uns etwas zu erreichen erhoffen. Vielmehr ist die Energie im buddhistischen Sinne eine Tugend, die unweigerlich mit der Aktivität des Loslassens einhergeht. Wir lassen unsere geerbten Wertvorstellungen los, unsere darauf basierenden Träume, unseren Kummer, unsere Schuld, unsere Unschuld, unser Wissen und unser Gewissen und beginnen uns dem Leben zu öffnen so wie es ist. Wir kommen in der unmittelbaren Wirklichkeit des Hier und Jetzt an. Die Trübung hört auf, die Stille erscheint.

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DREIUNDVIERZIG

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Die Form ist die Leerheit und die Leerheit ist die Form. Und doch ist die Form die Form und die Leerheit die Leerheit. Eihei Dogen – Makahannya Haramitsu

Als Meister Kiso Chijo aus dem Kisu-Tempel auf dem Berg Ro gerade dabei war, Gras zu mähen, traf der Meister eines anderes Tempels ein. Da bemerkten sie beide in ihrer Nähe eine Schlange. Ohne zu zögern, zerteilte Meister Chijo sie mit der Sichel in zwei Teile.

Der Meister des anderen Tempels sagte:
– Dein Ruf ist mit seit langem bekannt, doch nun sehe ich, dass du nur ein Mönch mit groben Benehmen bist.
Meister Chijo entgegnete:
– Bin ich grob, oder bist du es?
Der andere Mönch fragte:
– Was meinst du mit „grob“?
Meister Chijo stieß die Sichel in den Erdboden, den Griff voran.
Der andere Meister sagte:
– Was ist „nicht grob“?
Meister Chijo tat so, als würde er eine Schlange töten.
Der andere Meister sagte:
– Vielleicht hast du Recht. Ich werde deinem Beispiel folgen.
Meister Chijo erwiderte:
– Ich werde dir erlauben, eine Zeit lang meinem Beispiel zu folgen. Aber verstehest du denn, warum ich die Schlange getötet habe?
Der andere Meister sagte nichts.

Kommentar
Eines der buddhistischen Gelübde lautet: „Töte nicht“. Meister Kiso Chijo wurde kritisiert, weil er in grober Weise gegen dieses Gelübde verstieß. Doch er stellte die Frage, welche Art Verhalten denn „grob“ sei. Und dann führte er ein grobes Benehmen vor, indem er die Sichel mit dem Griff voran in den Boden stieß. Das ist ziemlich unnatürlich und ohne eine nützliche Funktion, denn die Sichel wurde nicht für einen solchen Gebrauch gefertigt.
Als der andere Meister ihn bat, ein Verhalten vorzuführen, dass nicht grob wäre, simulierte Meister Chijo das Töten einer Schlange. Ein Gelübde gegen das Töten gibt es, doch in einigen Situationen kann es notwendig sein zu töten. Die Schlange stellte eine Bedrohung dar, also tötete Meister Chijo sie, ohne zu zögern.
Die buddhistische Einstellung zu den Gelübden unterscheidet sich somit von der Auffassung der Christen im Bezug auf die Zehn Gebote. Die Gebote sind nicht an eine spezielle Situation gebunden und müssen unabhängig von den konkreten Umständen befolgt werden. Die buddhistischen Gelübde hingegen sind eine Anleitung zum rechten Verhalten, und die Buddhisten befolgen sie keineswegs blindlings, denn rechtes Verhalten kann sich nur in einer konkreten Situation entfalten.

Moralisches Verhalten bedeutet nicht, ein abstraktes Konzept dessen zu erfüllen, was richtig ist, sondern einfach in der konkreten Situation „das Richtige zu tun“. Unter bestimmten Umständen kann dies bedeuten, dass wir ein Gelübde brechen. Dass heißt freilich nicht, dass ein Buddhist in Bezug auf das Einhalten der Gelübde lax sein soll.

Wenn der Körper/Geist durch die regelmäßige Praxis von Zazen ausgewogen und in seinem natürlichen Zustand ist, dann handeln wir in der konkreten Situation intuitiv und richtig. Die Gelübde wirken wie eine Landkarte des Terrains, sie sind aber nicht das Terrain selbst.

Aus: Die Schatzkammer der wahren buddhistischen Weisheit – Dogen Zenji´s Sammlung von 301 Koan. Kommentare von Gudo Wafu Nishijima Roshi, 2005, O.W. Barth Verlag.

