SOMMER

Sonne, Himmel, Wind,

Wie der reife Sommer,

Eine Melone.

Es ist Sommer. Der Sommer warm und großzügig. Rund und still. Reif wie eine runde Wassermelone. Im Frühling schweigsam in der kalten Erde gekeimt und durch die Wärme der Sonne im Sommer gereift. Wie unsere Wunden. Wie unsere Narben. Wie die Augenblicke der Trauer. Wie alle Momente der Freude in einem einzigen Moment. Ja, alles ist miteinander verbunden und gleichzeitig ist alles vergänglich. Und dennoch ist alles immerwährend vollständig vorhanden. Wie die inhärente perfekte Rundheit, einer jeden noch so imperfekten Melone. Wie der Körper des Sommers, der trotz seiner formlosen Gestalt eine gesamte Erdhemisphäre gleichzeitig umhüllt. 

Und dennoch… dennoch sprechen uns leider manche Leute immer noch das Recht ab an etwas zu glauben. Als hätten sie das Nichts verstanden sprechen sie uns die Fähigkeit ab in etwas reines zu vertrauen. Vielleicht, weil sie das Wort Reinheit missdeuten. Vielleicht denken sie, dass die Reinheit ein Zustand sein sollte an dem es vor allem darum geht mit den weltlichen Dingen dieser Welt sich selbst nicht zu beschmutzen. Doch irgendwie vermag ich diesem Gedankengang nicht ganz zu folgen.  Zu viele Traditionen haben bereits erkannt, dass es keine Reinheit im Äußeren geben kann, ohne sich der eigenen Schatten im Inneren bewusst zu werden. Vielmehr liegt also eine Instrumentalisierung nahe. Es ist ja zwar banal doch aber auch sehr wirksam etwas nicht verstanden haben zu wollen und gleichzeitig aber aus dem eigenen Weltbild heraus zu urteilen. Wie sonst ließe sich die Anklagebank eines Prangers erklären? Schuldig! Vielleicht geht es doch nur darum um anschließend sagen zu können: Bekenne! Bereue! Und mit welcher Freude viele dann, als wären wir noch im Mittelalter, an dem Pranger teilnehmen! Erschreckend apokalyptisch ist dann das Bild, dass am Ende übrig bleibt: als wäre die Vernunft nur ein Instrument ohne Anstand, ohne Menschlichkeit, ohne Wahrheit und blind für die eigene Angst, merken die Ankläger nicht, dass die Schlinge um den eigenen Hals gelegt ist und sich immer enger zieht. Es ist zum Schreien: Mensch, erkenne dich! Erkenne endlich, dass die Kriege, die ungerechte Verteilung, die Umweltkrise und die Flucht eine und dieselbe Ursache haben: Die Projektion nach Außen unserer im Inneren unreflektierten Angst.    

Würde ich nicht an den Frühling glauben, wie könnte ich mich dem Sommer noch vollständig anvertrauen? Der Sonne, dem Wind, dem Himmel, der Stille? Und wenn ich es nicht täte, würde ich mich dem Sommer nicht völlig hingeben, wäre es als würde ich mich selbst verneinen. Als würde ich die Erfahrung des Gleichgewichts verleugnen. Es wäre als würde ich behaupten, dass es keine Entsprechung zwischen der Inneren und der Äußeren Welt gäbe, als würde ich sagen, dass „gut“ und „schlecht“ nur zufällig aufkommende Begriffe seien, völlig aus dem Zusammenhang gerissen, ohne jegliche Vorgeschichte, völlig unschuldig und unvorbelastet. Als würde nicht jedes Wort, ja jegliches Symbol eine eigene Welt in sich enthalten, als würden sie keine weitere Fragmentierung der Wirklichkeit bewirken können und damit eine entscheidende Verzerrung der Wahrnehmung und damit der Wahrheit verursachen. 

Es ist also nicht so, dass wir im Zen Buddhismus nicht an etwas reines glauben würden. Es ist auch nicht so, dass wir der Wissenschaft und ihren Fakten kein Gehör schenken würden. Mehr noch, sollte die Wissenschaft eine Lehre des Zen Buddhismus als unwahr beweisen, sollte die Zen Praxis ihre Lehren korrigieren. Darüber hinaus ist es aber auch so, dass nach unserem Verständnis die wahre Reinheit sich jenseits der Dichotomie Rein – Unrein befindet. Eine Ebene, die sich Aufgrund des dualistischen Charakters des intellektuellen Denkens einer besonderen Form der Praxis, des Trainings bedarf. Wir lassen von Vergleichen ab, vom Streben nach jeglicher Art von Gewinn, völlig auf die Körperhaltung und die Atmung konzentriert üben uns in Prajna. Prajñā übersetzt aus dem Sanskrit bedeutet Weisheit. Die eine große umfassende Weisheit, die alle Dinge und Phänomene im ganzen Universum durchdringt. Die Sonne, den Wind, den Himmel, die Stille, den Sommer und eben auch eine große reife Melone.

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