ZEN UND DIE VERNUNFT

Ein Vogel, ein Mast.

Er lauscht und alles ist still.

Kühler Wintertag.

In der Tiefe der Wälder, innerhalb der durchlässigen Grenzen der authentischen Stille, dort wo die Laute der Zivilisation sich in den Zweigen, im Rascheln der Blättern sich verfangen, dort wo die vielen Bäume, Lichtungen und Gewässer einen einzigen Körper bilden, ist jede noch so unbedeutende Bewegung bis in den kleinsten Winkel des Umlandes frisch und allgegenwärtig vorhanden. Im feuchten Laub, welcher den Boden bedeckt, im Moos, dass auf den Stämmen der Bäume grünt, in den Nadeln der höchsten Bäume als auch in den Steinen und sonstigen Hindernissen um die das Wasser seine Bewegung fortsetzt. Ja, das Geräusch eines Gewässers, dass mitten durch einen Wald fließt bedarf keiner Übersetzung. Es überbrückt jede Form, jede Gesinnung, jedes Geschlecht. Welcher Hautfarbe es auch sei, welcher Religion auch immer. Die Sprache des Flusses ist für alle gleichermaßen zugänglich, sei es Mensch, Pflanze oder Tier. Allen ist sie im Grunde vertraut, bekannt. Ist das so, weil das Geräusch eines jeden Gewässers eigentlich die Ausdrucksform des eigenen Blutes ist, des eigenen Mutterleibs? Ich kann es nicht beweisen und ich weiß es nicht sicher.  Sehr wohl aber vermute ich es, denn irgendwie ergibt es einen Sinn für mich. Weil es mich berührt, weil es mich beruhigt. Weil es irgendwie mir tief vertraut ist. 

Was hat Zen nun mit der Vernunft zu tun? Hängt davon ab, was wir als vernünftig betrachten, sage ich mir. Und tatsächlich betrachte ich die Vernunft als die Norm, als die Meinung der Mehrheit, als das Befolgen der Regeln der Allgemeinheit, als das was im gesellschaftlichen Sinn als Erfolg gilt, hat Zen nicht viel mir der Vernunft zu tun. Betrachte ich die Vernunft aber als ein authentischer aufklärerischer Akt, als ein wahrhaftiges Bemühen um Wahrheit ohne Eigennutz im Sinn, als eine fortdauernde Infragestellung dessen was offenkundig ist und als eine kontinuierliche Ergründung dessen was uns noch unbekannt ist, dann fallen die Schranken im Geist, dann sehe ich keine Trennung mehr zwischen der Vernunft und einer ernsthaften Praxis der inneren Versenkung. Ja, sage ich mir, der erste Schritt zu einem umfassenderen Verständnis der Vernunft hängt von unserem Vermögen ab unterschiedliche Perspektiven einzunehmen. In weiterer Folge ist auch Akzeptanz anderer Meinungen von Nöten. Oder mit anderen Worten Frieden damit zu finden, dass es in der unmittelbaren Wirklichkeit unterschiedliche Wahrheiten gleichberechtigt koexistieren. Oder nochmal anders ausgedrückt, würden wir sie noch hören, die wahre Vernunft, gäbe es die Regeln und die Normen der Mehrheit nicht? Im Wald, in der Nacht, in der Tiefe der Dunkelheit, ist das Geraschel eines Baches am lautesten zu hören wie es mir scheint.

Warum ich das alles sage? Weil es einfach nicht ok ist die eigene Identität auf Kosten von Feindbildern aufzubauen. Weil es ein Irrweg ist, weil es eine Täuschung darstellt. Eine Täuschung nicht nur an jene die uns zuhören und vertrauen, sondern auch eine Täuschung an uns selbst. Es ist nicht nur irrational, es pervertiert auch die Emotionen. Zu behaupten, dass wir alle uns im Grunde im Krieg befinden ist einfach eine Illusion, eine Lüge, und deshalb auch von vorn und von hinten nicht stimmig. Frieden schaffen mit Waffen, hört sich das etwa widerspruchsfrei, abgewogen, kohärent oder gar ausgeglichen an? Nein, das hört sich ganz und gar nicht vernünftig an, weil es von allen Richtungen betrachtet, einfach nicht vernünftig sein kann. Weder von hinten noch von vorne. Weder von der Oberfläche noch von der Tiefe. Als auch weder von der Vergangenheit aus betrachtet noch von der Zukunft. Damit will ich nicht sagen, dass es nicht vernünftig wäre wenn es nötig ist den Bedürftigen zu helfen. Ich sage lediglich, dass wir uns keinesfalls mit der Unvernunft anfreunden sollten, um Ihr Spiel besser als alle anderen zu treiben. Das ist nicht nur gefährlich, sondern unweigerlich mit Leid verbunden. Dabei steht zu viel auf den Spiel. Manche, die Vernünftigeren unter uns vielleicht, sagen: nicht nur die Zukunft des Planeten, sondern vor allem die Gegenwart.

In der Tiefe des Waldes, wenn ein Bach den Hang herunter plätschert, und das Geräusch des Wassers mit dem gesamten Wald einen einzigen Körper bildet, gibt es keine Vergleiche, kein Streben, kein besser, kein schlechter, keine Angst und damit auch kein Leid. Lediglich kontinuierliche Veränderung. Alles ist dann in Bewegung. Alles ist dann miteinander verbunden. Alles, vom kleinsten Grashalm bis zum höchsten Baum ist Bestandteil desselben Geräuschs und spricht damit ein und dieselbe Sprache. Eine Sprache, die so nah ist und so vertraut, dass ich in ihr mein Vertrauen setzen kann. Und doch bleibt sie uns so oft verborgen. Warum? Vielleicht weil unser Denken so oft voll von Emotionen, von Symbolen, von Meinungen und von Vergleichen ist? Dabei habe ich den Eindruck, dass die Sprache der Flüsse, des Waldes, die älteste und damit die authentischste Form der Sprache ist. Deshalb ist sie die Sprache der wahren Vernunft vielleicht? Ich weiß es nicht exakt aber irgendwie fühlt es sich richtig an. Das Geräusch eines fließenden Gewässers im Wald benötigt einfach keiner Übersetzung. Es ist nichts abstraktes, nichts worüber sich debattieren ließe und doch ist seine Klarheit direkt erfahrbar. Denn irgendwie hört es sich stimmig an. Irgendwie auch vernünftig. Doch beweisen kann ich es nicht. 

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