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NAGARJUNA

Perlabrillante
Das einsame Licht in der Weite des Alls ist frei von Dunkelheit.
Überall erstrahlt der Wunsch erfüllende Juwel – Keizan Jokin

Koan

Der vierzehnte Patriarch war der Ehrwürdige Nagarjuna. Als der dreizehnte Patriarch, der Ehrwürdige Kapimala, eine Einladung des Naga Königs angenommen hatte, erhielt er von diesem einen Juwel, der jeden Wunsch erfüllen konnte. Nagarjuna fragte ihn: “Dies ist der kostbarste aller Juwelen. Hat er eine Form oder ist er formlos?” Kapimala erwiderte: Bisher kennst du nur Form und Formlosigkeit und weißt nicht, dass dieser Juwel weder Form hat noch formlos ist, ja das er überhaupt kein Juwel ist”. Als er das hörte, wurde Nagarjuna tief erleuchtet.

Hintergrund

Meister Nagarjuna stammte aus Westindien und wurde auch „wilder Naga“ und „Höchster Naga“ genannt. Der dreizehnte Patriarch Kapimala kam nach Westindien, nachdem er ordiniert worden war und die Übertragung des Dharma empfangen hatte. Dort lebte ein Prinz namens Megeshvara, der Kapimala verehrte und in seinen Palais einlud, wo er ihm Gaben darbrachte. Der Ehrwürdige Kapimala sagte: „Der Tathagata lehrte, dass Bettelmönche sich nicht Königen, Ministern und anderen mächtigen Leuten nähern sollten. „Der Prinz sagte: „Nördlich von unserer Burg gibt es einen hohen Berg mit einer Steinhöhle. Möchte der Meister dort meditieren?“ Der Ehrwürdige Kapimala stimmte zu. Am Berg angelangt, traf er auf eine riesige Schalange, widmete ihr aber keine Aufmerksamkeit und setzte seinen Weg fort. Da verfolgte ihn die Schlange und wickelte sich um ihn herum. Kapimala jedoch übertrug die Dreifache Zufluchtnahme auf die Schlange, die ihn daraufhin losließ.

Als Kapimala an der Höhle ankam, trat ein Mann in weißer Kleidung heraus und verneigte sich vor ihm. Der Wehrwürdige fragte ihn, wo er lebe, und der alte Mann antwortete: „Vor langer Zeit war ich ein Mönch, genoss die Einsamkeit und lebte verborgen in den Bergwäldern. Gelegentlich kam ein Novize vorbei und wollte unterwiesen werden, mich störte es jedoch, ihm antworten zu müssen, und ich wurde wütend und ablehnend. Als ich starb, wurde ich als riesige Schlange wiedergeboren und lebte fortan tausend Jahre lang in dieser Höhle. Aufgrund meines Karmas habe ich nun Euch getroffen und konnte die Dreifache Zufluchtnahme vollziehen, wofür ich Euch sehr dankbar bin.“
Kapimala fragte, wer sonst noch auf dem Berg lebe. Der Alte antwortete: „Zehn Li von hier gibt es einen gewaltigen Baum, unter dem sich fünfhundert Nagas aufhalten. Ihr Anführer heißt Nagarjuna. Er predigt den Nagas den Dharma, und auch ich habe ihm schon zugehört.“

Daraufhin brachte Kapimala sein Gefolge dorthin. Nagarjuna grüßte sie und sagte: „Tief in den Bergen ist es einsam und still, und riesige Schlangen hausen hier. Warum wendet der große Weise, der Höchstverehrte, seine heiligen Füße in dieser Richtung?“ Kapimala erwiderte: „Ich bin nicht der Höchstverehrte. Ich bin hierher gekommen, um diesen weisen Mann zu treffen.“ Nagarjuna fragte sich: „Hat dieser Lehrer Gewissheit erlangt und das Auge der Erleuchtung geklärt? Ist er ein großer Weiser, der den Mahayana weiterträgt?“
Kapimala sagte zu ihm: „Auch wenn du das eben nur gedacht hast, habe ich es in meinem Geist erfasst. Entsage einfach entschlossen den weltlichen Bindungen und kümmere dich nicht darum, ob ich ein Weiser bin oder nicht.“ Da entschuldigte sich Nagarjuna und ließ sich von Kapimala ordinieren. Auch die fünfhundert Nagas erhielten die Gebote. Nagarjuna folgte Kapimala vier Jahre lang. Kapimala erhielt vom Naga-König einen Juwel, der Wünsche erfüllte, und Nagarjuna begann das Gespräch über den kostbarsten aller Juwele“, wodurch er schließlich erwachte. So wurde er zum vierzehnten Patriarchen.

