DIE ZEIT

Kommt er, fliegt er weg?

Sein Flug läßt keine Spuren.

Die Sonne geht auf.

Noch bevor der Wind die Äste berührt, noch bevor sich das Rascheln in Äste, Blätter und Baum verwandelt, noch bevor das Eis vollständig schmilzt und das Wasser den Berg hinunter fließt und wir noch nicht sagen können, ob es noch kalt oder schon warm, ob es schon hell oder noch dunkel ist, ob es feucht oder trocken ist, ob ich es bin oder die Dinge ausserhalb, findet die Zeit vor der Zeit statt. Wenn der Winter noch nicht ganz vergangen ist und gleichzeitig es noch nicht Frühling ist. Ich nenne es die Zeit des wahren Frühlings. Die Zeit in der das Äußere noch im Einklang mit dem Inneren und der Körper noch vollständig der Geist ist. Die Zeit in der das was gerade geschieht noch keine Gewissheit ist und deshalb eine Zeit des Staunens, der Zerbrechlichkeit, der Berührung, des Erfassens ist. Die Zeit des Erlebens. Die Zeit des Seins.

Nein, nicht immer haben wir geglaubt, dass der Wert eines Menschen von seinem Besitz, seinem Geschlecht, seiner Herkunft, seiner Bildung oder von seiner Gesinnung abhängt. Nicht immer war der Schein mehr als das Sein und die Worten wichtiger als die Taten. Nicht immer brauchte es ein ganzes Menschenleben, bis zum Antlitz des Todes etwa, um zu erkennen, dass wir so vielen sinnlosen Dingen nacheifern, so vielen Illusionen. Nein, nicht immer ist es so gewesen. Es gab auch eine Zeit in der uns bewusst war, dass das eigene Sehen und Hören, das eigene Riechen und Empfinden keine Grenzen kennen, einfach weil der Körper und das Bewusstsein nahtlos miteinander verbunden sind. Es war eine Zeit in der wir deshalb auf Vergleiche, auf Urteile und Schuldzuweisungen verzichteten, weil es keine Suche mehr gab. Weil wir wussten wer wir sind und dass schlicht alles was uns umgibt Teil von uns selbst ist. Eine Zeit, die keinen Namen hatte, weil es keine war. Die Vergangenheit war lediglich das bereits vergangene und die Zukunft war sowieso noch nicht da.

Heute, wenn wir vom wahren Frühling sprechen, bezeichnen wir ihn als das Hier und Jetzt. Wir müssen diese Bezeichnung verwenden, weil wir auf Symbole, Zeichen und Abstraktionen angewiesen sind. Wir müssen so tun als sei die Zeit in Fragmente eingeteilt, welche ähnlich wie ein Puzzle, erst zusammengelegt ein ganzheitliches Bild ergeben. Wir sollen das Erlebte verständlich reproduzieren und nennen es kommunizieren. Ich frage mich wo und wann? Wo ist uns die Einsicht abhanden gekommen, wann haben wir vergessen, dass das Erleben keine Grenzen kennt, weil es sich ständig verändert, weil es keine bestimmte Form besitzt, weil es alle Dinge in sich enthält? Erst mit der Gewissheit? Erst mit dem ersten Wort? Ich blicke in die Zeit vor der Zeit und die Antwort erstaunt mich selbst, denn die einzige plausible Antwort die ich finde ist wieder Hier und Jetzt. Dort wo die Unterteilung in Präsenz, vorher und nachher beginnt. Der Kreis schließt sich und ich fühle mich als wäre ich angekommen. Als wäre ich jetzt dort wo die Zeit beginnt.

Deshalb sage ich Hier und Jetzt ist auch die Zeit wo der Kolonialismus, die Armut, die Vertreibung, die Benachteiligung, wo der Krieg beginnt. Wo die Opfer Täter Umkehr möglich ist, wo immer wieder das Opfer zum Täter und der Täter zum Opfer wird.  Andererseits weilt im Hier und Jetzt auch der Duft des wahren Frühlings. Der Frühling der weder kalt noch warm ist, weder hell noch dunkel, weder trocken noch feucht, der keine bestimmte Form hat und weil er keine bestimmte Form hat, weder entsteht noch vergeht und deshalb auch nicht vom Wissen oder Nichtwissen abhängt. Wie ein Seufzen also, wie ein absichtsloses Lächeln nur, wie ein Traum?  Eher wie der Flug eines Vogels, der während er fliegt keine Spuren hinterlässt. Wie der Wind der alle Dinge gleichzeitig berührt und sich dabei auf nichts bestimmtes niederlässt. Das ist das Wesen der Zeit bevor die Zeit beginnt. Es ist grenzenlos. Es ist friedlich. Es ist frei.

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WINTER

Am Ufer entlang,

Ein Winter, zwei Gesichter.  

Ein neuer Tag bricht an.

Die Blätter sind bereits Vergangenheit, die Bäume sind nun kahl. Der Boden ist gefroren und die Sonne hat auf der Nordhalbkugel den niedrigsten Stand über dem Horizont erreicht. Es ist Winter. Es ist die Jahreszeit der Dunkelheit, es ist die Zeit der Nacht. Es ist die Zeit der äußeren Kälte, und doch, weil alles in der Natur der Kraft des Gleichgewichts folgt, ist der Winter gleichzeitig aber auch viel mehr als das. Für das Auge verborgen und für die Sinne unbemerkt ist da auch die innere Wärme, welche die Kraft der Kälte im Äußerem ausgleicht. Eine unsichtbare Kraft die aus dem Winter auch die Jahreszeit des wahren Lichts macht.

Doch leider sehen wir im Winter meistens nur Kälte, Verlust und Tod und damit nur Unsicherheit, Sorgen und Misstrauen. Das ist der Winter der Illusion. Der Winter als ein Zeitfragment gedacht, als würden die Jahreszeiten sich nicht immerwährend kontinuierlich folgen. Schlaflose Nächte sind dann die logische Konsequenz. Nächte in den wir uns an der Hoffnung klammern der Tod möge uns nicht ereilen, während wir auf den Frühling warten. Wo Hoffnungslosigkeit ist, weilt also auch Hoffnung. Und genau das ist was sich offenbart, wenn wir sämtliche unserer Werte, Ideale, Hoffnungen und Glaubenssätze immer wieder loslassen. Wir verraten unsere Werte also nicht, im Gegenteil sogar. Wir lassen sie immer wieder gänzlich los, um sie vollständig wieder zu empfangen. Um immer wieder zu ihrer wahren Bedeutung zu gelangen, um ihren Ursprung immer wieder zu erfahren und um sie so immer wieder frisch neu zu entdecken. Immer und immer wieder. Mit anderen Worten: der Winter ist nur dann wahrlich kalt, wenn wir an einer bestimmten Vorstellung der Reinheit anhaften.