Teisho von Keizan Zenji

Nagarjuna studierte verschiedene nicht-buddhistische Lehren und besaß übernatürliche Kräfte. Er besuchte häufig den Naga-Palast und sah dort die Schriften der sieben vergangenen Buddhas. Allein vom Anblick der Titel wusste er, wovon sie handelten. So belehrte er dann die fünfhundert Nagas. Die Naga Könige Naga und Upananda und viele andere waren erleuchtete Bodhisattvas. Sie hatten alle die Übertragung früherer Buddhas erhalten und ihre Schriften in Schreinen aufbewahrt. Da die in Schriften verfassten Lehren des großen Meisters Shakyamuni ihre verwandelnde Wirkung unter Menschen und Himmelswesen weitgehend erschöpft hatten, sollten sie alle im Naga-Palast aufbewahrt werden.

Obwohl Nagarjuna große übermenschliche Kräfte besaß und sich oft mit den Naga-Königen zu Gesprächen traf, war er noch kein Mann des Weges, da er nur nicht –buddhistische Schriften studierte. Nachdem er vom dreizehnten Patriarchen die Gebote erhalten hatte, wurde seine Sicht jedoch klar. Viele Menschen denken, dass Nagarjuna nicht nur der vierzehnte Patriarch der Zen-Linie war, sondern auch ein Patriarch anderer Traditionen wie Shingon und Tendai. Selbst Ying-Yang-Zukunftsdeuter und Seidenhersteller haben ihn als ihren Patriarchen angesehen, da er all diese Traditionen studiert und in jeder ein Gefolge hatte. Als er der vierzehnte Patriarch wurde, ließ er von all diesen Übungen ab, doch viele Schüler hielten ihn noch immer für ihren wahren Patriarchen; sie sind wie Dämonen und Tiere, die über die Wahrheit im Irrtum sind und nicht zwischen Juwelen und Steinen unterscheiden können. Lediglich Nagarjunas Buddha-Dharma wurde übertragen, nämlich an den fünfzehnten Patriarchen Kanadeva; alle anderen Traditionen legte Nagarjuna ab. Diese Geschichte verdeutlicht dies, denn obwohl Nagarjuna die fünfhundert Nagas belehrte, wandte er sich sofort dem Ehrwürdigen Kapimala zu, als dieser auftauchte, verneigte sich vor ihm und stellte ihn auf die Probe. Kapimala blieb ruhig und offenbarte, als er befragt wurde, die wahre Lehre zunächst noch nicht. Nagarjuna dachte bei sich: „Ist das der große Weise, der das Wahre Fahrzeug geerbt hat?“, und er fragte sich, ob Kapimala ein authentischer Meister war.

Der dreizehnte Patriarch sagte: „Es ist nicht nötig, mich zu hinterfragen. Du musst deinen eigenen Entschluss festigen, Mönch zu werden.“ Das beschämte Nagarjuna, und er wurde zu Kapimalas Schüler. Nun müsst ihr euren eigenen Entschluss festigen. Nagarjuna sagte: „Dies ist der kostbarste aller Juwelen. Hat er eine Form oder ist er Formlos?“ Nagarjuna wusste von dieser Perle, doch von Form und Formlosigkeit abzuhängen heißt, der Dualität von Existenz und Nicht-Existenz anzuhängen. Darum belehrte ihn Kapimala. Selbst wenn dies nicht der kostbarste Juwel ist, kann man dessen Wirklichkeit nicht als Form oder Formlosigkeit bezeichnen; es ist einfach ein Juwel. Das gleiche gilt für den Juwel in der Stirn des Ringkämpfers, den Juwel im Haarknoten des Königs, den Juwel unter dem Kinn des Naga-Königs und den Juwel, der in den Kleidern des Trinkers versteckt ist – sie alle sind Metaphern, für die innewohnende Buddha-Natur, doch die meisten Menschen erkennen sie nicht und können nicht sagen, ob diese Juwelen Form haben oder nicht. Tatsächlich sind diese Juwelen bloß gewöhnliche Juwelen und nicht der kostbarste Juwel des Weges. Dieser Juwel des Weges ist nicht einmal ein Juwel. Dies müsst ihr sehr genau klären.