Einst fragte der ehrwürdige Ananda den ehrwürdigen Mahakashyapa: „Älterer Dhamabruder, was außer dem goldenen Kesa hat der Weltgeehrte dir noch vermacht?“ Mahakasyapa rief: „ Ananda!“ Ananda erwiderte: „Ja?“ Mahakashyapa sagte: „hol die Fahne vor dem Tor ein!“. Ananda erwachte (1). Dieser Geschichte muss hinzugefügt werden, dass Ananda ein direkter Schüler Buddhas war, der beim Lernen besonders herausragte. Er betrieb umfassende Studien und besaß ein breites und tiefes Verständnis des Dharma. Dennoch hatte Ananda bis dahin den Grund des Geistes noch nicht klären können. Er haftete noch immer an seinen eigenen Vorstellungen und Interpretationen. Ähnlich wie wenn wir an einer Vorstellung der Reinheit anhaften. Die Reinheit wird dann zur einer Norm und die Normierung zum wahren Grund für die Unfreiheit in uns selbst und in der Gesellschaft. 

Im Winter wird es besonders deutlich warum der Mensch Träume und Vertrauen braucht. Utopien halten uns aufrecht, wie eine lodernde Flamme wenn der Geist mit seinen eigenen Grenzen hadert und wir den Eindruck haben der Winter sei dieses Jahr besonders kalt und zu allem Übel lauere draußen auch noch ein heftiger Wind. Doch die Erinnerung an eine vermeintlich bessere Zeit ist nicht des Winters wahres Gesicht. Dieses Bild des Winters kommt einer Maske gleich, die von uns selbst erschaffen ist. Um dies klar und deutlich zu erkennen, bedarf es der Klärung des Geistes in der Stille. Dort wo es weder Anfang noch Ende gibt, wo es weder kalt noch warm ist, wo es weder laut noch leise ist. An dieser Stelle, an diesem Or,t zeigt sich das wahre Gesicht des Winters in aller Deutlichkeit. Und was für ein Wunder, wenn das Unsichtbare deutlich sichtbar wird. Wie zum Beispiel in dem Augenblick wenn nach der längsten Nacht des Jahres, die Tage endlich wieder anfangen länger zu werden und wir mit unseren eigenen Augen und Sinnen sehen und erkennen können, dass in uns selbst etwas ist, dem wir uns anvertrauen können, dass immer auch Grund zur Hoffnung gibt, dass Leid und Erlösung ganz beieinander liegen, und das es an uns liegt diesen Widerspruch zu lösen. Es ist Winter und der Kreis schließt sich wieder. Es ist die Jahreszeit in der das Licht beginnt wieder zurückzukehren und wir erkennen können, dass es keinen Grund gab die Hoffnung zu verlieren. Die Natur hält nie still, sie ruht höchstens nur.

 (1) Aus: Denkoroku. Die Weitergabe des Lichtes / Keizan Jokin. Frankfurt: Angkor Verlag, 2008. 

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HERBST

Hinter dem Tempel,

Ein jünger Ahorn im Herbst.

Rot, grün, Gold und Braun.

Der Herbst ist da. Schweigsam fallen wieder die Blätter.  Die Ordnung des Sommers ist erneut durcheinander gebracht, denn obwohl noch Jugend in vielen der Blättern der Bäume steckt, liegt auch gleichzeitig Abschied in der Luft. Wehmut ist fast greifbar nah. Zerfallende Schönheit.  Die Abende werden nun kälter und kürzer. So kurz fast wie ein ganzes menschliches Leben. So kalt wie eine ganze Ewigkeit.

Manche sagen, dass Alles was im Frühling geboren wird, im Herbst ein Ende hat. Wie die Blätter, wie die Blumen.  Doch sie vergessen, dass obwohl die Blätter vergehen, die Bäume mit Ihren Ästen bleiben. In Einsamkeit, in Stille. Eine Stille, die aber nicht stumm ist, im Gegenteil sogar, denn mit jedem gefallenen Blatt ist es als würde sie sagen: im Herbst, wenn die gesamte Natur sich nach Innen beginnt zurückzuziehen bis nichts weiter bleibt als die nackte Einsamkeit, ist das Schweigen Silber und das Sprechen Gold. Ja, es mag zwar dualistisch klingen aber tatsächlich, in der Stille des Herbstes wird klar und deutlich, dass eine nackte Wahrheit tausend Mal besser ist als die feige Schuld. Eine Wahrheit nämlich, wenn sie tatsächlich wahrhaftig ist, ist sie von jedem Zweifel erhaben, ist unmissverständlich, klar, direkt und deutlich. Sich als Freund zu geben aber es im Grunde anders meinen? Sich dabei hinter dem Schild einer Lüge zu tarnen?. Dabei sagen manche, dass es Nichts schutzloseres gäbe als ein vom Wind verwehtes Blatt. Ähnlich einem Kind ohne Familie.  Doch sie irren. Schutzloser ist es komplett nichtwissend dem Gesetz von Ursache und Wirkung ausgeliefert zu sein, denn die Rückschläge können dann von überall herkommen: aus der Vergangenheit, aus der Zukunft oder gar unmittelbar. So kann der Herbst für manche sogar fast ermahnend wirken. Andere wiederum behaupten diese Haltung sei eher naiv, denn im Grunde komme es doch nur auf das Gewinnen an. Doch auch sie irren. Und sie gehen unweigerlich Fehl, weil sie im Herbst nur das Vergehen sehen und missachten, dass nach dem Herbst der Winter kommt und nach dem Winter es wieder Frühling wird. 