Zen-Meister Xuansha (Gensha Shibi) sagte: „Das ganze Universum ist ein glänzender Juwel.“ Die gewöhnlichen Sichtweisen von Menschen und Himmelswesen können dies wirklich nicht erfassen. Doch auch ein gewöhnlicher Juwel kommt nicht von außerhalb, sonder erscheint im menschlichen Geist. Der Himmelskönig Shakra (Indra) benutzt ihn als Wunsch erfüllenden oder Mani- Juwel. Wenn man ihn auf eine schmerzende Stelle am Körper hält, wird diese geheilt; legt man ihn bei Sorgen auf die Stirn, verschwinden auch diese. Selbst übernatürliche Kräfte sind dem Juwel eigen. Unter den sieben Schätzen eines Weltherrschers gibt es ein Mani-Juwel. Alle Schätze entstammen daraus, und seine Nutzbarkeit ist unerschöpflich. Auch die karmischen Folgen eines Daseins als Mensch oder Himmelswesen bedingen Unterschiede und ein „überlegen“ oder „unterlegen“. Der Wunsch erfüllende Juwel der Menschenwelt wird auch Reiskorn genant. Dies ist ein wertvoller Juwel. Verglichen mit einem himmlischen Juwel wirkt er vielleicht künstlich, dennoch ist er ein Juwel. Wenn der Buddha-Dharma ausgelöscht ist, werden die Reliquien Buddhas zu Mani-Juwelen, die auf alles regnen und sich in Reis verwandeln, um den Menschen zu helfen. Auch wenn er als Buddha-Körper, als Reiskorn, als einziger Juwel oder als Myriaden von Phänomenen erscheint, sobald der eigene Geist ihn manifestiert, wird er zu diesem langen Körper, zu einer Figur mit drei Köpfen, einem Tier mit Hörnern und Fell und zu unzählbaren anderen Formen. Darum sollt ihr diesen Geist-Juwel erkennen. Such nicht die Einsamkeit in den Bergen, versteckt euch nicht wie Mönche in vergangenen Zeiten, und wie es heute wieder Menschen tun, die noch nicht vollständig erleuchtet sind. Sie denken, dass die Gesellschaft anderer und deren Geschäftigkeit sie davon abhält, die Stille zu finden; darum wollen sie allein für sich in den Bergen den Weg praktizieren und Zazen üben. Viele, die so versteckt in den Bergen leben, üben auf die falsche Weise und geraten auf Abwege. Dies geschieht, weil sie den wahren Dharma nicht kennen und sich selbst in den Vordergrund stellen. Sie behaupten: „Zen Meister Damei Fazhang (Daibai Hojo) übte Zazen in einem nebligen Kiefernwald mit einer kleinen Eisenpagode auf seinem Kopf. Meister Gusihan Lingyou (Baso Doitsu) übte in Wolken und Nebel mit Tigern und Wölfen als Gefährten. Auch wir sollten auf diese Weise praktizieren.“ Das ist wirklich lächerlich. Ihr müsst verstehen, dass diese Meister alle bereits Erleuchtung und die Bestätigung durch einen wahren Lehrer erfahren hatten. Erst danach übten sie eine Weile in der Einsamkeit, um ihr Verständnis zu vertiefen und die rechte Gelegenheit abzuwarten, selbst zu lehren. Es geschah also, nachdem Damei das wahre Siegel von Mazu und nachdem Gusihan die Übertragung von Baizhang erhalten hatte – und nicht davor, wie die Unwissenden glauben. Die alten Weisen wie Yingshan und Luoshan lebten vor ihrer vollständigen Erleuchtung niemals allein. Sie waren klarsichtige, wahre Männer von großer Weisheit und Tugend, die der Nachwelt ihren Ruhm hinterließen. Wenn ihr allein in den Bergen lebt und dort vernachlässigt, das zu durchdringen was ihr durchdringen sollt, und das zu erreichen, was ihr erreichen sollt, dann werdet ihr wie Affen sein. Das käme einem ernsthaften mangel an Buddha suchenden Geist gleich.

Wenn ihr Dharma-Auge nicht klar ist, werden diejenigen, die allein die Übung des Einsseins von Körper und Geist praktizieren, zu Shravakas und Pratyeka-Buddhas, und sie werden den Samen ihrer Buddhaschaft zerstören. Darum üben die Schüler ernsthaft über einen langen Zeitraum in einem Kloster mit einem religiösem Lehrer, um den Weg zu klären, ihre Wurzeln zu vertiefen und das Erlangte zu festigen. So folgt man den Patriarchen, insbesondere Eihei Dogen, der verbot, alleine zu üben, damit wir nicht auf auf Abwege geraten. Der zweite Patriarch Koun Ejo sagte: „Nachdem die Alten das Markt der Übung erlangt hatten, lebten sie zehn bis zwanzig Jahre lang in den tiefen Bergen, vergaßen die menschliche Gesellschaft und gaben die Welt des Schmutzes auf. In unserer heutigen Zeit kann man das kaum verwirklichen.“ Huanglang Huinan sagte: Statt in den Bergen den Weg für dich zu behalten, bis zu alt und krumm geworden bist, ist es da nicht besser, Übende in einem Kloster anzuleiten?“
Große Zen-Meister der Vergangenheit hielten nichts davon, allein zu leben. Und heutzutage sind die Fähigkeiten der Menschen noch dazu geringer als früher. Darum solltet ihr im Kloster bleiben, um den Weg zu üben und zu klären. In der obigen Geschichte hing ein alter Meister zu sehr an der Einsamkeit, und als ein junger Mönch vorbeikam, wurde er wütend und verweigerte eine Antwort. Daran erkennen wir, dass sein Körper und Geist noch nicht in Harmonie miteinander waren. Wenn man alleine lebt, entfernt vom Lehrer, wird man dem Karma seiner Handlungen nicht entfliehen können, selbst wenn man den Dharma predigen kann wie Nagarjuna. Da ihr in der Vergangenheit gute Wurzeln angelegt habt, könnt ihr Tathagatas Wahren Dharma vernehmen, der besagt, dass wir uns keinen Königen und Ministern nähern sollten. Andererseits sollen wir auch nicht allein leben. Setzt einfach fleißig eure Übung fort und konzentriert euch darauf, zur Quelle des Dharmas vorzudringen. Dies sind die wahren Worte Buddhas.

Quelle: Denkoroku. Die Weitergabe des Lichtes / Keizan Jokin. Frankfurt, Angkor Verlag, 2008

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ZWEI

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bleibt ungetrübt,
ob im Sommer oder Herbst,
der reine See

Meister Obaku Ki-Un auf dem Berg Obaku im Ko-Distrikt fragte Meister Hyakujo Ekai:
Wenn ich die Lehre, die du uns gegeben hast mit anderen teilen möchte, wie sollte ich dann lehren?

Meister Hyakujo Ekai blieb auf seinem Kissen sitzen und sagte gar nichts.

Obaku Ki-Un fragte:
– Wie kann ich zukünftig deine Söhne und Enkelschüler etwas lehren?

Meister Hyakujo erwiderte:
– Was du gesagt hast, zeigt, dass du ein wirklicher Mensch bist.

Kommentar

Dieses Koan ähnelt in gewissen Sinne der Geschichte von der Gottheit Shakra Indra, die den Buddha fragte: „Wie kann ich diejenige beschützen, die den Dharma praktizieren möchten?“. Der Buddha antwortete mit einer Frage: „Kannst du den Dharma sehen, de du beschützen möchtest? Wo ist er? Den Dharma beschützen zu wollen, das gleicht dem Wunsche, sogar den weiten Raum zu beschützen. Die Übenden des Buddha-Weges beschützen den Dharma und sich selbst dadurch, dass sie in der Wahrheit leben.

Die erste Frage Meister Obakus war etwas abstrakt gehalten. Er suchte nach dem besten Weg, den Inhalt der Lehre des Meisters zu vermitteln. Meister Hyakujo antwortete ähnlich wie der Buddha, jedoch auf eine direktere Art: Er verkörperte selbst unmittelbar seine eigene buddhistische Praxis. Er fuhr damit fort, in Zazen zu sitzen.

Meister Obaku verstand die Absicht, die sich hinter dem Verhalten des Meisters verbarg, und so stellte er eine konkretere Frage: Wie er die Lehre in Zukunft an diejenigen vermitteln könne, die mit Meister Hyakujo keinen direkten Kontakt mehr haben würden. Meister Hyakujo antwortete darauf einfach, die Art und Weise, wie Obaku das Handeln seines Meisters verstehe, dazu die Besorgnis, was künftige Schüler angehe, zeige an, dass er ein Mann sei, der in der Realität lebe. Meister Hyakujo war erfreut darüber, dass Obaku im Hinblick auf die Sorge für seine Mitschüler und deren Nachfahren von der Ebene abstrakten Denkens zu einer praktischeren und realistischen Ebene übergewechselt war. Er hatte keinen Zweifel an dessen Fähigkeit, sein Problem zu lösen.

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ACHT

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Die dunklen Wolken
unter dem blauen Himmel.
Kommen und gehen.