Der Herbst verkörpert wie keine andere Jahreszeit die Vergänglichkeit sagen manche dann. Doch sagen Sie das, weil sie in der Vergänglichkeit nur Verlust erkennen, nicht eine Möglichkeit. Die allgegenwärtige Gelegenheit uns jenen unheilsamen Verhaltensweisen bewusst zu werden, die uns daran hindern wahrheitsgetreu zu leben und damit wahrhaftig frei zu sein. Mit anderen Worten gesagt, wozu ist die Redefreiheit noch gut, wenn es keine Denkfreiheit gibt? Denkfreiheit nicht als das zu denken, was einem gerade in den Sinn kommt gemeint, sondern als ein Denken, dass der Erkenntnis zugrunde liegt, dass das was wir im Äußeren wahrnehmen von unserer inneren Befindlichkeit abhängt?  Ja, die Ignoranz ist also tief verwurzelt in uns und viele gedankliche Verhaltensmuster und Ihre Bedeutung sind uns noch völlig unbewusst. Wie der Versuch unserem Nächsten unsere Meinung aufzubürden. Andererseits aber hängt die Befreiung von diesen mentalen Vorgängen nicht vom Alter, nicht vom Geschlecht, nicht von einer ethnischen Zugehörigkeit oder sonstiger Äußeren Bedingung ab. Vielmehr ist sie jedem und jeder zugänglich. Es bedarf lediglich zu lernen mit der eigenen Gedankenwelt umzugehen: aus dem an Nichts anhaften und Nichts abweisen, eine innere Einstellung zu machen. Wie ein Blatt sich dem Fallen, dem Herbst und dem Wind hingeben, ohne über eine angeblich bessere Vergangenheit zu klagen, ohne Angst vor der Zukunft im Sinn.    

Wenn die Innenwelt und die äußere Welt im Einklang sind und wieder Herbst ist, wenn die Blätter schweigsam fallen, dann ist es, weil wir selbst in Frieden sind. Dann ist die durch den Herbst herbeigebrachte Unordnung des Sommers völlig in Ordnung und widerspruchsfrei.  Das Abschiednehmen verursacht keine Wehmut mehr, denn dann ist es eine natürliche Eigenschaft der Schönheit zu zerfallen. Die Abende des Herbstes sind dann weder kalt noch kurz, sondern lediglich so wie sie sind. So lang wie ein ganzes menschliches Leben. So warm wie eine ganze Ewigkeit. 

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SOMMER

Sonne, Himmel, Wind,

Wie der reife Sommer,

Eine Melone.

Es ist Sommer. Der Sommer warm und großzügig. Rund und still. Reif wie eine runde Wassermelone. Im Frühling schweigsam in der kalten Erde gekeimt und durch die Wärme der Sonne im Sommer gereift. Wie unsere Wunden. Wie unsere Narben. Wie die Augenblicke der Trauer. Wie alle Momente der Freude in einem einzigen Moment. Ja, alles ist miteinander verbunden und gleichzeitig ist alles vergänglich. Und dennoch ist alles immerwährend vollständig vorhanden. Wie die inhärente perfekte Rundheit, einer jeden noch so imperfekten Melone. Wie der Körper des Sommers, der trotz seiner formlosen Gestalt eine gesamte Erdhemisphäre gleichzeitig umhüllt. 

Und dennoch… dennoch sprechen uns leider manche Leute immer noch das Recht ab an etwas zu glauben. Als hätten sie das Nichts verstanden sprechen sie uns die Fähigkeit ab in etwas reines zu vertrauen. Vielleicht, weil sie das Wort Reinheit missdeuten. Vielleicht denken sie, dass die Reinheit ein Zustand sein sollte an dem es vor allem darum geht mit den weltlichen Dingen dieser Welt sich selbst nicht zu beschmutzen. Doch irgendwie vermag ich diesem Gedankengang nicht ganz zu folgen.  Zu viele Traditionen haben bereits erkannt, dass es keine Reinheit im Äußeren geben kann, ohne sich der eigenen Schatten im Inneren bewusst zu werden. Vielmehr liegt also eine Instrumentalisierung nahe. Es ist ja zwar banal doch aber auch sehr wirksam etwas nicht verstanden haben zu wollen und gleichzeitig aber aus dem eigenen Weltbild heraus zu urteilen. Wie sonst ließe sich die Anklagebank eines Prangers erklären? Schuldig! Vielleicht geht es doch nur darum um anschließend sagen zu können: Bekenne! Bereue! Und mit welcher Freude viele dann, als wären wir noch im Mittelalter, an dem Pranger teilnehmen! Erschreckend apokalyptisch ist dann das Bild, dass am Ende übrig bleibt: als wäre die Vernunft nur ein Instrument ohne Anstand, ohne Menschlichkeit, ohne Wahrheit und blind für die eigene Angst, merken die Ankläger nicht, dass die Schlinge um den eigenen Hals gelegt ist und sich immer enger zieht. Es ist zum Schreien: Mensch, erkenne dich! Erkenne endlich, dass die Kriege, die ungerechte Verteilung, die Umweltkrise und die Flucht eine und dieselbe Ursache haben: Die Projektion nach Außen unserer im Inneren unreflektierten Angst.    

Würde ich nicht an den Frühling glauben, wie könnte ich mich dem Sommer noch vollständig anvertrauen? Der Sonne, dem Wind, dem Himmel, der Stille? Und wenn ich es nicht täte, würde ich mich dem Sommer nicht völlig hingeben, wäre es als würde ich mich selbst verneinen. Als würde ich die Erfahrung des Gleichgewichts verleugnen. Es wäre als würde ich behaupten, dass es keine Entsprechung zwischen der Inneren und der Äußeren Welt gäbe, als würde ich sagen, dass „gut“ und „schlecht“ nur zufällig aufkommende Begriffe seien, völlig aus dem Zusammenhang gerissen, ohne jegliche Vorgeschichte, völlig unschuldig und unvorbelastet. Als würde nicht jedes Wort, ja jegliches Symbol eine eigene Welt in sich enthalten, als würden sie keine weitere Fragmentierung der Wirklichkeit bewirken können und damit eine entscheidende Verzerrung der Wahrnehmung und damit der Wahrheit verursachen. 