Meister Baso Do-Itsu aus Kozei im Ko-Distrikt diente als Meister Nangaku Ejos Jisha (persönlicher Sekretär) und empfing im Geheimen Gautama Buddhas Geist-Siegel. Er lebt ständig im Denpo-Tempel, saß in Zazen und war der herausragendste unter Meister Nangakus Schülern. Meister Nangaku wusste, dass Meister Baso eine außergewöhnliche Fähigkeit zum Studieren des Buddha – Weges hatte.

Meister Nangaku ging zu Meister Baso und fragte ihn:
– Nun, guter Mönch, was ist deine Absicht beim Üben von Zazen?

Baso Do-Itsu antwortete:
– Ich möchte ein Buddha werden.

Nangaku Ejo hob einen Ziegel auf und fing an, ihn auf einen Stein vor Meister Basos Hütte zu polieren.

Baso Do-Itsu fragte:
– Was tust du da?
Nangaku Ejo erwiderte:
– Ich poliere diesen Ziegel, um einen Spiegel daraus zu machen.
Baso Do-Itsu sagte:
– Wie kann der Meister durch das Polieren des Ziegels einen Spiegel daraus machen?
Nangaku Ejo sagte:
– Wie kann das Sitzen in Zazen aus dir einen Buddha machen?
Baso Do-Itsu fragte:
– Was ist denn hier und jetzt richtig?
Nangaku Ejo sagte:
– Wenn ein Mann einen Wagen fährt und dieser sich nicht vorwärts bewegt, ist es dann richtig, den Wagen zu schlagen oder den Ochsen?
Baso Do-Itsu wusste keine Antwort.
Nangaku Ejo lehrte weiter:
– Wenn du Zazen studierst, dann lernt du, wie ein Buddha zu sitzen. Wenn du Zazen erlernst, ist Zen nicht wie das Sitzen oder Liegen. Wenn du wie ein Buddha sitzt, hat Buddha keine bestimmte Form. Also solltest du eine solche Methode nicht aufgreifen. Denn wenn du wie ein Buddha sitzt, bedeutet das, dass du (das Konzept von) Buddha getötet hast. Haftest du an der Form des Sitzens, hast du das Prinzip (dieses Sitzens) nicht erfasst.

Als Baso die Lehre des Meisters gehört hatte, fühlte er sich so, als habe er süßen Nektar getrunken.

Kommentare:

Gewöhnlich wird dieses Koan so interpretiert, als könne man kein Buddha werden, wenn man nur Zazen praktiziert. Doch Meister Dogens Deutung geht in eine ganz andere Richtung: Es ist die Vorstellung des absichtlichen Werdens, die er kritisiert. Wenn ein Mensch in Zazen sitzt, ist er bereits ein Buddha und kann nicht noch mal ein Buddha werden. Und das Polieren bedeutet nicht, einen Spiegel herzustellen. Es ist nur der Akt des Polierens – das Tun eines Buddha.
Was bedeutet nun die Aussage, man sei ein Buddha, wenn man in Zazen sitzt? Beim Sitzen in Zazen schauen wir der Wirklichkeit direkt ins Auge, stellen uns den Gedanken, Gefühlen und den Unannehmlichkeiten (sowohl physisch als auch geistig). Wir sehen auch, dass die Wirklichkeit erheblich mehr ist als bloße Gedanken oder nur der Körper.
Eies wahrzunehmen ist schwierig, besonders für Anfänger. Wenn wir sitzen, verspüren sie gewöhnlich Schmerz und Langeweile, also etwas, das weit entfernt ist von ihrem idealistisch gefärbten Bild von Erleuchtung oder Buddhaschaft. Doch Schmerz und Langeweile sind für sie etwas Wirkliches.
Gewöhnlich tun wir alles Erdenkliche, um vor diesem Aspekt der Wirklichkeit wegzulaufen oder ihn zu verdecken. Doch in Zazen konfrontieren wir uns unmittelbar damit. Hier kann man ihm nicht entfliehen, er muss durchlebt und erfahren werden. Wirklichkeit besteht aber nicht allein aus Schmerz und Langeweile, sondern hat manch andere und viel tiefere Aspekte. Auch ihnen begegnen wir in Zazen, stellen uns ihnen – und das, sobald sie natürlich und von selbst auftauchen.
Unsere Vorstellungen von Erleuchtung können die Dinge nicht beschleunigen, denn das unterscheidende Denken ist nichts anderes als eine dünne Oberflächenschicht über dem viel tieferen Ozean der Geist/Körper Wirklichkeit.
Meister Baso stellte dann die Frage, was er tun solle, und Meister Nangaku zog den Vergleich mit einem Ochsenkarren heran. Wenn der Ochse etwas störrisch ist, können wir ihn schlagen und dazu bringen vorwärts zu gehen. Ist jedoch das Wagenrad zerbrochen, können wir den Ochsen schlagen so viel wir wollen, und kommen dennoch kein bisschen voran. Wir sollten die wirkliche Situation berücksichtigen, anstatt unsere vorgefassten Meinungen auf die Lage zu projizieren.
Der Ochse symbolisiert den Geist oder die Geistesfaktoren, der Wagen entspricht dem Körper oder den materiellen Faktoren. Ein Idealist denkt nur daran, den Ochsen zu schlagen, und ignoriert den Wagen. Wahrscheinlich so lange, bis eines Tages eines der Räder abfällt und er in den Schlamm gekippt wird. Der Materialist hingegen denkt nur an den Wagen und wünscht sich wahrscheinlich, dass dieser gepflegt und schnell aussieht, oder er würde ihn gern mit Gold und kostbaren Juwelen schmücken. Den Ochsen lässt er unterdessen verhungern, und der schöne Wagen ist dann nicht mehr zu bewegen.
Zazen ist eine Praxis mit dem Körper/Geist – dem gesamten Dasein. Auf dem Buddha-Weg kümmern wir uns um beides: um den Ochsen und um den Wagen. Meister Nangaku ging dann dazu über, den Unterschied zwischen Zazen und dem Alltagsverhalten zu erläutern. Zazen zu studieren bedeute, zu lernen, dass man in Zazen ein Buddha ist. Beharrlich betonte er, Zazen sei etwas anderes als das Alltagsverhalten wie etwa das Sitzen oder das Liegen. Worin besteht nur dieser Unterschied? Im gewöhnlichen Leben sind wir normalerweise stark von Gedanken eingenommen und haben infolgedessen Schwierigkeiten damit, die Wirklichkeit zu erkennen. In Zazen jedoch durchneiden wir die Wolke der Gedanken, die für Dunkelheit sorgt.
Andererseits ist Zazen auch etwas anderes als unsere übliche entspannte Verfassung, insofern, als wir hierbei ein gewisses Maß an physischer Spannung und geistiger Wachheit aufrechterhalten. Meister Nangaku bestand auf diesem Unterschied zwischen Zazen und dem üblichen Leben, weil es einige Schüler des Buddha-Weges gab und noch gibt, die behaupten, das Alltagsverhalten unterscheide sich gar nicht von Zazen. Und es ist wahr, dass sich diese beiden Dinge insofern gleichen, als dass das eine wie das andere Teil der Wirklichkeit ist. Doch ist es im gewöhnlichen Leben sehr schwierig und für die meisten Menschen sogar unmöglich die Wirklichkeit klar wahrzunehmen.
In Zazen sitzen wir in der Wirklichkeit und erfahren sie direkt, wie es sonst nur selten geschieht. Diese Erfahrung verwandelt altmählich unser tägliches Leben. Wenn wir in Zazen sitzen, sind wir Buddhas. Ein Buddha in Zazen hat keine festgelegte Form. Er kann groß und blond, klein und rundlich, ein Athlet, eine alte Frau oder ein Teenager sein. Darüber hinaus hat ein Buddha in Zazen eine Vielzahl innerer Verfassungen: Er ist friedlich, ruhig, abgelenkt, gelangweilt, froh und so weiter.
Es gibt keinen Zustand, auf den wir verweisen und sagen könnten: „Dies ist es, wonach du suchst. Wenn du diesen Zustand erreicht hast, dann hast du die Buddhaschaft erlangt“. Solche Vorgefassten Meinungen sind bloße Bilder in unseren Kopf. Für einen Buddha gibt es keine begrenzte Form. Jede Person, die in Zazen sitzt, hat ihre eigene Form. Also können wir sagen, dass Zazen mit unendlich vielen Formen des Buddha geschmückt ist.
Im unmittelbaren Aufleuchten der Wirklichkeit gibt es weder Gut noch Schlecht. Da sind weder Buddhas noch keine Buddhas. Tatsächlich kann in der Praxis von Zazen kein „Buddha“ aufgefunden werden. Unsere Konzepte von Buddha werden zurückgelassen und wir sind frei, unmittelbar in der Wirklichkeit zu sitzen. Wir sind frei, Buddha zu sein.
Wenn wir an der physischen Form des Sitzens haften, indem wir uns zum Beispiel auf den Atem konzentrieren oder ein beständiges physisches Gewahrsein befördern, haben wir nicht verstanden, dass Zazen das Sitzen in der Einheit von Körper und Geist bedeutet, einen Zustand ohne eine betonte Ausrichtung, sei sie geistig oder auch physisch.