Es ist also nicht so, dass wir im Zen Buddhismus nicht an etwas reines glauben würden. Es ist auch nicht so, dass wir der Wissenschaft und ihren Fakten kein Gehör schenken würden. Mehr noch, sollte die Wissenschaft eine Lehre des Zen Buddhismus als unwahr beweisen, sollte die Zen Praxis ihre Lehren korrigieren. Darüber hinaus ist es aber auch so, dass nach unserem Verständnis die wahre Reinheit sich jenseits der Dichotomie Rein – Unrein befindet. Eine Ebene, die sich Aufgrund des dualistischen Charakters des intellektuellen Denkens einer besonderen Form der Praxis, des Trainings bedarf. Wir lassen von Vergleichen ab, vom Streben nach jeglicher Art von Gewinn, völlig auf die Körperhaltung und die Atmung konzentriert üben uns in Prajna. Prajñā übersetzt aus dem Sanskrit bedeutet Weisheit. Die eine große umfassende Weisheit, die alle Dinge und Phänomene im ganzen Universum durchdringt. Die Sonne, den Wind, den Himmel, die Stille, den Sommer und eben auch eine große reife Melone.

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FRÜHLING

Unsichtbar der Wind,

Unter dem blauen Himmel,

Pink ist die Blüte.

Wenn es den wahren Frühling nicht gäbe, dann gäbe es keine bunten Farben mehr, dann gäbe es keine immer frischen Düfte. Das Einzige was es dann gäbe, wäre ein Bund chemischer Verbindungen. Ein Einheitsbrei, dass keine unterschiedlichen Geschmäcker, Empfindungen und Wahrnehmungen mehr zuließe. Die Hoffnung gäbe es dann auch nicht mehr, denn der Frühling wäre dann nur noch die Folge des Winters und die Ursache für den Sommer. Alles wäre dann damit berechenbar. Sogar die Stille. Dann wäre der Frühling wahrlich gleich dem ewigen Winter. Kalt. Grau. Und düster. 

Nein. Der wahre Frühling ist nicht gleich einem bloß gestellten Lächeln. Es ist nicht eine neue Form des Konformismus. Es ist keine Rechtfertigung für das Unrecht. Es ist viel mehr als ein schlaues Monster geschaffen durch die inneren Aversionen. Denn ich spreche vom wahren Frühling der inneren Wege. Spontan, unsicher, ungewiss und flüchtig und doch überall präsent und in allem gegenwärtig. Der Frühling in dem der Wind keine bestimmte Farbe hat und die Sonne sogar in der Dunkelheit jeden noch so kleinen versteckten Winkel erreicht. Der Frühling also der absolut Alles ist: die Erde, dass Wasser, das Feuer die Luft gleichzeitig aber auch der Winter, der Sommer und der Herbst. Der Frühling der Vielfalt also. Der Frühling des Gleichgewichts. 

Und doch. Was wäre der wahre Frühling ohne den Frühling der einfachen Pflanzen und Blüten, ohne den Frühling der Blumen die keinerlei Bewunderung bedürfen, ohne den Frühling der Wörter, dem Frühling der Herzen? Was wäre der wahre Frühling, gäbe es die Sehnsucht nicht, die Hoffnung nicht, die Unordnung, den Traum, das Delirium? Dann kämme der wahre Frühling einer Fahne gleich. Einer Fahne für die sich lohnen würde zu kämpfen, zu sterben und notfalls sogar auch zu töten. Ich frage mich wieviel Unrecht in Namen des wahren Frühlings nicht schon begangen wurde, wieviel wird noch geschehen und bemerke, dass im Hier und Jetzt das geschichtliche Gedächtnis sich von selbst auf natürliche Art und Weise aktualisiert. So viele Erzählungen kommen auf einmal spontan in mir auf. Geschichten, die ermahnen. Über die Verfolgung, über die Lüge, über die Vertreibung. Ich frage mich wie viele Frühlinge werden vergehen, bis wir wirklich akzeptieren, dass wir zwar unweigerlich miteinander verbunden sind, ja, dass wir aber auch gleichzeitig einzigartig und verschieden sind?  

Wahr oder unwahr, wer den Frühling wirklich erfahren möchte solle wissen dieser lässt sich sehr gut aus der Stille betrachten. Denn der Frühling und die Stille haben eines gemeinsam, dass sie verbindet, dass sie durchdringt, dass sie erst vollkommen macht. Es ist die Vergänglichkeit. Der ewige Wandel, der in allen Dingen Inne wohnt ist auch in der Stille und im Frühling ausgiebig vorhanden. Sowohl in einem alten Blatt, der jetzt erst nachgibt nachdem es nicht nur den Herbst, sondern auch den Winter standgehalten hat, als auch in den neuen Blüten, die voller Leben die Ankunft der warmen Jahreszeit bekunden. Ja, alles hat einen Platz im Frühling. Sogar die Unterscheidung zwischen dem wahren Frühling als auch den sogenannten unwahren, den Frühling der Wörter, denn im Grunde ist er, der Frühling, seit dem Anfang ohne Anfang bis zum Ende ohne Ende, ganz und gar ohne Grenzen. Endlich ist es Frühling.

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ZEN UND DIE VERNUNFT

Ein Vogel, ein Mast.

Er lauscht und alles ist still.

Kühler Wintertag.

In der Tiefe der Wälder, innerhalb der durchlässigen Grenzen der authentischen Stille, dort wo die Laute der Zivilisation sich in den Zweigen, im Rascheln der Blättern sich verfangen, dort wo die vielen Bäume, Lichtungen und Gewässer einen einzigen Körper bilden, ist jede noch so unbedeutende Bewegung bis in den kleinsten Winkel des Umlandes frisch und allgegenwärtig vorhanden. Im feuchten Laub, welcher den Boden bedeckt, im Moos, dass auf den Stämmen der Bäume grünt, in den Nadeln der höchsten Bäume als auch in den Steinen und sonstigen Hindernissen um die das Wasser seine Bewegung fortsetzt. Ja, das Geräusch eines Gewässers, dass mitten durch einen Wald fließt bedarf keiner Übersetzung. Es überbrückt jede Form, jede Gesinnung, jedes Geschlecht. Welcher Hautfarbe es auch sei, welcher Religion auch immer. Die Sprache des Flusses ist für alle gleichermaßen zugänglich, sei es Mensch, Pflanze oder Tier. Allen ist sie im Grunde vertraut, bekannt. Ist das so, weil das Geräusch eines jeden Gewässers eigentlich die Ausdrucksform des eigenen Blutes ist, des eigenen Mutterleibs? Ich kann es nicht beweisen und ich weiß es nicht sicher.  Sehr wohl aber vermute ich es, denn irgendwie ergibt es einen Sinn für mich. Weil es mich berührt, weil es mich beruhigt. Weil es irgendwie mir tief vertraut ist. 