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VIERUNDACHTZIG

Eines Tages sagte Meister Ungan zu einer Versammlung: Es gibt in einer Familie ein Kind, das auf jede Frage eine erklärende Antwort geben kann.
Meister Tozan fragte: Gibt es Bücher in jenem Hause?
Meister Ungan antwortete: Es gibt keine Bücher dort, nicht einmal ein einziges Schriftzeichen.
Meister Tozan sagte: Wie ist es möglich, dass das Kind so viel Wissen erlangt hat?
Meister Ungan erwiderte: Es hat Tag und Nacht nicht geschlafen.
Meister Tozan fragte: Falls wir es nach der Wahrheit fragen, kann es darauf antworten?
Meister Ungan sagte: Selbst wenn es wüsste, wie es die Wahrheit ausdrücken könnte, würde es sie niemals aussprechen.

Kommentar

Unser natürlicher Zustand wird manchmal mit dem eines Kindes verglichen. Beide sind durch Spontaneität, Intuition sowie durch Einfachheit des Verhaltens gekennzeichnet. Es gibt nichts, was in jenem kindlichen Zustand nicht geäußert werden könnte. Diese Verfassung hat nichts mit Bücherwissen zu tun.
Meister Ungan erklärte, es gebe kein einziges Schriftzeichen im Hause des Kindes. Wie mag es dann seine Weisheit erworben haben? Das Kind habe Tag und Nacht nicht geschlafen, sagte Meister Ungan, womit er das fleißige Üben von Zazen ansprach.
Obgleich das Kind sich zu allem äußern kann, sagt es nichts über die Wahrheit. Der Grund dafür liegt darin, dass alles Sagbare die Wahrheit nicht erreichen würde und irreführend wäre. Das Kind drückt die Wahrheit eben durch sein Dasein aus, weil es nie von ihr getrennt ist.

Aus: Die Schatzkammer der wahren buddhistischen Weisheit – Dogen Zenji´s Sammlung von 301 Koan – Geschichten erläutert von einem Meister der Gegenwart. 2005, O.W. Barth Verlag.

Notiz: Bedingt durch die Teilnahme am Sommerango, werden die Aktivitäten dieses Blogs wieder in Herbst forgesetzt. Gassho. Meiyo

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NEUNUNDACHTZIG

Eines Tages fragte Meister Sekiso seinen Jisha (Assistenten)
Meister Dogo sagte einmal zu einem Mönch: “Du solltest jenen Ort nicht verwerfen und keine Anhaftung an diesem Ort entwickeln.” Wie ist deine Meinung dazu?

Der Jisha sagte:
Ich verlasse mich völlig auf dein Verständnis Meister.
Der Meister fragte:
Wie ist mein Verständnis?
Der Jisha ging von der West- zur Ostseite und blieb dort stehen.
Der Meister sagte:
Du hast bloß jenen Ort verworfen und haftest an diesem Ort.

Kommentar

Meister Sekiso sagte: „Du solltest jenen Ort nicht verwerfen und keine Anhaftung an diesem Ort entwickeln.“ Der Buddha-Dharma lehrt den Mittleren Weg, der zwischen Anhaftung und Loslösung liegt. Gewöhnlich lassen wir den einen Ort mit der Absicht hinter uns, einen anderen Ort zu finden. Wir werfen sozusagen den Ort fort, an dem wir uns befinden, um einen erwünschten Ort zu erreichen. Der Buddha-Dharma lehrt uns aber, dass die Wirklichkeit dort ist, wo wir uns jetzt befinden.

Der Mönch sagte, sein Verständnis stimme mit dem des Meisters überein. Der Meister bat ihn jedoch, sein Verständnis vorzuführen. Als er seinen Assistenten einfach von dieser auf jene Seite gehen sah, erkannte er, dass dieser sich nur von hier nach dort bewegte, aber in seinem Tun keineswegs die Einheit des Daseins manifestierte.

Aus: Die Schatzkammer der wahren buddhistischen Weisheit – Dogen Zenji´s Sammlung von 301 Koan – Geschichten erläutert von einem Meister der Gegenwart. 2005, O.W. Barth Verlag.

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