Was hat Zen nun mit der Vernunft zu tun? Hängt davon ab, was wir als vernünftig betrachten, sage ich mir. Und tatsächlich betrachte ich die Vernunft als die Norm, als die Meinung der Mehrheit, als das Befolgen der Regeln der Allgemeinheit, als das was im gesellschaftlichen Sinn als Erfolg gilt, hat Zen nicht viel mir der Vernunft zu tun. Betrachte ich die Vernunft aber als ein authentischer aufklärerischer Akt, als ein wahrhaftiges Bemühen um Wahrheit ohne Eigennutz im Sinn, als eine fortdauernde Infragestellung dessen was offenkundig ist und als eine kontinuierliche Ergründung dessen was uns noch unbekannt ist, dann fallen die Schranken im Geist, dann sehe ich keine Trennung mehr zwischen der Vernunft und einer ernsthaften Praxis der inneren Versenkung. Ja, sage ich mir, der erste Schritt zu einem umfassenderen Verständnis der Vernunft hängt von unserem Vermögen ab unterschiedliche Perspektiven einzunehmen. In weiterer Folge ist auch Akzeptanz anderer Meinungen von Nöten. Oder mit anderen Worten Frieden damit zu finden, dass es in der unmittelbaren Wirklichkeit unterschiedliche Wahrheiten gleichberechtigt koexistieren. Oder nochmal anders ausgedrückt, würden wir sie noch hören, die wahre Vernunft, gäbe es die Regeln und die Normen der Mehrheit nicht? Im Wald, in der Nacht, in der Tiefe der Dunkelheit, ist das Geraschel eines Baches am lautesten zu hören wie es mir scheint.

Warum ich das alles sage? Weil es einfach nicht ok ist die eigene Identität auf Kosten von Feindbildern aufzubauen. Weil es ein Irrweg ist, weil es eine Täuschung darstellt. Eine Täuschung nicht nur an jene die uns zuhören und vertrauen, sondern auch eine Täuschung an uns selbst. Es ist nicht nur irrational, es pervertiert auch die Emotionen. Zu behaupten, dass wir alle uns im Grunde im Krieg befinden ist einfach eine Illusion, eine Lüge, und deshalb auch von vorn und von hinten nicht stimmig. Frieden schaffen mit Waffen, hört sich das etwa widerspruchsfrei, abgewogen, kohärent oder gar ausgeglichen an? Nein, das hört sich ganz und gar nicht vernünftig an, weil es von allen Richtungen betrachtet, einfach nicht vernünftig sein kann. Weder von hinten noch von vorne. Weder von der Oberfläche noch von der Tiefe. Als auch weder von der Vergangenheit aus betrachtet noch von der Zukunft. Damit will ich nicht sagen, dass es nicht vernünftig wäre wenn es nötig ist den Bedürftigen zu helfen. Ich sage lediglich, dass wir uns keinesfalls mit der Unvernunft anfreunden sollten, um Ihr Spiel besser als alle anderen zu treiben. Das ist nicht nur gefährlich, sondern unweigerlich mit Leid verbunden. Dabei steht zu viel auf den Spiel. Manche, die Vernünftigeren unter uns vielleicht, sagen: nicht nur die Zukunft des Planeten, sondern vor allem die Gegenwart.

In der Tiefe des Waldes, wenn ein Bach den Hang herunter plätschert, und das Geräusch des Wassers mit dem gesamten Wald einen einzigen Körper bildet, gibt es keine Vergleiche, kein Streben, kein besser, kein schlechter, keine Angst und damit auch kein Leid. Lediglich kontinuierliche Veränderung. Alles ist dann in Bewegung. Alles ist dann miteinander verbunden. Alles, vom kleinsten Grashalm bis zum höchsten Baum ist Bestandteil desselben Geräuschs und spricht damit ein und dieselbe Sprache. Eine Sprache, die so nah ist und so vertraut, dass ich in ihr mein Vertrauen setzen kann. Und doch bleibt sie uns so oft verborgen. Warum? Vielleicht weil unser Denken so oft voll von Emotionen, von Symbolen, von Meinungen und von Vergleichen ist? Dabei habe ich den Eindruck, dass die Sprache der Flüsse, des Waldes, die älteste und damit die authentischste Form der Sprache ist. Deshalb ist sie die Sprache der wahren Vernunft vielleicht? Ich weiß es nicht exakt aber irgendwie fühlt es sich richtig an. Das Geräusch eines fließenden Gewässers im Wald benötigt einfach keiner Übersetzung. Es ist nichts abstraktes, nichts worüber sich debattieren ließe und doch ist seine Klarheit direkt erfahrbar. Denn irgendwie hört es sich stimmig an. Irgendwie auch vernünftig. Doch beweisen kann ich es nicht. 

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DIE STILLE


Hinter den Gittern,
Ein Bild und ein cooler Spruch.
Gewonnen? Vielleicht.

Ein Kind. Es ist voller Träume und Fragen. Es will lernen, eigene Erfahrungen machen, die Welt erkunden. Nicht mehr vorerzählt bekommen was es zu denken und was es zu fühlen hat. Es will selbst spüren, es will selbst anfassen, es will es selbst wagen. So ist das also mit dem Leben, es gibt die Freude, es gibt die Traurigkeit, es gibt den Ärger, es gibt die Liebe, es gibt die Träume und es gibt auch die Wirklichkeit. Es kommt in die Schule, wo jenseits des elterlichen Schutzes es die Regeln gibt. Geschrieben oder ungeschrieben, die Regeln setzen den Träumen Grenzen, sie weisen den Gedanken den Weg und sie machen einem mit einer bisher unbekannten Größe bekannt: die Stille.

Es gibt verschiedene Formen der Stille. Es gibt die Stille als Freund, es gibt die Stille als Feind. Es gibt die Stille der anderen und es gibt die Stille in einem selbst. Es gibt die Stille des Friedens und es gibt die Stille der Gewalt. Die Stille der Gewalt, nenne ich die Stille als Feind. Das ist die Stille die entsteht, wenn die eigenen Gefühle, Gedanken und Fantasien gewaltsam zum Schweigen gebracht werden. Darum wird sie die Stille der Gewalt genannt. Diese Form der Stille hat sehr viel mit den anderen zu tun. Wie werde ich akzeptiert, was ist gerade angesagt, wie verhalten sich die anderen, wie verhalte ich mich selbst. Die Stille der anderen hat also sehr viel mit meiner eigenen Stille zu tun, denn um den anderen zu entsprechen bin ich sehr oft selbst still. Oder tue ich mir Gewalt an? Die Stille der anderen, welche die Stille in einem selbst ist, hat also oft mit Gewalt zu tun.

Ich sage oft, denn oft ist es so, doch dass heißt nicht, dass es immer so sein muss. Es gibt nämlich noch eine andere Form der Stille und das ist die Stille die dort beginnt wenn die Gewalt zu Ende ist. Wenn die Trennung zwischen mir und den anderen aufgehoben ist. Darum nenne ich sie die Stille als Freund. Es ist die Stille des allgegenwärtigen Friedens, die Stille der unbeschreiblichen Zufriedenheit. Die Stille der Dankbarkeit. Diese Form der Stille gibt es also auch. Es ist die Stille, dass wie die unterste Schicht eines Gemäldes ist und allen Dingen in einem Bild als Grundlage dient. Wie die Luft, dass allgegenwärtig großzügig vorhanden ist. Die Stille, die überhaupt nicht still ist, weil sie im Gegensatz zu rein gar nichts steht. Weder zum Lärm, noch zur Freude, noch zur Traurigkeit, noch zum Ärger, noch zur Liebe, noch zu den Regeln, noch zur Wirklichkeit. Auch nicht zur Wirklichkeit? Auch nicht zur unmittelbaren Wirklichkeit welche sich jenseits des Begriffs befindet, die Wirklichkeit, welche die Bewegung des Lebens selbst ist? Ja, selbst zur Wirklichkeit steht diese Art der Stille nicht im Widerspruch, denn diese Form der Stille und die der unmittelbaren Wirklichkeit sind im Grunde nur unterschiedliche Aspekte ein und der selben Realität.

Eine Schweigespirale ist eine besondere Art der Gewalt. Sie arbeitet still und leise, ähnlich wie die Korruption. Sie ist konstant und verschwiegen wie ein eingeschworenes Network. Wie eine böse Brüderschaft der Nichts oder nur wenig nachgewiesen werden kann, weil sie die Korruption wie ein Hochleistungssport betreibt. Ständig sich verbessernd, immer das Neue in sich absolvierend in dem Glauben verloren, die Demokratie wäre ein Mittel zum Zweck und der Zweck die Diktatur der Mehrheit. Ganz und gar wie eine alte und allgemein bekannte Verschwörungstheorie. Das macht sie schwer greifbar: sind es die anderen oder bin ich es selbst? Sobald die Zweifeln beginnen, wirkt sie bereits. Im selben Augenblick wie die Unsicherheit hineingedrungen ist, beginnt sich die Spirale des Schweigens sich schon zu drehen, denn mit den Zweifeln ist der Kampf schon da. Automatisch setzen wir unsere Rüstung auf. Defensiv, furchtsam oder auf Angriff eingestellt. Das Kind in uns, mit seinen Träumen, seinen Fragen, seinen Fantasien, seiner Kreativität und Sensibilität bleibt dabei gefangen, es verkümmert, in manchen Fällen stirbt es sogar. Ist das die Art von Erziehung die wir wollen? Ist das die Zukunft, welche wir unseren Kindern möglich machen wollen? Egoismus, Besitztum, Führung, Dominanz? Nein. Diese Art der Erziehung käme gleich unseren Kindern unsere Ignoranz auferlegen zu wollen, denn nichts anderes ist der Kampf. Der Kampf ist etwas von uns künstlich geschaffenes, eine Art mentaler Verwirrung die durch den ständigen Lärm in unserem Inneren entsteht. Lärm, in der Meditation ist ein Synonym für Trennung, für das abgelenkt sein. Beispielhaft dafür ist die Dichotomie Lärm und Ruhe. Der Lärm ist aber nicht der Gegensatz zur Ruhe, dies ist ein sehr wichtiger Punkt. Wir fügen den Wörtern eine Bedeutung hinzu, welche auf außenstehende Begriffe aufgebaut ist. Wir sagen Lärm und definieren es als das Gegensatz zur Ruhe. Die Illusion der Trennung entsteht. Tatsache ist aber, dass der Lärm und die Ruhe lediglich unterschiedliche Fragmente ein und der selben Wirklichkeit sind. Nicht im Zusammenhang ergeben die Fragmente ein ganz anderes Bild als das was die Wirklichkeit in jedem Augenblick offenbart. Sprich, unsere Gedanken und das was sich wirklich abspielt verlaufen nicht synchron. Das Denken ist immer in Begriffen und Erwägungen verloren: Ist das gut? Ist das schlecht? Wem wundert es so noch, dass die Dinge immer anders kommen als erhofft?

An dieser Stelle möchte ich deutlich sagen, dass die Lehren des Zen nicht auf Kolonialisierung aus sind. Wie könnte es denn anders sein, wenn alle Fragmente Teil des zusammenhängenden Bildes sind? So ist in unserer Praxis die Tür immer offen, sowohl zum hineinzukommen aber auch um hinauszugehen. Die Praxis des Zen ist kein Wettbewerb. Und schon gar nicht einer bei dem es etwas zu gewinnen gäbe. So wird jeder Glaube auf natürliche Art und Weise respektiert, denn absolut alles was es gibt ist ein Ausdruck des Lebens das wir teilen. Und doch ist es auch wichtig zu erwähnen, dass es nicht richtig wäre, die Meditation als eine Art Zufluchtsort in einer besseren Welt zu verstehen. Die Praxis des Zen hat nichts passives an sich, es ist nicht ein es sich bequem einrichten und tatenlos zusehen wie alles um uns geschieht, weil alles eigentlich fein ist so wie es ist. Zen zu praktizieren bedeutet nämlich, immer und immer wieder das unterscheidende Denken abzulegen um so zu handeln wie es die Situation gerade verlangt. Auf diese Weise, in dem Ausmaß wie die Praxis in uns reift, beginnen wir uns mehr und mehr mit dem zu harmonisieren was um uns geschieht. Mit anderen Worten, indem wir ganz bei dem sind was wir tun schützen wir das Kind. Indem wir unser Leben auf Basis dieser Praxis selbst gestalten erziehen wir es. Das Kind von Außerhalb, dass auch das Kind in uns ist. Mit all seinen Träumen, seinen Hoffnungen, seinen Enttäuschungen und seiner Furcht.

Nein, die Stille ist nicht das Gegenteil vom Lärm. Die Stille ist die Sprache der Natur, das Geräusch einer lodernden Flamme, das leise dahin plätschern eines Baches. Die Stille ist das hin und her treiben des Windes. Die Stille ist die Sprache der Erde, die uns stumm auffordert: Mensch erkenne dich selbst!

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ZWANZIG

Ob hell oder dunkel,
Der Horizont ist weit weg.
Wellen hin und her.

Eines Tages sagte der Beamte Jiku zu Meister Chosa Keishin (1):

– Wenn ein Regenwurm in zwei Teile zerschnitten wird, bewegen sich beide Teile. Ich frage mich: In welchen dieser Teile befindet sich die Buddha Natur des Wurms?

Meister Chosa Keishin erwiderte:
– Täusche dich nicht.

Der Beamte fragte: Wie lässt sich erklären, dass sich beide Teile fortbewegen?
Meister Chosa Keishin entgegnete:
– Die Elemente Wind und Feuer haben sich nur noch nicht aufgelöst.

Der Beamte Kiku wusste darauf keine Antwort. Da rief der Meister mit lauter Stimme nach ihm, und er antwortete:
– Ja?

Meister Chosa Keishin sagte:
– Diese natürliche Reaktion ist dein ursprüngliches Leben nicht wahr?

Der Beamte Jiku erwiderte:
– Selbst wenn wir jetzt das Fragen und Antworten schließen würden, gäbe es keinen zweiten Meister für mich.

Meister Chosa Keishin sagte:
– Ich kann dich heute nicht kaiserlich nennen.

Der Beamte Kiku sagte:
– Wenn das deine Meinung ist, werde ich aller Fragen und Antworten bei dir aufgeben. Denkst du denn, dass ich nicht mein eigener Meister bin?

– Meister Chosa Keishin erwiderte: Ob du mir antwortest oder nicht, ist nicht wichtig. Sich aber Sorgen darüber zu machen, ob man antwortet oder nicht, ist seit ewigen Zeiten die Hauptursache von Leben und Tod.

Dann verfasste er ein Gedicht:

Die Ursache dessen, dass die Übenden des Buddha-Weges die Wahrheit nicht erkennen,
liegt darin, dass sie nur ihren unterscheidenden Geist erkennen,
Doch das war seit ewigen Zeiten die Ursache von Leben und Tod,
Die Törichten aber glauben, er sei ihre ursprüngliche Natur.

Kommentar
Alle Bemühungen in der Praxis des Zen sind auf diesen einen Punkt gerichtet der jenseits der Unterscheidungen ist. Dort wo sich jeder Widerspruch auflöst, sogar die mysteriösesten Rätseln, wo aus der Leerheit die Weisheit entspringt. Es wird behauptet Albert Einstein hätte Mal gesagt, dass die Dunkelheit nicht existiere, weil sie eigentlich die Abwesenheit von Licht sei. Aus dieser Behauptung wurden viele weitere Ableitungen gemacht, doch irgendwie habe ich es mir damit schon immer schwer gemacht. Zunächst schon mal weil ich absoluten Wahrheiten gegenüber gelernt habe skeptisch zu sein aber auch weil ich mich schon immer gefragt habe, was wohl mit dem Licht wäre, gäbe es die Dunkelheit nicht. Angenommen es gäbe keine Dunkelheit und nur noch das Licht, würden wir dann noch wahrnehmen können was das Licht ist? Würden wir es dann noch messen können? Gäbe es dann überhaupt noch so etwas was als Licht bezeichnet werden könnte? Also vielleicht wäre es genauso angemessen zu sagen, dass es das Licht gibt weil es die Dunkelheit gibt. Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Wie dem auch sei, Recht oder Unrecht, die Frage allein gibt Grund für Spekulation, für Zweifel, für Diskussion, unter Umständen vielleicht auch für Streit. Wären wir spätestens an dieser Stelle nicht schon wieder bei der Dunkelheit, der Umneblung zumindest des Geistes angelangt? Hätten wir uns da nicht schon vom wahren Licht distanziert, der sowohl im Äußeren als auch im Inneren strahlt, vom Licht der bedingungslosen Akzeptanz, vom Licht des Gleichgewichts? Ich entdecke die fließenden Grenzen, die Grautöne und das Licht genauso in der Dunkelheit sein kann wie in der Dunkelheit das Licht. Also schließe ich nichts aus sondern nehme sowohl die Dunkelheit als auch das Licht als unterschiedliche Aspekte dieses Augenblicks war. Nichts Fixes sondern verschiedene Phänomene, die sich von Augenblick zu Augenblick in Folge des allgegenwärtigen Prozesses wechselseitiger Abhängigkeit konstant verändern.

Ähnlich weist der Meister die Frage seines Schülers zurück und lehnt es ab darüber zu spekulieren, in welcher Hälfte eines geteilten Wurmes sich die Buddha Natur befinde. Als Jiku auf die Beantwortung der Frage besteht, antwortet Meister Chosa er solle verstehen, dass die physischen Elemente Wind und Feuer sich noch nicht aufgelöst hätten. Jiku scheint dies nicht zu verstehen und um seinem Schüler doch noch zu helfen, ruft der Meister Jikus Name laut. Dieser Antwortet spontan: „Ja?“. Jiku glaubt etwas begriffen zu haben und stimmt der Aussage des Meisters zu, dass unser natürliches Verhalten unser „ursprüngliches“ Leben sei. Dies tut er mit den Worten: „Selbst wenn wir jetzt das Fragen und Antworten einstellen würden, gäbe es keinen zweiten Meister für mich“. Doch ist in seiner Aussage nicht Unsicherheit zu erkennen? Und genau diese Unsicherheit ist Meister Chosa nach, der Grund für Leben und Tod. Auch wenn es Jiku nicht gefällt, auch wenn er es gerne anders haben wollen würde, seine Unsicherheit ist zu erkennen und damit auch der unterscheidende und ausschließende Geist. Ein Geist der identisch ist mit dem Geist der Sehnsucht und der Unzufriedenheit, welcher verursacht, dass wir Dingen hinterher jagen oder den Dingen davon rennen. Der rastlose ewighungrige Geist der es unmöglich macht bis zu uns selbst vorzudringen. Bis zu dem was unsere wahre Natur ist.

Manche Menschen glauben, dass es nicht möglich sei frei von Unterscheidungen zu leben und deshalb unser wahrer Geist eher eine Utopie ist. Dass frei von Unterscheidungen und Kategorien zu leben hieße schwach, ängstlich oder zumindest ziellos zu sein. Es reiche nicht um in einer Welt zu überleben in der die Medienwirklichkeit nicht identisch ist mit der unmittelbaren Wirklichkeit. Es genüge nicht um jenen die Stirn zu bieten, die ohne Skrupeln konsequent die Tatsache ausnutzen, dass im Bezug auf die Medienpräsenz eine schlechte Nachricht besser ist als gar nicht in den Medien zu sein. Jenen, denen jedes Mittel recht ist und sogar die Würde verletzen wenn es sein muss. Es verlange Macht und Mut dazu um die Pressefreiheit, die Demokratie und die Freiheit bewahren zu wollen. Doch wer das sagt hat noch nicht verstanden, dass es unsere Pflicht ist den Totalitarismus schon im Aufkeimen zu entlarven, die Güte ist nämlich nicht echt wenn sie nicht frei und spontan ist. Wie könnte er/sie wissen was es wirklich heißt frei von Unterscheidungen zu sein?

Was sind wir, wenn wir uns nicht über Dinge, die außerhalb von uns sind identifizieren? Was sind wir jenseits von Dingen wie: Religion, unserem Alter, unserem Geschlecht, unserem Besitz, unserem Beruf, unserer Familie oder unserer Nationalität? Was sind wir, wenn wir aufgehört haben den Dingen davon- oder hinterher zu rennen, sodass der Einatmung nur noch die Ausatmung folgt? Was sind wir wenn wir bis zum Ursprung vorgedrungen sind? Der Anbeginn aller Zeiten ist gleichzeitig das Ende der Zeit. Der Punkt wo Alles beginnt wo aber auch Alles aufhört. Dort wo das Leiden seinen Ursprung hat, wo die Gier, die Wut und die Ignoranz beginnen, wo sie aber auch aufhören. Dort wo der Sommer, der Herbst, der Winter und der Frühling sowohl der Winter als auch der Frühling sind.

(1) Koan nr. 20 aus: Die Schatzkammer der wahren buddhistischen Weisheit -Dogen Zenji´s Sammlung von 301 Koan

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CHIE – DAS PARAMITA DER WEISHEIT

LEJANÍA

Von hier, von dort.
Aus der Ferne betrachtet,
Gibt es keine Kluft.

CHIE, oder die Weisheit ist das Meer in welches die fünf Strömungen der Freigiebigkeit, Geduld, Energie, Disziplin und Samadhi münden. Es ist die Intuition. Das reine Wissen, dass aus der vertikalen Ausrichtung der Haltung von Zazen entsteht.

Eine Empfindung, ein Wissen, welches uns aus dem Inneren wissen lässt, dass das Gleichgewicht die eine Kraft ist, welche unsere innere mit der äußeren Welt eint. Mit anderen Worten ist die Weisheit die tiefste Lehre im Zen Buddhismus überhaupt. Die höchste Doktrin. Die Lehre, die es ermöglicht jegliche Illusion zu transzendieren. Das Licht der Wahrheit selbst, welches uns klar erkennen lässt welche Handlungen heilsam sind.

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ZENJO – DAS PARAMITA DER KONZENTRATION

Die Trübung

Die Stimme des Tales ist Buddhas weite und lange Zunge,
die Form der Berge nichts anderes als sein reiner Körper. Eihei Dogen

In der Praxis von Shikantaza – „Nur Sitzen“ – bedeutet sich zu konzentrieren nicht die Achtsamkeit auf etwas bestimmtes zu fokussieren und sich vom Rest der Welt abzutrennen. Es bedeutet auch nicht sich selbst in einen besonderen oder tiefen Zustand der Euphorie oder der Trance zu versetzen. In der Praxis von Zaren sitzen wir einfach. Das heißt, dass unabhängig von welcher Geisteserscheinung im Geist aufkommt, wir präsent bleiben völlig in Einheit mit dem Hier und Jetzt. So verstanden ist in der Lehre von Meister Dogen die Zazen Praxis nicht ein Mittel zum Zweck, sondern der Zweck selbst. Zazen in allen Einzelheiten der Haltung umfasst in sich das gesamte Buddha Dharma und zwar direkt. Hier und Jetzt ist Zazen das Licht der Wahrheit selbst. Und weil dies so ist, kehren wir immer wieder mit der Aufmerksamkeit zur körperlichen Haltung, der Atmung und dem Geist im Hier und Jetzt zurück.

Im Shobogenzo Genjo Koan sagt Meister Dogen, einer der zwei Begründer der Soto Zen Schule:

„Den Buddha Weg zu ergründen, heißt sich selbst ergründen. Sich selbst Ergründen heißt sich selbst zu vergessen. Sich selbst zu vergessen heißt eins mit den zehntausend Dingen sein. Eins mit den zehntausend Dingen sein heißt Körper und Geist von uns selbst und Körper und Geist der Welt um uns fallen zu lassen. Die Spuren des Erwachens ruhen im Verborgenen, und die im Verborgenen ruhenden Spuren des Erwachens entfalten sich über einen langen Zeitraum“.

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